Ein guter, sprachlich raffinierter Text kann mit einem delikaten Menü verglichen werden.
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Ein guter, sprachlich raffinierter Text kann mit einem delikaten Menü verglichen werden.

Times mager

Lesenswert

Was soll damit gesagt werden - außer, dass es sich bei dieser Bewertung um ein hingedaddeltes Wort handelt.

Bevor dieser Text das Licht der Welt erblickte, trug Freund T. zur produktiven Verunsicherung bei. Er, sagte Freund T., finde an dem Wort „lesenswert“ überhaupt nichts Verachtenswertes und bestehe darauf, es auch in Zukunft zu verwenden.

Den Einwand, bei Twitter habe dieser Begriff allerdings inzwischen eine solch inflationäre Entwicklung genommen, dass er kaum noch ertragens-, geschweige denn schreibenswert sei, konterte Freund T. mit der entwaffnenden Bemerkung, er sei nicht bei Twitter, weil er dieses Medium nicht für lesenswert halte.

Da Freund T. hingegen intensiv Zeitung liest, soll hier für ihn folgendes noch einmal betont werden: Bei Twitter gibt es unzählige Ausdrucksweisen für die negative Beurteilung von Texten, die nicht genau die eigene Meinung wiedergeben („mieser Erguss“, „gleichgeschaltete Propaganda“, „verlogener Unsinn“ etc.). Das ist oft sehr unschön, aber es gibt auch sachlichere Varianten („ Hier liegt der von mir sonst sehr geschätzte Autor voll daneben“), und auf jeden Fall ist die Vielfalt schon mal gesichert.

Das unterscheidet übrigens Twitter von den meisten Redaktionskonferenzen, wo es nur eine positive („lesenswert“!) und eine negative Note gibt, nämlich: „Der Text hat mich ratlos zurückgelassen.“ Herr, lass Fantasie vom Himmel regnen!

Aber wir waren bei Twitter: Dort gibt es, wie gesagt, vielfältige negative Bewertungsformeln, aber kaum mehr als ein einziges Wort des Lobes: lesenswert.

Das Wort ist, zugegeben, ein legitimer Ausdruck wenn nicht der Begeisterung, dann doch der Wertschätzung und Weiterempfehlung. Wer sehr gute Laune hat, mag sich sogar wegen der Klang-Ähnlichkeit an das Lied „Freunde, das Leben ist lebenswert“ aus Franz Lehars Operette „Giuditta“ erinnern, das allerdings heute auch nicht mehr besonders singenswert ist, denn es endet unter modernen Gender-Gesichtspunkten höchst fragwürdig: „... und die schönste aller Frauen / Wird vielleicht noch heute dein!“

Abgesehen davon: Könnte sich die Twitter-Gemeinde nicht öfter mal etwas anderes einfallen lassen? Ist die deutsche Sprache so arm dran, dass das ganze Spektrum von „interessant“ über „beachtlich“ bis „grandios“ durch ein hingedaddeltes „lesenswert“ quasi wertlos gemacht werden muss?

Ein guter, sprachlich raffinierter Text lässt sich mit einem delikaten Menü vergleichen, da wird der so koch- wie schreibbegabte Freund T. nicht widersprechen. Wenn das aber so ist, dann wollen wir uns jetzt alle mal vorstellen, es gäbe eine große Plattform, auf der kulinarische Leistungen bewertet werden, und die allermeisten Bewertungen bestünden aus einem Wort: „essbar“. Freund T. würde wohl immerhin sagen: essenswert. Und das soll reichen?

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