Filmfestspiele in Cannes

Lesbendrama gewinnt Goldene Palme

Goldene Palme für „La Vie d’Adèle“: Zum Abschluss der 66. Filmfestspiele von Cannes.

Von Anke Westphal

Die neuen Filme von Jim Jarmusch und Roman Polanski gingen leer aus bei der Preisvergabe des 66. Festivals von Cannes. Gezeigt wurden sie ganz zum Schluss, am Freitagabend und Sonnabendmorgen – als Arbeiten zweier namhafter Regisseure, aber nicht als ernsthafte Palmen-Anwärter. Jarmusch erzählt in „Only Lovers Left Alive“ von einem Vampirpaar, das seit hundert Jahren verheiratet ist und nun durch eine Welt streift, die von „zombiehaften“ Menschen bewohnt wird.

Und weil das Paar deren Blut für verseucht hält, bezieht es seine Nahrung aus dem Krankenhaus. Popkulturelle Bezüge machen „Only Lovers Left Alive“ zum Insider-Vergnügen. Roman Polanski verfilmte mit „Venus in Fur“ erneut ein Theaterstück: Das Zwei-Personen-Drama handelt von einer Schauspielerin (Polanskis Frau Emmanuelle Seigner), die bei einem Regisseur für eine Rolle vorspricht, wobei sich nach und nach die Rollen der Protagonisten umkehren.

Pornografie-Vorwürfe

Am Sonntagabend wurden die Hauptpreise eines Festivals ohne klaren Favoriten vergeben. Im Grand Théâtre Lumière des Palais“ von Cannes ging die Goldene Palme nach Frankreich: an „La Vie d’Adèle, Chapitre 1 & 2“ von Abdellatif Kechiche – an diesen intensiven Film über ein lesbisches Paar waren wegen der hyper-intimen Kameraführung sowohl Pornografie- als auch Voyeurismus-Vorwürfe ergangen. Mit dem Großen Preis der Jury wurde die im Folkmusikmilieu um 1961 angesiedelte Tragikomödie „Inside Llewyn Davis“ von Ethan Coen & Joel Coen (USA) ausgezeichnet. Den Preis der Jury erhielt „Like Father, Like Son“ von Kore-Eda Hirokazu (Japan): eine Geschichte über vertauschte Babys und soziale Milieus. Auch die beiden Filme, die sich berührend an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ihrer Heimat abarbeiten, erfuhren Würdigung: Jia Zhangke für „A Touch Of Sin“ (Bestes Drehbuch) und Amat Escalante (Mexiko) für „Heli“ (Beste Regie). Bester Darsteller wurde Bruce Dern in „Nebraska“ von Alexander Payne. Als beste Darstellerin wurde Bérénice Bejo für ihre Rolle in „The Past“ von Asghar Farhadi ausgezeichnet. Damit hat die Jury unter Steven Spielberg geradezu salomonisch abgewogen zwischen kinematografischer Kunst und gut inszeniertem „Human Touch“.

Auch dieses 66. Festival war keines der Frauen. Der einzige Film einer Regisseurin im Wettbewerb, „Un cháteau en Italie“ von Valeria Bruni-Tedeschi, fiel weitgehend durch bei den Kritikern: Als Geschichte einer in Geldnöte geratenen Familie, die ihr Schloss verkaufen muss, war der Film zu stark der hysterischen Tragikomik Bruni-Tedeschis verhaftet.

Cannes 2013 war ein Festival der auf je verschiedene Weise beschädigten Männer. Es war auch ein Festival exzessiver Gewaltbilder und Racherituale. Nun stellt sich die Frage, wieviel Gewalt durch Kunstambition gerechtfertigt werden darf. Aber Cannes war natürlich mehr als der Wettbewerb um die Hauptpreise. Ein historischer Moment war es, als der greise Dokumentarist Claude Lanzmann seinen vermutlich letzten Film präsentierte, „Le Dernier des Injustes“, über den letzten überlebenden Judenältesten des Ghettos Theresienstadt, Benjamin Murmelstein. Thierry Frémaux, künstlerischer Chef des Festivals, wollte Lanzmanns Arbeit im Wettbewerb zeigen; der Regisseur hatte abgelehnt – er ist ein Sonderfall. Den Wettbewerb 2013 hätte „Le Dernier des Injustes“ überragt wie ein Riese eine Horde kleiner Kinder.

In der Nebenreihe „Un certain regard“ gewann die Dokumentation „The Missing Picture“ des Kambodschaners Rithy Panh über die Herrschaft der Roten Khmer.

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