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Leonardo da Vincis Rötelzeichnung, die heute in der Biblioteca Reale in Turin aufbewahrt wird, gilt als Selbstporträt.

Leonardo da Vinci

Das Lächeln über die Entstehung der Welt

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Vor 500 Jahren starb Leonardo da Vinci. Es scheint nichts zu geben, das ihn nicht interessiert hätte.

Als Leonardo 1516 die Einladung des französischen Königs Franz I. annahm, seinen Lebensabend auf Schloss Clos Lucé in Amboise zu verbringen, brachte er eine Reihe seiner Gemälde mit, weil er weiter an ihnen arbeiten wollte. Darunter die „Mona Lisa“ und die „Heilige Anna selbdritt“, die heute beide im Louvre hängen.

Betrachten wir einen Augenblick lang ein Detail der „Heiligen Anna selbdritt“. Es zeigt den etwa einjährigen Jesusknaben, wie er einem kleinen Lamm an den Hals geht. Er spiele mit ihm, sagen manche Kunsthistoriker. Andere meinen, das Jesuskind versuche, dem Tierchen den Hals umzudrehen. Der Blick durch ein Vergrößerungsglas mag diese Ansicht nicht zu hundert Prozent bestätigen, aber er macht sie doch sehr plausibel. Die Muttergottes versucht den kleinen Weltenretter von seinem Attentat auf das unschuldige Lamm zurückzuhalten. Das Baby lächelt Mama herzig an, verstärkt aber gleichzeitig – man ist versucht zu sagen: dadurch – den Druck, den sein Knie auf den Kehlkopf des Tieres ausübt.

Das Kind lässt nicht ab von seinem Tötungswerk. Volker Reinhardt interpretiert dieses Geschehen in seinem Buch „Leonardo da Vinci – das Auge der Welt“ so: „Die beiden Frauen (Anna und ihre Tochter Maria) sind nichts als Liebe, füreinander und für das Kind, und diese Liebe für das eigene Fleisch und Blut ist natürlich. Natürlich ist aber auch die zerstörerische Regung des so sorgsam behüteten kleinen Jungen, der seine Kraft zur Vernichtung eines anderen Lebens benutzt. Die Natur macht keine Ausnahmen, sie duldet nichts Übernatürliches, nicht einmal als Zauberkraft. Die christliche Religion ist mit ihrer übernatürlichen Erlösungsbotschaft in die Natur zurückgeholt und damit entzaubert.“

Leonardo da Vincis Darstellung zeigt: Die Natur setzt sich durch

Achten Sie auf Jesus und das Lamm: „Die Heilige Anna selbdritt“, 1501–07, die heute im Louvre hängt.

Leonardos Darstellung zeige also, dass die Natur sich durchsetzt. In der Liebe der Frauen und im „brutalen Tötungsakt“ des Knaben. Leonardo beschreibe, was ist, und nicht, was sein soll. Er verklärt nicht. Er erklärt. Reinhardt weist die Vorstellung zurück, hier werde gezeigt, wie Jesus – das Lamm Gottes – mit der spielerischen Tötung des Tieres seine eigene vorwegnehme. Christus als einen zu zeigen, der sich selbst tötete, sei eine blasphemische Vorstellung. Das scheint mir die zentrale Pointe der christlichen Botschaft zu verfehlen. Die erzählt schließlich vom dreieinigen Gott, der seinen eingeborenen Sohn hingibt zur Erlösung der Menschen. Die Menschwerdung und die Tötung des Menschensohns – das ist die Heilsgeschichte.

Darum ist Reinhardts Beobachtung, dass die schützende Bewegung der Mutter sich in der mordenden des Knaben fortsetzt, theologisch so stimmig. Die Liebe Gottes zeigt sich in der Entschlossenheit, das Lamm zu opfern.

Hier ist kein Platz, um ausführlich auf das so viele Bereiche umfassende Werk Leonardo da Vincis einzugehen. Aber dieser Blick auf das Jesuskind als Lammtöter sei anlässlich des 500. Todestages Leonardo da Vincis doch gestattet. Er war am 15. April 1452 in Anchiano, einem Stadtteil von Vinci, geboren worden. Dort soll in dem vergangenen halben Jahrtausend, schreibt Wikipedia, sich so gut wie nichts verändert haben. Weinberge, Olivenbäume. Nur Touristen sind dazugekommen.

Leonardo da Vinci gilt als einer der bedeutendsten Maler Europas

Leonardo da Vinci, der kaum 20 Gemälde hinterlassen hat, gilt als einer der bedeutendsten Maler Europas. Er war Festungsbauer, Rüstungsfachmann, Festegestalter, Eventmanager also, und es sind Hunderte Skizzen von ihm überliefert, mit denen er über Naturphänomene aller Art nachdachte, sich Flug- und Tauchmaschinen überlegte. Es scheint nichts gegeben zu haben, wofür er sich nicht interessierte.

„Der Mann, der alles wissen wollte“ überschreibt Bernd Roeck seine ebenfalls bei C. H. Beck erschienene Biografie Leonardos. Mit dem Maler hat das freilich nur wenig zu tun. Von den 21 von Frank Zöllner in „Leonardo da Vinci – sämtliche Gemälde“ (Taschen) als eigenhändige Arbeiten des Meisters qualifizierten Bildern stellen 15 religiöse Motive dar. Nicht religiös sind sechs Porträts. Die berühmte Anghiari-Schlacht ist nicht erhalten. Nach überquellender Neugierde sieht das nicht gerade aus. Man vergleiche dagegen die sich immer wieder auf andere Weltabschnitte werfende Wissbegierde des knapp zwanzig Jahre jüngeren Malerzeitgenossen Albrecht Dürer (1471–1528).

Leonardo da Vinci hat alles beobachtet und Aufzeichnungen gemacht

Hochempfindliches Blatt mit Krebsen, für wenige Tage (bis 5. Mai) im Wallraf-Richartz-Museum Köln zu sehen.

Sowie man sich aber der schriftlichen Hinterlassenschaft Leonardo da Vincis zuwendet, entsteht ein ganz anderes Bild. Es scheint nichts zu geben, das ihn nicht interessiert hätte. Er hat alles beobachtet, Aufzeichnungen dazu gemacht, Berechnungen angestellt, immer wieder von neuem überlegt, nochmals beobachtet. Mal ganz systematisch, dann wieder alles eingebettet in seine katastrophischen Aufschreibsysteme. Man bekommt eine Ahnung davon, wenn man zum Beispiel „Leonardo da Vinci – das Wasserbuch“ (Schirmer/Mosel), herausgegeben von Marianne Schneider, liest. Es gibt nämlich kein Wasserbuch. Es gibt nur, verstreut über die verschiedensten Kodizes, Texte, Bilder und Skizzen mit Beobachtungen Leonardos über das Wasser und seine Betrachtungen dazu. Wie entstehen Flüsse? Wo kommt das Regenwasser her? Woher Muscheln auf den Bergen? Immer wieder unternahm Leonardo den Versuch, seine Gedanken zu ordnen, aber nirgends entstand auch nur ein einziges Buch daraus.

Leonardos Handschriften umfassen etwa 5000 schwer zu lesende Manuskriptseiten. Er hatte die Angewohnheit, von rechts nach links zu schreiben, machte einmal aus mehreren Wörtern eines, ein andermal trennte er eines in mehrere. Punkte setzte er keine. Am meisten wird die Lektüre freilich dadurch erschwert, dass Leonardo nicht beim Thema bleibt. Er beginnt eine Seite mit einer Betrachtung zur Astronomie, dann kommt er zu Klangphänomenen, und am Ende der Seite geht es um die Farbenlehre. Auf einer anderen Seite fängt er an mit den Verdauungsorganen und endet mit philosophischen Bemerkungen zum Verhältnis von Poesie und Malerei.

Ich habe vor mir „Leonardo da Vinci: Tagebücher und Aufzeichnungen“, übersetzt und herausgegeben von Theodor Lücke. Die erste Ausgabe erschien wohl 1940 in der Deutschen Buchgemeinschaft. Ich lese die zweite, die 1952 bei Paul List in Leipzig erschien. Die Übersetzung versucht Leonardo verständlich zu machen. Das ist lobenswert, aber es heißt auch, dass es im Einzelnen wohl nicht ginge ohne einige Rückgriffe auf das italienische Original.

Bei Leonardo da Vinci spielt Gott keine Rolle

Um Einzelnes geht es mir hier aber nicht. Ich habe den Band – 954 Seiten – gelesen, und es gibt einen frappierenden Eindruck: Gott spielt keine Rolle bei Leonardo. Nirgendwo, nirgends fragt Leonardo nach der Natur Gottes. Die Trinität ist kein Thema, und die Frage nach dem gnädigen Gott scheint ihn keine Sekunde umgetrieben zu haben. Theologische Fragen werden nicht nur nicht erörtert, sie werden nicht einmal ignoriert.

Leonardo da Vinci dachte über Naturphänomene aller Art nach und überlegte sich Flugmaschinen wie diesen Hängegleiter, der als Nachbau in einer Ausstellung im Museum der Universität Tübingen hängt.

Die Welt kommt ohne Gott aus. Um welches Problem es sich auch immer handelt, niemals ist Gott dafür zuständig. Nur eine Sekte von Ignoranten, so notiert Leonardo, könne behaupten, Muscheln seien durch himmlische Einflüsse auf Bergeshöhen gekommen. Da, wo heute Berge sind, da war früher einmal das Meer, das belegen die Muscheln, erklärt Leonardo.

Solche polemischen Stellen sind freilich selten. Der moderne Leser braucht eine Weile, bis ihm die Abwesenheit Gottes auffällt. Wir haben uns daran gewöhnt, ihn bei der Erklärung von Naturphänomenen nicht mehr hinzuzuziehen.

In Leonardos Texten spielen auch Bibelstellen keine Rolle. Nichts liegt ihm ferner als die Vorstellung, sie als Autorität bei der Welterklärung zu benutzen. Liest man Leonardo, begreift man, was für einen Rückschritt die Schriftgläubigkeit der Reformation bedeutete. Leonardo beobachtet und analysiert. Manchmal steht auch einfach nur ein Satz da wie ein Findling aus der Zukunft. „Die Sonne bewegt sich nicht!“, heißt es in den in der Königlichen Bibliothek von Windsor aufbewahrten „Quaderni di Anatomia“. Ich wüsste gerne, in welcher Umgebung dieser Satz steht und ob er auch im Original mit einem Ausrufezeichen endet.

Auf den 954 Seiten von Lückes Übersetzung kommt Gott achtmal vor. Da ist mitgezählt: „Mag Gott erklären, warum Sie mir auf die vielen Briefe, die ich an Sie geschrieben habe, nie geantwortet haben.“ An keiner Stelle taucht Gott als die Ursache von irgendetwas auf. Weder von etwas ganz Spezifischem noch als die der Weltentstehung.

Bei Leonardo da Vinci taten sich Augen und Hände zusammen

Undatiertes Portät von Leonardo da Vinci.

Einmal notiert Leonardo: „Ich gehorche dir, Allmächtiger, erstens wegen der Liebe, die ich dir vernünftigerweise entgegenbringen muss, und zweitens, weil du das Leben der Menschen verkürzen oder verlängern kannst.“ Wer das als Glaubensbekenntnis liest, der hat sein Ohr vor dem ironischen Unterton verschlossen. Andernorts schreibt er: „Der Mensch und die Tiere sind eigentlich, da sie ihr Leben durch den Tod der anderen gewinnen, nur ein Durchgang und Kanal für die Nahrung, eine Herberge der Toten, eine Hülle der Verwesung.“

Auch die oft so gerne mit Gott identifizierte Natur hat nur zwanzig Auftritte in Leonardos Texten. „Natürlicherweise hat die Natur mich so geschaffen“, notiert er sich. „Natürlicherweise“ – also kann man dahinterkommen, wie sie es getan hat. Die Welt steckt voller Geheimnisse, aber sie sind lösbar. Das nimmt ihr nichts von ihrer Schönheit. Im Gegenteil. Das „Hauptgeschenk der Natur“ an den Menschen war in Leonardos Augen die Freiheit. Welche Rolle sie spielte in seinen Gedanken, in seinen Aufzeichnungen, wäre eine eigene – ich fürchte, nicht gar zu ergebnisreiche – Untersuchung wert.

Leonardo war ein Mensch, bei dem sich Augen und Hände zusammentaten. Wenn er etwas begriff, so darum, weil er es begriff. Was er sah, erkannte er, indem er es nachgestaltete. Sei es als Maler, als Bildhauer, der er auch manchmal war, oder als Experimentator. Er schlägt nicht nach – auch nicht in den heidnischen Autoren –, sondern untersucht selbst. Das war die Freiheit, die er sich nahm. 1784 erklärte Immanuel Kant: „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Die Freude an diesem Mut spürt man bei Leonardo in fast jeder Zeile.

Volker Reinhardt überschreibt sein Kapitel über die „Mona Lisa“ mit der schönen Wendung „Das Lächeln über die Entstehung der Welt“. Die Gebirgslandschaft hinter ihr zeigt die Welt, so wie sie war, als sie dem Meer entstieg. Es ist die gleiche Landschaft wie im Hintergrund der „Heiligen Anna selbdritt“, und vielleicht ist auch das Lächeln von Mutter und Großmutter das von Menschen, die die Labyrinthe des Fortschritts, die Gänge der Evolution von Erde und Mensch ergründet haben und wissen, dass auch sie selbst wie die sie einschließenden Landschaften und wie das sie umfließende Wasser und die in ihnen fließenden Flüssigkeiten Natur sind.

Leonardo, wurde ihm schon von Zeitgenossen vorgeworfen, male stets sich selbst. Vielleicht hat er in diesem wissenden Lächeln sich selbst porträtiert? Vielleicht sind die schützende Maria und der tötende Jesusknabe Darstellungen des eigenen Selbst? Hineingestellt in eine gerade erst aufgestiegene Welt, die aber fern jeder Verzweiflung, vielmehr heiter und gelassen ihr mörderisches Ende schon vor sich sieht.

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