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27. Januar 1944 in Leningrad, der Tag der Befreiung aus der Belagerung durch die Wehrmacht.

Blockade von Leningrad

Nicht erobern, sondern vernichten

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Vor 75 Jahren endete die Blockade von Leningrad durch die Wehrmacht. Dem Kriegsverbrechen fielen mindestens 800 000 Zivilisten zum Opfer.

Die Lage in der Stadt verschlechterte sich dramatisch. Die Fabrikarbeiterin Anna Jaschina sagte ihrem ältesten Sohn Anatoli, er solle Katzen fangen. „Ja, ja, mache ich“, sagte er. Aber als der Zehnjährige sich auf die Jagd machen wollte, gab es keine Katzen mehr. Jaschinas Enkel Nikita Lomagin hat Angaben der Leningrader Stelle des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) veröffentlicht, nach denen schon im November 1941 alle Katzen in der Stadt verzehrt waren. 1942 brach deshalb eine Rattenplage aus, Seuchen drohten, man begann, Katzen aus dem russischen Hinterland heranzuschaffen. Im westsibirischen Tjumen steht bis heute ein Denkmal für die 5000 sibirischen Katzen.

Am 27. Januar vor 75 Jahren endete die Blockade von Leningrad. Am 8. September 1941 hatte die Wehrmacht den Ladogasee erreicht und so die Landverbindung des heutigen Sankt Petersburg zum übrigen Russland abgeschnitten. Es blieb nur der See, über dessen Eis man im Winter Lastwagen schicken konnte. Schließlich standen die deutschen Panzer im September schon in den Vororten von Leningrad, da gab Hitler persönlich den Befehl zum Anhalten. Der Diktator wollte die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion nicht erobern, er wollte sie vernichten – mitsamt ihren Einwohnern. Die längste Schlacht des Zweiten Weltkriegs dauerte fast 900 Tage.

Die russische Wikipedia zählt 650 000 Zivilopfer, die deutsche 1,1 Millionen. „Die russische Zahl beruht auf den offiziellen Angaben der Sowjetunion beim Nürnberger Prozess. Die Behörden beharrten auf ihnen, weil sie die Ergebnisse des Prozesses auf keinen Fall infrage stellen wollten“, erklärt Lomagin. In den sechziger Jahren hätten zwei Sowjethistoriker die Bewohnerlisten der Leningrader Häuser, die Statistiken des städtischen Gesundheitsamts und der Evakuierungspunkte ausgewertet. „Danach sind 800 000 Leningrader verhungert, mindestens“, sagt Lomagin. Zehntausende nicht gezählt, die bei oder nach der Evakuierung starben.

Nikita Lomagin, Professor der Europäischen Universität in Sankt Petersburg, gilt als einer der besten Kenner der Zeit der Blockade. Der Geschichtswissenschaftler betont, seine Großmutter habe ihm viele Antworten gegeben, die in keinem Archiv zu finden waren. Anna Jaschina gab lange Jahre nur ungern etwas preis, als sie jedoch 1989 sah, dass ihr Enkel an einer Doktorarbeit schrieb, in der er wie alle Sowjethistoriker Exzesse wie beispielsweise Kannibalismus in der belagerten Stadt bestritt, schlug sie ihm vor zu reden.

Anna Jaschinas Mann kämpfte als Soldat an der Kesselfront und fiel. Die 30-Jährige blieb mit drei Kindern und ihrer Schwiegermutter in der hungernden Stadt zurück. „Zuerst starben ältere Männer, dann Säuglinge“, sagt Lomagin. Die Säuglinge starben, weil ihre Mütter keine Milch hatten, um sie zu stillen, die Pensionäre mussten mit einer Brotration von 125 Gramm am Tag auskommen. Arbeiter erhielten 250 Gramm, Kinder bis zwölf Jahre 200 Gramm. Dazu gab es ein bisschen Margarine, etwas Kohl oder ein paar Eier im Monat. „Die Menschen bekamen ein Viertel bis ein Drittel der Kalorienmenge, die zum Überleben notwendig ist.“ Die Lebensmittelkarte eines Arbeiters wurde zum strategischen Ziel im Überlebenskampf.

Leningrader Intelligenzija hatte am wenigsten Chancen

Am wenigsten Chancen hatten Nicht-Arbeitstätige im Stadtzentrum, also die Leningrader Intelligenzija. Anna Jaschina und die Ihren hatten mehr Glück: Mit ihrer Arbeiterkarte bekamen sie auch Tabak, den sie auf dem Schwarzmarkt bei besser versorgten Rotarmisten gegen Brot tauschten. Und sie wohnten in einem Fabrikwohnheim in einem zweistöckigen Holzhaus am Stadtrand auf der Wassilewski-Insel. Am Stadtrand war es leichter, Brennholz zu beschaffen oder nicht abgeerntete Kartoffeln von den Sowchosfeldern.

Als Ende Dezember alles verzehrt war, ging Anna zu Verwandten in eine Siedlung am rechten Newa-Ufer, die sich sogar Hühner hielten. „Die Familie wurde zur rettenden Organisationsform. Sie verteilte die knappen Reserven und die Arbeit. Meine Großmutter ging in die Fabrik, ihre Schwiegermutter stand mit den Lebensmittelkarten Schlange“, erzählt Lomagin. „Die Familie spendete seelischen Komfort, die Kinder motivierten den eigenen Überlebenswillen.“

In ihrer Not und Verzweiflung verzehrten die Leningrader auch gekochte Ledergürtel, Möbelleim, Hunde oder Krähen. Laut NKWD machte man sich über etwa 2000 Leichen her. Anna Jaschina ließ ihre Tochter niemals allein ins Lebensmittelgeschäft gehen, aus Angst, Kannibalen könnten sie verschleppen. Laut Lomagin töteten Menschenfresser mehrere hundert Kinder. Von den 500 000 Leningradern Kindern unter zwölf Jahren wurde etwa die Hälfte evakuiert, von den übrigen lebten Anfang 1944 noch 80 000.

In der Stadt spielte das Leningrader Sinfonieorchester Schostakowitsch, während verhungernde Menschen auf der Straße zusammenbrachen. Draußen, auf der anderen Seite der Front, verfassten deutsche Landser Heimatbriefe. „Du wolltest noch wissen, wie wir verpflegt werden“, schreibt ein Infanterieleutnant seiner besorgten Frau. „Jeden Tag 50 Gramm Butter, 120 Gramm Wurst, zum Mittagessen 120 Gramm Fleisch, Makkaroni, Erbsen...“ Dazu gebe es Bohnenkaffee, Tee, Alkohol, Bonbons, Schokoladen, Zigaretten, eingemachtes Obst und andere „Leckerbissen“. Der Feind aber sei dezimiert, in Leningrad herrschten Seuchen und Hunger. „Nur, die Schweinehunde wollen nicht kapitulieren.“ Bis die Stadt falle, werde wohl die Hälfte der Menschen verhungern.

Die deutschen Frontsoldaten hätten gewusst, was sie anrichteten, sagt Lomagin. Und er liest den einschlägigen Befehl eines Divisionskommandeurs von 1941 vor: Man werde die Festung Leningrad durch Aushungern zur Kapitulation zwingen. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, Wilhelm Ritter von Leeb, der die Nazis nicht mochte, bat im Januar 1942 um seine Ablösung. Vorher hatte er sich in seinem Kriegstagebuch wiederholt beschwert, man komme nicht nah genug an die Stadt heran, um sie massiv durch Artillerie beschießen zu können.

Die Blockade war auch eine Folge der für einen Sturmangriff zu schwachen deutschen Kräfte. Auf sowjetischer Seite waren die Reserven jedoch ebenfalls knapp. Fast 900 Tage herrschte an der Leningrader Front ein fatales Kräftegleichgewicht, mehrere sowjetische Gegenoffensiven scheiterten blutig, auch wenn es im Januar 1943 gelang, einen schmalen, unter Beschuss liegenden, Eisenbahn-Korridor freizukämpfen. Lomagin schätzt die Verluste der Roten Armee in den Kämpfen um Leningrad auf etwa 700 000 Mann, Vermisste und Gefangene nicht mitgezählt. „Allein die Sprengung des Belagerungsrings im Januar 1944 hat 300 000 Tote und Verletzte gefordert.“

Wie die meisten Petersburger hat der Historiker den Deutschen verziehen. „Es gab ein anderes Deutschland vor Hitler und Gott sein Dank auch nach Hitler.“ Für ihn sei der Umgang der Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit wichtiger. „Wir haben in der DDR sehr viel Reue erlebt. Es verdient auch Respekt, wie deutsche Historiker die Verbrechen der Wehrmacht offenlegen.“ Als es in den 90er Jahren in Petersburg große wirtschaftliche Probleme gab, seien die Deutschen die ersten gewesen, die geholfen hätten. „Vor allem haben wir die Deutschen besiegt. Im Gegensatz zu anderen Opfern der deutschen Aggression wie den Niederlanden oder Dänemark konnten wir unsere Ehre verteidigen.“

Anna Jaschina und die Ihren verließen die Stadt Ende März 1942, mit einem der letzten Transporte über das tauende Eis des Ladogasees. „Sie hatten sehr viel Glück“, sagt Lomagin. Eine Woche später vernichtete eine Bombe ihr Holzhaus in Leningrad. Sie hatten den Ladogasee schon überquert und fuhren im Zug weiter, als die Schwiegermutter an Herzversagen starb. Zwei Wochen später erlag der vierjährige Juri, Annas jüngster Sohn einer Lungenentzündung. „Ich denke, auch sie waren Opfer der Blockade“, sagt Lomagin.

Bücher zum Thema

Verbrechen der Wehrmacht: Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Hg. vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Ausstellungskatalog. Hamburger Edition. 749 S., 30 Euro.

Jörg Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. Ferdinand Schöningh Verlag. 712 S., 45,90 Euro.

Adrian E. Wettstein: Die Wehrmacht im Stadtkampf 1939–1942. Ferdinand Schöningh Verlag. 452 S., 46,90 Euro.

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