„Frankfurter Positionen“

Ein Lehrer will aufs Land ziehen

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„Der Tempelherr“: Das Deutsche Theater Berlin stellt am Schauspiel Frankfurt das neue Stück von Ferdinand Schmalz vor.

Wenn im Rahmen des Festivals „Frankfurter Positionen“ der Auftrag vergeben wird, ein neues Theaterstück zu schreiben, kann es passieren, dass ein Text zwar fertig, die Vorarbeiten zur Inszenierung der Uraufführung jedoch noch nicht abgeschlossen sind. So ist es Ferdinand Schmalz ergangen. Sein „Erbauungsstück“ mit dem Titel „Der Tempelherr“ gibt es zwar schon als Manuskript, die Uraufführung am Deutschen Theater Berlin erfolgt in der Regie von Philipp Arnold jedoch erst am 3. März.

Das Ensemble ist dennoch nach Frankfurt gereist, um an den Kammerspielen nach einer kurzen Erklärung des Dramaturgen Bernd Isele Einblick in den Stand der Probenarbeit zu geben und den Text in Gänze vor ausverkauften Zuschauerreihen vorzustellen. Der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz, der 2017 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2018 den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Bestes Stück zugesprochen bekam, hat sich den typisch bürgerlichen Traum vom Eigenheim zum Thema gemacht. Die Idylle zerbröselt jedoch – ähnlich wie in der „Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht – Schritt für Schritt. Ironisch-kritisch nimmt Schmalz dabei zeitgenössische Leitbilder von Glück und Sicherheit in den Blick.

Auch wenn die Proben gerade erst den Halbzeitstand erreicht haben, ist einiges von Viktor Reims Bühnenbild zu erkennen. Ein schräges, man könnte meinen windschiefes Dach füllt wie ein klobiger Klotz den Bühnenraum. Foto- und Videoeinspielungen eröffnen gelegentlich den Blick auf Details und ferne Welten. Heiner, so heißt es im Stück, ist der Erbauer dieses Hausprojekts. Der Lehrer, der vor der Geburt seines Kindes mit seiner Frau aufs Land ziehen will, bleibt unsichtbar, nur im Gespräch über ihn und sein Projekt ist er stets präsent. Dieses Gespräch wird von Heiners Ehefrau (Natali Seelig), dessen Vater (Harald Baumgartner) und Freunden des Paars (Edgar Eckert, Bernd Moss, Linn Reusse) geführt. Die Gruppe reist zur Besichtigung des Hauses aufs Land, gerät jedoch schon in Unruhe, weil das absichernde Insektenschutzmittel vergessen wurde.

Mit spontan wirkenden Improvisationen setzt die Aufführung in gelassener Haltung an. Trotz der öffentlichen Aufführung gelingt es von Anfang an, Probenstimmung zu bewahren. Gerade in dieser noch nicht auf Perfektion ausgerichteten Lage wird die Leistung der erfahrenen Schauspieler allerdings eindrucksvoll erkennbar. Das gilt, selbst wenn man noch offen den Einsatz der Souffleuse hört, die aus der ersten Reihe gelegentlich Satzeinstiege zuspielt. Oder der Text gegen Ende nicht mehr gespielt, sondern im Sitzen lesend gesprochen wird. Die Dynamik des Mit- und Gegeneinander sowie die Präsenz der Persönlichkeiten ist im Probenstatus auf faszinierend ungefeilte Weise nachvollziehbar.

In dieser Phase steht zudem der Text selbst noch stärker im Vordergrund. Die Vielfalt möglicher Interpretationen ist nicht bereits auf eine Person hin fokussiert. So war selbst der „Zwischenbericht“ vom Erbauungsstück bereits äußert erbaulich und steigert die Neugierde auf die Berliner Uraufführung.

Die Frankfurter Positionen – Festival für neue Werke dauern bis 8. Februar.  www.frankfurterpositionen.de

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