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Rom, „Ewige Stadt“. epd
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Rom, „Ewige Stadt“. epd

Architektur

Legenden und andere große Baustellen

  • VonRobert Kaltenbrunner
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Wie Städte von und in der Erinnerung leben, beschreibt Wolfgang Pehnt in zwölf Porträts

Der Schriftsteller Peter Härtling formulierte es einmal so: „Wenn Städte von der Erinnerung aufgenommen, nicht mehr erlebt, nur noch eingebildet werden, hören sie nicht mehr auf, sich zu verändern: sie wuchern oder ziehen sich zusammen zu Details.“

Nun gibt es augenscheinlich kein Problem, welches nicht schon an und in den Städten imaginiert worden wäre. Die aktuelle Perspektivenvielfalt aber verdeckt ihr einheitsstiftendes Fundament. Denn immer ist es die Stadt, die für etwas anderes – etwa Gesellschaft, Moderne, Kapitalismus – steht. Und darin offenbart sich das Dilemma einer Stadtforschung, die sich für die konkreten Konstellationen in einer Stadt nicht interessiert.

Einen der renommiertesten Architekturhistoriker aber sehr wohl. Wolfgang Pehnt widmet sich in seinem kürzlich erschienenen Alterswerk einer treibenden Kraft, die neben allen materiellen, wirtschaftlichen, sozialen und strategischen Voraussetzungen wirksam war: Der Idee der Stadt. Was sowohl die Stadt als Abstraktum meint als auch den jeweils spezifischen Ort. Sie drückt sich in bildlichen und literarischen Darstellungen aus, in Urkunden, Siegeln, Wappen, Fahnen und Münzen, in gebauten Zeugnissen wie Rathäusern, Türmen, Stadtmauern und -toren.

Zwölf Städte werden hier auf so eigenwillige wie profunde Weise porträtiert, wobei es durchaus überrascht, wenn Jerusalem neben Aachen steht, Berlin neben St. Petersburg, oder Chicago in einer Reihe mit Konstantinopel genannt wird.

Dass zu allen Zeiten Architektur Vorangegangenes integriert, rekontextualisiert und mit neuer, der jeweiligen Gegenwart gemäßen Bedeutung aufgeladen hat, zeigt der ausgreifende Ritt durch Zeit und Raum, durch unterschiedliche Geographien und Epochen eindrücklich. Bemerkenswert, dass längst nicht jeder städtische Mythos autogen, „ohne Vorbild aus sich selbst heraus“, entstanden ist: „Die allermeisten bezogen sich auf ältere Legendensysteme und leiteten die eigenen Herkunftserzählungen von vorhandenen Erzählstoffen ab.“ So greife Rom mit seinem Ruhmestitel caput mundi (Haupt der Welt) gleich auf zwei unterschiedliche Sagen zurück: Romulus und Remus, sowie Aeneas und Anchises. Venedig verwurzele sich der alle-gorischen Figur der Venezia, die wiederum gelegentlich als Justitia dargestellt werde. Dabei spielt sich die Inanspruchnahme symbolischer Figuren zunächst im Wissen, nicht vor den Augen ab.

Später freilich rückten optische Schönheit und Kulturerfolge der Vorbilder in den Vorder-grund. Reiseliteratur, Atlanten und bildliche Weltbeschreibungen dienten als Instrumentarium, um andernorts gewonnene Eindrücke im Gedächtnis der eigenen Stadt zu verankern – als Nar-rativ, aber auch physisch, in Form von Silhouetten oder Nachschöpfungen. Dresden eifert als „Elbflorenz“ der toskanischen Metropole nach; als „Spree-Athen“ richtet Berlin sein Augenmerk auf Griechenland. Moskau firmiert als „das dritte Rom“, Chicago als „Paris at the Lake“. Und der Name „Venedig des Nordens“ wird gleich von mehreren Städten – Amsterdam, Brügge, Hamburg, St. Petersburg bis hin zu Stockholm – für sich in Anspruch genommen. Mag die Referenz auch noch so vage sein, der Sache tat das keinen Abbruch: „Zur Identifikation mit den erwählten Vorbildern genügten mehr oder weniger abstrakte Kategorien: die Zahl der Stadttore, die Ausstattung mit entsprechenden Gebäuden, die Vergleichbarkeit der topographischen Lage.“

Jede Stadt ist durch spezifische Rahmenbedingungen in ihr eigenes, unausweichliches Muster gezwungen – Charakteristika, die sich durch das Altern noch akzentuieren. Insofern geht es Städten ähnlich wie Menschen: Während sich Marotten oder eine schiefe Nase mit der Zeit verstärkten, werden Siedlungen geprägt durch ihre Misserfolge, durch den Zerfall, man könnte sagen: durch den Einfall der Realität. Leider geht Pehnt dem Aspekt, dass der Städtebau vom Zerfall, vom Scheitern und von Katastrophen vielleicht stärker beeinflusst wird als von allen Planern und Ideen, nicht weiter nach.

„Wie Kaiser Augustus die Hauptstadt des römischen Weltreichs aus einer Stadt schäbiger Backsteine in eine Stadt des Marmors verwandelte, so auch Ludwig XIV. seine Stadt Paris. Noch in der Fünften Republik suchte die ehrgeizige Aufwertungspolitik der französischen Präsidenten die Vorstellung von einer glamourösen Weltstadt auch in Architektur und Städte-bau zu entsprechen.“

Der 89 Jahre alte Pehnt hat ein veritables Fachbuch vorgelegt, kein leicht konsumierbares Sachbuch. Mit seinem prägnanten Schreibstil legt er Ursprünge, Legenden und Vorbilder von Städten offen, von Athen über Dresden bis Washington. Unproblematisch ist ein solcher Versuch nicht, denn er läuft Gefahr, dass sich ein diffuses Gefühl der Bedeutung von Material erhärtet, ohne der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Dem beugt der Autor vor mit einer Vielzahl von historischen Belegen und stupenden Detailreichtum. Doch das kostet den Preis, den lebensweltlichen Aspekt eher gering zu gewichten.

Gleichwohl spürt Pehnt Theoriebestände auf, die sich mit unterschätzten Aspekten der Stadt(geschichts)forschung beschäftigen. Beispielsweise sagt ein Gebäude oder Ensemble noch nichts über ihren früheren Sinn- und Nutzungszusammenhang und noch viel weniger über die Bedeutung für den heutigen Betrachter und Benutzer. Aus Kirchen werden Parkhäuser und Diskotheken, die Pyramiden wurden jahrhundertelang als Teppichlager benutzt. Dennoch ist die gebaute Stadt nicht beliebig lesbar und kann zugleich an sich nicht wahrgenommen werden. Dafür und deshalb braucht es Imagination. Die wird hier reichlich geboten.

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