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Auf dem T-Shirt, das Polens ehemaliger Präsident Lech Walesa trägt, steht "Verfassung du und ich"

Lech Walesas T-Shirt

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Ein Zeichen des dialektischen Engagements in Zeiten der Vulgarisierung.

Auf allen Kontinenten kennt man ihn als Lech Walesa – ohne diakritische Zeichen bei „e“ und „l“ in seinem Namen. Egal, ob man sich in Chile, Südafrika oder Japan aufhält – man kennt ihn, wie man Nelson Mandela überall kennt: als Ikone des Kampfes um die Freiheit.

Walesa ist auch bekannt dafür, dass er ein ziemlich loses Mundwerk hat, das ihm bereits etliche Gerichtsprozesse eingebracht hatte, bei denen er auch gegen seinen einstigen Leiter der Präsidialkanzlei und seinen Vertrauten Jaroslaw Kaczynski in den juristischen Ring steigen musste, der ja heute Polen defacto regiert: zwar nur als „einfacher“ Sejm-Abgeordneter und Parteivorsitzender, aber sein Wort ist heilig, zumindest für seine Parteisoldaten und die Regierungsmitglieder, die zur PiS gehören oder mit den Rechtskonservativen sympathisieren.

Zur Trauerfeier für George W. H. Bush

Aber vor allem ist der ehemalige Elektriker und legendäre Gewerkschaftsführer aus Danzig immer für eine Überraschung beziehungsweise für ein unkonventionelles Auftreten gut.

So hat Lechu, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, neulich wieder einmal für Bewunderung aber auch für Lacher und Kritik gesorgt: Während der staatlichen Trauerfeier für den verstorbenen US-Präsidenten George W. H. Bush in der Nationalkathedrale in Washington trat er erneut als ein Kämpfer für Freiheit und Demokratie auf, da er unter seinem Sakko das mittlerweile in Polen berühmte T-Shirt mit der Aufschrift „Konstytucja“ (Verfassung) angezogen hatte. Für sein Outfit erntete er – wie es natürlich zu erwarten war – von den Rechtskonservativen reichlich Hohn und Spott. Aber noch etwas anderes wurde kritisiert, wobei sich die Nörgler in diesem Fall in der Opposition fanden, die der Solidarnosc-Ikone normalerweise wohlgesinnt sind. Doch Walesa wäre nicht Walesa, wenn er sich nicht entschlossen hätte, zum Washingtoner Staatsbegräbnis von George W. H. Bush zusammen mit dem Präsidenten Polens Andrzej Duda zu fliegen – in dessen Präsidentenmaschine.

Ja, genau: zusammen mit dem Präsidenten, den Walesa eigentlich für mehrfachen Verfassungsbruch kritisiert, und bereits im Flugzeug auf dem Weg nach Washington hatte der Solidarnosc-Held das „Konstytucja“-T-Shirt angezogen. Walesas Kritiker aus der Opposition, die im politischen Alltagsgeschäft damit beschäftigt sind, Kaczynskis autoritären und populistischen Drang nach Macht zu bekämpfen, konnten nur mit dem Kopf schütteln: beim Anblick der beiden Kontrahenten auf ihren Sesseln in der kleinen Präsidentenmaschine.

Und ob er während des Flugs mit Andrzej Duda gesprochen habe?, lautete die gängige Journalistenfrage. Ja, er zeigte auf sein T-Shirt, das habe gesprochen ...

Kons-ty-tuc-ja: Verfassung-du-und-ich

Das T-Shirt mit der Aufschrift „Konstytucja“, wobei die Silben „ty“ und „ja“ rot markiert sind, weil sie im Polnischen „du“ und „ich“ bedeuten, erfreut sich in Polen bei der Opposition einer großen Popularität, zumindest seit die PiS-Partei die Verfassung und die drei Säulen der demokratischen Machtausübung durch und durch parteilich und nationalideologisch betrachtet und interpretiert. Und der ehemalige Präsident Polens ist wieder ein Oppositioneller geworden – diesen Job kann er auch am besten. Mir gefällt der berühmteste Freiheitskämpfer und Opa Polens in seinem oppositionellen T-Shirt. Jeder kennt auch Walesas Anstecker mit der Schwarzen Madonna, den er am Revers seines Sakkos trägt. Sehe ich ihn aber im „Konstytucja“-T-Shirt, werde ich sofort nostalgisch.

Ich werde deshalb nostalgisch, weil ich Anfang der Achtziger selbst wie ein Tannenbaum ausgesehen habe: Ich trug langes Haar, und meine Jeans-Jacke diente mir als eine Art Pinnwand. Anstecker von Pink Floyd, Genesis und Santana sowie von Solidarnosc und Walesa schmückten sie. Auf meinem T-Shirt stand geschrieben: Marillion. Und auf meinem Rücken gab es das Gesicht von Edward Stachura zu sehen, dem polnischen Rolf Dieter Brinkmann, von mir persönlich gemalt. Ich protestierte gegen den Weltschmerz, die katholische Kirche und das kommunistische Regime. Ich protestierte gegen die sowjetischen SS-20-Raketen und die amerikanischen Pershings. Mein Protest begann in der Volksrepublik Polen und wurde in Westdeutschland, nach meiner Ausreise 1985, fortgesetzt. Ich war jung, stark, aggressiv und vor allem zu allem entschlossen. Doch ich war auch machtlos gegenüber meinen Feinden. Ich verspürte eine ungeheure Ohnmacht gegenüber dem Autoritären und Ideologischen: dem Extremen und Radikalen.

Der geniale Dialektiker – ein Elektriker

Ich war deshalb unheimlich stolz darauf, dass wir Lech Walesa und Papst Johannes II. hatten, die uns in der Welt berühmt gemacht hatten: Wir gehörten nicht zu den „Bösen“, die Atombomben besaßen und Dissidenten internierten und in die Gulag-Lager schickten. Wie Czeslaw Milosz einmal sagte, niemand sei auf der Welt allein, und so war für mich dieser Walesa mit dem seltsamen Tatarenschnurbart vor allem eines: ein Hoffnungsträger, denn mit der katholischen Kirche, die ihr eigenes Regime in der Volksrepublik Polen betrieben hatte, obwohl sie ein Teil des Welttheaterspektakels Solidarnosc gewesen war, hatte ich auch nicht allzu viel am Hut gehabt.

Lech Walesa ist für mich auch einer der genialsten Interpreten der marxsch-hegelschen Dialektik, ein Naturtalent: „Es gibt positive und negative Pluspunkte“, „ich bin dafür und sogar dagegen“, „meine Quantität verdirbt ein wenig meine Qualität“ oder „Sie können die Sonne nicht dafür verantwortlich machen, dass sie sich um die Erde dreht“ – lauten einige der berühmtesten Bonmots aus Walesas dialektischem Repertoire.

Und er ist eine der wichtigsten Ikonen der Post-Hippie-und-Punk-Ära im sozialistischen Polen, der „flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Bauman), in der zwischen 1975 und 1985 die polnische Kultur, obwohl die Planwirtschaft der Kommunisten damals kurz vor dem Zusammenbruch stand, blühte: der Film, die Rockmusik und die Literatur aus Polen feierten nicht nur in Europa große Erfolge. Er ist auch unzertrennlich verbunden mit der Atmosphäre jener dunklen Tage, in denen wir in den Achtzigern täglich mit der Angst vor dem Einmarsch der Sowjets in Polen und mit der Angst vor dem Atomkrieg gelebt hatten. Aber vor allem hat er immer eines bewiesen: Mut, gepaart mit einer unschlagbaren Intuition.

Der Vorwurf, Walesa habe als junger Arbeiter seine Seele an den kommunistischen Teufel verkauft, weil er von 1970 bis 1976 Agent der polnischen Geheimdienstes gewesen sei, konnte ihn nicht brechen, und man muss in dem Zusammenhang an den Kommentar von Janusz Glowacki erinnern, den Autor von „Antigone von New York“. In einem Interview für „Gazeta Wyborcza“ von 2016 sagte Glowacki über Walesas Inhaftierung während des Arbeiteraufstands an der polnischen Meeresküste im Dezember 1970 und seine angebliche Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst SB: „Ich schrieb auch, dass Walesa irgendwelche Papiere unterschrieben habe. Man kann ihn schon verstehen. Ihm wurde gerade ein Kind geboren, seine Frau ist ohne Arbeit, und er wird verhört. Er gab seine Unterschrift, um so schnell wie möglich entlassen zu werden. Und wenn man erstmal draußen ist, dann wird man sehen, wie es weitergeht. Sicherlich bedeutete es für einen Intellektuellen was anderes, wenn er eine Erklärung unterzeichnet hatte, als für einen Arbeiter, der überhaupt nicht daran dachte, dass – wie die Russen sagen – ,das, was du mit einem Füller schreibst, wirst du nicht einmal mit einer Axt weghauen‘.“

Wider die Verrohung des politischen Wortes

Wir sind in unserer „flüchtigen Moderne“ so träge geworden, dass wir die plötzliche Rückkehr des Autoritären und Populistischen mit Erstaunen erleben, hatte uns doch Francis Fukuyama versprochen, dass eine bestimmte Geschichte endlich zu Ende sei: Der Faschismus würde in Europa keine Chance mehr auf eine Wiedergeburt haben.

Fast fünfundsiebzig Jahre des Friedens und Wohlstands in Europa befriedigen uns jedoch nicht, denn es scheint so, als hätten wir vergessen, dass die EU deshalb gegründet wurde, damit sich so eine Katastrophe wie der Zweite Weltkrieg nicht mehr wiederholte. Um diesen europäischen Frieden war es auch dem finnischen Präsidenten Urho Kekkonen gegangen, dem Initiator der KSZE von 1975, der seinen ganz eigenen Beitrag zur Beendigung des Kalten Krieges geleistet hatte und der in seiner berühmten Rede auf der Konferenz sagte: „Wir sollten uns bewusst sein, dass wir trotz der klar definierten Richtung unseres Weges nicht vor Rückschlägen sicher sind.“

Und weil es solche Rückschläge nach 1989 in Europa leider schon mehrmals gegeben hat (Sarajevo, Srebrenica, Belgrad, Ukraine usw.), gefällt es mir, dass Lech Walesa das „Konstytucja“-T-Shirt trägt, weil er, obwohl er schon Mitte siebzig ist, weiterhin für die Freiheit und Demokratie kämpft, weiß er doch, wie zerbrechlich beide sind – wie schnell Rückschläge kommen können. Doch dass er solch ein symbolträchtiges T-Shirt bei einer staatlichen Trauerfeier für einen amerikanischen Präsidenten, die weltweit Millionen von Menschen im Fernsehen verfolgen, überhaupt anzieht und zur Schau stellt, ist auch ein Zeichen der Ohnmacht gegenüber den heutigen Populisten, die sich rechtskonservativ und rechtsnational gebärden.

Wir erleben im Zuge der Rückkehr des Autoritären und des Nationalismus eine beispiellose Ohnmacht gegenüber der Verrohung des politischen Wortes und öffentlichen Auftritts. Diese politische Vulgarisierung ist unerträglich, genauso wie der Gedanke an die Rückkehr des Faschismus.

Ich erinnere mich ungern an die dunkle Gestalt des Gutsbesitzers Arkadi Iwanowitsch Swidrigailow aus Dostojewski Roman „Schuld und Sühne“. Der Gutsbesitzer Swidrigailow hielt sich gerne in kleinen und dunklen Räumen voller Spinnweben auf. Und in solchen engen und schmutzigen Swidrigailow-Räumen wohnen die heutigen Populisten und Rechtsnationalen, die sie im Übrigen nie verlassen haben. Da ist mir das „Konstytucja“-T-Shirt eines Dialektikers auf einer seiner zahlreichen Missionsreisen lieber.

Artur Becker, geb. 1968 in Polen und seit 1985 in Deutschland, ist  Romancier, Essayist, Lyriker und Publizist. Im September erschien sein in Frankfurt spielender Hotelroman „Der unsterbliche Mr. Lindley“ bei weissbooks, im März kommt dort sein Roman „Drang nach Osten“ heraus.

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