Jan van Scorel porträtierte Papst Hadrian VI. (1459-1523).
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Jan van Scorel porträtierte Papst Hadrian VI. (1459-1523).

"Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt"

Aus dem Leben überaus umsichtiger Netzwerker

  • vonMartin Oehlen
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Als Ausstellungsthema eine Weltpremiere: "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.

Das muss man sich erst einmal trauen! In einem Jahr, da das Reformations-Jubiläum nahezu flächendeckend gefeiert wird, widmet sich eine große Ausstellung in Mannheims Reiss-Engelhorn-Museen (REM) dem katholischen Alternativprogramm: „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“. Ist das die Gegenoffensive im Wettstreit mit dem Protestantismus? Mitnichten. Es ist exakt die Ergänzung, die angestrebt war: „Wir haben uns umgeguckt, ob in diesem Jahr auch die Vorgeschichte erzählt wird – also das, was Luther und der Reformation vorgelagert ist“, sagt Museumsdirektor Alfried Wieczoreck. „Und da haben wir festgestellt – da ist noch nichts.“

Zu diesem Befund passt bestens der Trend der historischen Forschung. Der Heidelberger Mediävist Stefan Weinfurter, der die Ausstellung gemeinsam mit Wieczoreck arrangiert hat, versichert: „Papstgeschichte ist in der Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit hoch aktuell.“ Einige frische Erkenntnisse soll die Ausstellung spiegeln.

„Weltweit erstmalig“, das teilen die beiden Projekt-Leiter mit, werde in solch großem Stile die Geschichte der Päpste gewürdigt: Aufstieg in der Antike, Blüte im Hochmittelalter, Krise rund um das Ausweichquartier in Avignon, Wiedererstarken in der Renaissance – und dann die Reformation als Zäsur und Schlusspunkt der Ausstellung. 1500 Jahre auf drei Etagen und 2500 Quadratmetern – das ist ein Kraftakt, bei dem auch der Mut zur Lücke gefragt ist. Woher diese Fülle? „Niemand war so gut vernetzt wie die Päpste“, sagt Viola Skiba, eine der Kuratorinnen. Wer also auf das Papsttum schaue, der blicke wie durch ein Brennglas auf die Gesamtgeschichte. Die Päpste prägten von Rom aus die westliche Welt, allzeit ringend um Glaube und Macht. Keineswegs nur im konservativen Sinne. Vielmehr seien sie auch progressiv gewesen: im Bereich des Rechts, der Wissenschaft und der Künste.

Die Ausstellung sei „nicht immer in leichtem Fahrwasser“ unterwegs gewesen, sagt Direktor Wieczorek, und sie habe „von unterschiedlichen Seiten gewisse Pressionen“ erfahren. Offenbar gab es zumal in einigen deutschen Kirchenkreisen Befürchtungen, den Päpsten könnte in einer historischen Betrachtung allzu kritisch heimgeleuchtet werden. Gleichwohl habe man, sagt Wieczorek, am Ende alle Exponate bekommen, die für die Erzählung notwendig gewesen seien. Zumal der Vatikan habe sich sehr kooperativ gezeigt und 35 Objekte ausgeliehen. Eine „außergewöhnliche Zahl“, sagt man in Mannheim. Denn gemeinhin leihe die Biblioteca Vaticana nur drei Objekte pro Ausstellung aus, in Sonderfällen auch mal zehn. Aus Rom also Hilfe zuhauf.

Köln allerdings hat davon abgesehen, sein Stück des Petrusstabes auszuleihen. Macht nichts: Prag und Limburg waren willig und lieferten ihre Anteile an dieser begehrten und deshalb vor langer Zeit in drei Teile zerlegten Reliquie. Lang ist die Liste der außergewöhnlichen Attraktionen. Darunter ist auch ein Fragment zum Konzil von Nicäa (325). Die Abschrift aus dem 5. Jahrhundert ist vermutlich die älteste Quelle. Nur wenige Zeilen sind zu entziffern. Aber es sind die richtigen. Es ist der Beginn des Credos. Auf Deutsch klingt das so: „Wir glauben.“ Ja, zu einer Prachtbibliothek, unschätzbar in ihrem Wert, finden all diese Handschriften auf Papyrus und Pergament zusammen. Dazu gehört der Sachsenspiegel mit seinem juristischen Regelwerk. Das gibt nicht zuletzt Auskunft über das Verhältnis von Papst und Kaiser, das in der Realität reich an Spannungen war. Diese Bilderhandschrift kehrt allerdings aus konservatorischen Gründen vorzeitig, nämlich nach acht Wochen zurück in die Heidelberger Universitätsbibliothek.

Gleich zu Beginn des Rundgangs zeigt ein Elfenbeinkästchen aus dem 5. Jahrhundert die früheste Darstellung der sogenannten Petrus-Memorie. Diese Gedenkstätte für den Apostelfürsten, von Jesus Christus zum Oberhaupt seiner Kirche bestimmt, wurde eigens für die Ausstellung im originalen Maßstab und mit der „Roten Mauer“ rekonstruiert. Ein Ergebnis aktueller Forschungen.

Mit Petrus fing alles an – und wer ihm nachfolgte, das zeigt der fast sieben Meter lange, aber nur 20 Zentimeter hohe Papst-Kaiser-Rotulus aus dem 15. Jahrhundert. Das schmale Band führt 232 Päpste auf. Darunter auch die Päpstin Johanna, die wohl nur eine Legende war, mit Locken und Kopftuch unter der Tiara. Mit nicht wenigen dieser Päpste macht die Ausstellung etwas näher vertraut. Zum Beispiel mit Marcellinus, 296 zum Bischof von Rom gewählt, dem als erstem die Bezeichnung „papa“ zuteil wurde; mit Liberius, von dem auf einer römischen Wandmalerei die älteste Papst-Darstellung zu sehen ist; mit Sylvester, an den eine kostbare Votivlampe aus dem 6. Jahrhundert erinnert; mit dem mächtigen Innozenz III., den ein byzantinisch inspiriertes Mosaik aus der alten, im 16. Jahrhundert abgerissenen Peterskirche zeigt. Sehr viele mehr sind dabei. Und keinem kommt man in dieser Ausstellung näher als Clemens II: ein goldbraunes Haarbüschel stammt aus dem Bamberger Sarkophag dieses einzigen Papstes, der nördlich der Alpen beigesetzt worden ist.

Dass im Alltag auch ein Papst einmal ans Ende seiner Kräfte kommen kann, weiß man nicht erst seit dem Rücktritt von Benedikt XVI. im Jahre 2013. So hat Papst Hadrian IV. schon im 12. Jahrhundert geklagt: „Die Last des römischen Bischofs ist voller Dornen, das Bischofsgewand voll der schärfsten Stacheln und so schwer, dass es die stärksten Schultern wundreibt und niederdrückt.“ Dazu passt das finale Exponat: Francis Bacons Bildnis eines Papstes, der in vollem Ornat auf seinem Thron sitzt und offenbar aus schierer Verzweiflung – schreit. Der Papst ist, so steht’s geschrieben, Gott besonders nahe. Doch auch er ist nur ein Mensch.

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