Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Update

Leben ohne Amazon

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
    schließen

Unschöne Dinge sind über die Zustände in Amazon-Logistikzentren zu lesen. Die Rede ist von ausbleibenden Corona-Schutzmaßnahmen und fehlenden Krankschreibungsmöglichkeiten.

Bei Amazon möchte ich derzeit nichts bestellen“, schrieb ich im März 2020 im Techniktagebuch-Blog, „offenbar herrschen in den Logistikzentren Überlastungszustände wie kurz vor Weihnachten.“ Es gab zu der Zeit noch unschönere Dinge als sowieso schon über die Zustände in den Amazon-Logistikzentren zu lesen, Covid-Schutzmaßnahmen und Krankschreibungsmöglichkeiten fehlten, und selbst meine aus historischen Gründen bis dahin ziemlich unerschütterliche Zuneigung zu dem Unternehmen war aufgebraucht.

Anderswo zu kaufen war nicht ganz so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Erfahrungen damit stammten größtenteils aus den ersten Jahren des Onlinehandels, als den meisten Unternehmen noch die Übung im Umgang mit dem komischen neuen Internet fehlte. Wie sich jetzt herausstellte, hat der Rest der Welt aufgeholt. Es kann aber auch 2020 noch erstaunlich schwer sein, bei Unternehmen zu bestellen, die nicht Amazon heißen.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass es auch bei Amazon nicht ganz einfach ist und in den vergangenen Jahren eher komplizierter wurde. Wie man es vermeidet, beim Bestellen versehentlich ein Prime-Abonnement abzuschließen, ist wahrscheinlich Thema von Volkshochschulkursen oder sollte es jedenfalls sein. Aber zumindest steht man nicht immer wieder vor neuen Überraschungen und Hindernissen, sondern kann sich an ein bekanntes Sortiment von Hindernissen gewöhnen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Meine Probleme mit der Nicht-Amazon-Welt beginnen bei jedem Kauf mit der Frage, wo man diese Produktkategorie jetzt wieder am sinnvollsten bestellt. Irgendwo gibt es einen Shop mit intelligenten Suchmöglichkeiten, tatsächlich lieferbaren Produkten, nachvollziehbaren Portokosten und mehr als einer Bezahlmöglichkeit. Ich muss ihn nur finden. Das wird nicht leichter dadurch, dass sich hinter schön klingenden Unternehmensnamen gern das absurdeste Nichtfunktionieren verbirgt, während der gute, zuverlässige Shop unter der Adresse 11elf-zahnbuerstenbilliger-schnaeppchenmarkt.tw wohnt.

Wenn ich fündig geworden bin, muss ich ein neues Kundenkonto anlegen und dabei den Sonderwünschen der jeweiligen Unternehmen nachkommen (Passwort aus genau acht Zeichen, davon zwei Konsonanten, drei Primzahlen und mindestens zwei, aber höchstens vier Sonderzeichen, nein, nicht diese Sonderzeichen, andere!). Ich lege die Ware in meinen Warenkorb, gebe die Rechnungsadresse und die abweichende Lieferadresse ein und erfahre zu diesem Zeitpunkt wahlweise, dass das Unternehmen zollpflichtig aus den USA / nur an britische Rechnungsadressen / nicht an Packstationen / ausschließlich an Packstationen / voraussichtlich in vier Monaten / ohne Rechnung / mit Rechnung, aber ohne Ausweis von Umsatzsteuer / nur mit exotischen Bezahlverfahren / nur gegen genau passende Barzahlung bei der Zustellung / unter einem Mindestbestellwert von 20 Euro gar nichts liefert. Oder wenn, dann nur mit diesem einen Logistikpartner, der noch nie ein Päckchen erfolgreich zugestellt hat.

Ich weiß, dass viele von Ihnen an dieser Stelle denken: „Warum kauft Frau Passig nicht einfach in einem Laden wie andere Menschen auch und rettet so unsere Innenstädte?“ Im März und April war das keine Option, weil diese Läden geschlossen hatten. Weitere dreieinhalb Monate des Jahres habe ich in einem Dorf verbracht, in dem es außer Lebensmitteln nichts zu kaufen gibt. In den übrigen Jahren meines Lebens bin ich einfach nie gern in Läden gegangen, ich fürchte mich vor Beratung und halte es für möglich, Innenstädte mit etwas anderem zu füllen als mit Mediamärkten und h&m-Filialen.

Für Onlineshops gibt es Dienstleistungsunternehmen wie Stripe, die die gesamte Abwicklung des Bezahlvorgangs abnehmen. Der Shop selbst braucht keine Abteilung, die sich mit den Feinheiten länderspezifischer Bezahlverfahren oder Steuerregeln und deren täglicher Aktualisierung befasst. Das übernimmt alles der Bezahldienst im Hintergrund. Es ist schön, dass der Versandhandel auf diese Art ein weniger kompliziertes Leben führt. Noch schöner wäre es, wenn ich auch als Kundin Dienstleistungsunternehmen einschalten könnte, die sich stellvertretend für mich mit den unendlichen Möglichkeiten von Kundenkontenverwaltung, Passwortvergabe, Adressformulargestaltung, Bezahlverfahren und Lieferbedingungen auseinandersetzen. Ich bräuchte nur mit einem einzigen Verfahren zu interagieren, und irgendwo würde eine Spezialabteilung dafür bezahlt, sich mit allen absonderlichen Einfällen der Versandunternehmen zu befassen.

Eines Tages wird es das bestimmt geben. Bis dahin wäre es zur Überbrückung schön, wenn wir wenigstens so was wie ein TÜV-zertifiziertes Siegel für Onlineshops „Keine ganz neuen Schikanen, nur die üblichen Schikanen“ bekommen könnten.

Rubriklistenbild: © Norman Posselt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare