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Trümmergrundstück: Eine Israelin neben ihrem zerstörten Haus in Siderot, das gestern von einer Hamas-Rakete getroffen wurde.
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Trümmergrundstück: Eine Israelin neben ihrem zerstörten Haus in Siderot, das gestern von einer Hamas-Rakete getroffen wurde.

Nahost-Konflikt I

Leben auf einer Freiluftbühne

Wann endet das Ping-Pong-Spiel um Gaza? Israel will abschrecken um jeden Preis, schreibt Mohamed Abu-Zaid.

Von MOHAMED ABU-ZAID

Vielleicht erinnert sich niemand mehr an den Spruch des später ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Rabin: "Ich wünsche mir eines Tages aufzuwachen, und das Meer hat den Gazastreifen verschluckt!". Dieser Alptraum an sich, der Rabin lange genug geplagt hat, führte zusammen mit dem Rat vom derzeit amtierenden israelischen Präsidenten, dass "die Geschichte uns nie verzeihen würde, sollten wir uns weiter im Gazastreifen aufhalten" letztlich zur Zustimmung zu den Osloer Verträgen seitens Israel. Nicht vergessen sollte man, dass sich die PLO nach dem ersten Golfkrieg an den Rand gedrängt und macht- und mittellos fühlte.

Der Gazastreifen beherbergte 1,5 Millionen Menschen auf einer sehr kleinen Fläche. Davon waren 80 Prozent Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat im Süden des jetzigen Israels vertrieben worden waren. Niemand fühlte sich zuständig für diese Menschen, deren Heimat durch einen Militärgouverneur Ägyptens verwaltet wurde: Die Ägypter regierten dort bis zum Krieg von 1967; dazwischen war Gaza 1956 kurze Zeit von den Israelis besetzt. Für das Bildungs- und Gesundheitswesen war die UNRWA (das UN-Hilfswerk) zuständig. In den Pässen der Bewohner, falls sie den Streifen verlassen durften, stand "staatenlos".

Die erneute Besetzung des Gazastreifens im Jahr 1967 durch Israel führte dazu, dass Israel knapp 25 Jahre lang billige Arbeitskräfte als Holzfäller und Wasserträger von dort beziehen konnte. Diese Menschen waren nicht nur staatenlos, sondern auch identitätslos, vor allem in den Augen der Israelis. Sie mussten farbenblind sein, wenn es um ihre nationale Flagge ging. "Blind in Gaza" war der Titel eines Buches der israelischen Schriftstellerin Schulamit Hareven, das 1991 auf Hebräisch erschien. Die Autorin wusste zu unterscheiden zwischen blind sein und Scheuklappen tragen.

So lange die Situation für Israelis erträglich war und 6000 Siedler 20 Prozent des Gazastreifens unter ihrer Kontrolle hatten, achtete man auf die Menschen dort und ihre elementarsten Bedürfnisse nicht. Mattan Velnaie, stellvertretender Verteidigungsminister und Kriegstreiber, sagte vor ein paar Jahren in einem Festakt zu Ehren seines Vaters, eines Archäologen, dass "nicht einmal Hunde im Gazastreifen leben würden".

Daher wundert es niemanden, dass die Israelis, innerer Kritik an den Osloer Verträgen zum Trotz, sich schnellstens aus dem Gazastreifen zurückziehen wollten, in der Hoffnung, dass dort dann Ruhe herrsche, egal wer da am längeren Hebel sitzt. Arafat wurde sogar angeboten, im Gazastreifen würde man sofort einen palästinensischen Staat anerkennen, allerdings nicht im Westjordanland. Dort wurde nach Oslo bis heute mehr Land konfisziert als zwischen 1967 und der Unterzeichnung der Osloer Verträge!

Der Palästinensischen Autonomiebehörde sind beide Hände durch die Verträge gefesselt. Sie will nicht einsehen, dass weder wir auf die Welt warten müssen - ohne Widerhall warten wir seit 1948 und zeigen auf unsere Wunden und den Phantomschmerz - noch dass die Welt auf uns warten wird, bis wir unser Trauma aufgearbeitet haben. Statt in Rechtsstaatlichkeit und Ausbildung zu investieren, verwandelte sich die Autonomiebehörde in eine Art Sozialamt oder schlimmer: Altersheim. Dazu kommt, dass sich alles auf die eine bestehende und regierende Partei beschränkte, die kein Bewusstsein dafür zu entwickeln wusste, dass sie ein ganzes Volk vertritt. Die letzten Wahlen haben Hamas an die Macht gebracht, und das hätte niemanden überraschen sollen. Es war eine Protestwahl. Anstatt daraus zu lernen, nachdem alle möglichen und unmöglichen Fehler gemacht worden waren, korrigierte man seine Erwartungen nach unten, und fing an, Vertretern der Hamas den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben! Das besagt noch nicht, dass Hamas, als verlängerter Arm der Moslembruderschaft, ihr eigenes Programm für ein Leben diesseits und jenseits nicht hat. Aber sie baut auf die Hoffnungslosigkeit der Menschen.

Der Gazastreifen ist kein Hamas-stan, er ist ein Menschen-stan. Er ist ein tragischer Ort, ein Ort, der seit Mitte der neunziger Jahre einem Käfig ähnelt, oder, wie die Menschen in Gaza sagen, eine Freiluftbühne! Im Normalfall lag die Arbeitslosigkeit dort bei 60 Prozent. Jeder zweite Jugendliche möchte am liebsten schon gestern Gaza verlassen haben. Es fragt sich wie? Ins Westjordanland können sie, auch zum Studieren, nicht kommen, weil Israel - der israelische interne Geheimdienst, Shabak - keine Erlaubnis erteilt. Die Ägypter, die nichts anderes im Kopf haben als die nationale Sicherheit Ägyptens, erlauben, wenn die Lage ruhig ist, nur Wenigen, die Grenze zu passieren. Der dritte Nachbar der Gazaner, das Meer, wird von israelischen Kriegsschiffen auf Fisch und Mensch durchsucht. In bestimmten Lagern im Gazastreifen hat man Mühe, Leitungswasser vom Wasser aus den Abwassersystemen zu unterscheiden!

Die Situation im Gazastreifen ist ein menschliches Problem, das nicht mit militärischer Gewalt gelöst werden kann. Die meisten Menschen, die durch die Stacheldrahtzäune nach Ägypten gelangen konnten, sprachen von einem "Urlaub" zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren!

Hamas ist keine militärische Macht, die Israels Existenz bedrohen kann. Sie kann stören, um auf sich aufmerksam zu machen. Gegen eine der am besten bewaffneten Armeen der Welt hat sie keine Chance. Die israelische Luftwaffe hat mehrmals bewiesen, dass sie zu allem fähig ist, ohne Rücksicht auf Menschen oder ihr Eigentum.

Die Israelis wollen laut Ehud Barak ihre "Villa, die mitten in einem Dschungel liegt", verteidigen. Gegen wen eigentlich will er diese "renovierte" Villa verteidigen?

Israel achtet im Nahen Osten sehr auf seine Abschreckungskraft. Unter anderem wird darunter verstanden, dass Israel als regionale Supermacht den kastrierten Arabern seinen Willen diktieren will. An eine menschliche Lösung scheint Israel nicht zu denken. Menschlich sein, das könnte missinterpretiert werden als ein Zeichen der Schwäche?!

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