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„Liebe kann man nicht beschreiben, man kann sie nur erleben“, sagt Ursula Strauss.
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„Liebe kann man nicht beschreiben, man kann sie nur erleben“, sagt Ursula Strauss.

Kino

„Le Prince“-Schauspielerin Ursula Strauss über ihren neuen Film aus Frankfurt

Eine deutsche Ausstellungskuratorin liebt einen kongolesischen Migranten – kann das gutgehen? Schauspielerin Ursula Strauss über ihren neuen Film „Le Prince“, der eine Beziehung in Zeiten des Rassismus thematisiert und im Frankfurter Bahnhofsviertel spielt

Was für eine Begegnung: Eine Kunstkuratorin gerät im Frankfurter Bahnhofsviertel zufällig in eine Polizeirazzia und dabei an einen Mann, der sich vor der Staatsmacht versteckt. Es funkt zwischen Monika, der Frau aus der Kulturszene, und Joseph, dem Geschäftsmann aus Kongo. Dass sie aus unterschiedlichen Kulturen kommen, spielt anfangs keine Rolle für das Paar. Doch die Außenwelt sät Misstrauen, und so gerät ihre Liebe in den Strudel postkolonialer Konflikte. Die Regisseurin Lisa Bierwirth legt mit „Le Prince“ ein außergewöhnliches Spielfilmdebüt vor. Mit der österreichischen Schauspielerin Ursula Strauss in der Hauptrolle entfaltet der Film eine besondere Suggestivkraft. Am Telefon in ihrem Zuhause in Wien erzählt sie in ihrem weichen, hellen Tonfall, was sie an dieser Arbeit berührt hat.

Wie haben Sie die Frankfurter Bahnhofsgegend empfunden?

Durch die Nähe zwischen dem Bankenviertel und dem Bahnhofsviertel entsteht ein gewaltiges Spannungsfeld. Die Unterschiede zwischen den Milieus sind extrem. Man sieht dicke Autos durch eine Straße fahren, in der sich jemand gerade einen Schuss setzt. Ich bin ja eine Frau vom Land und immer noch sehr mit meinem Elternhaus in Niederösterreich verbunden. In Frankfurt bin ich vor den Dreharbeiten noch nie gewesen. Es hat mich schon intensiv beschäftigt, was ich dort gesehen haben. Ich kenne so etwas auch nicht aus Wien. Man sieht auch dort viele Menschen, denen es schlecht geht, die auf der Straße leben, aber in dieser Dichte wie in Frankfurt habe ich es noch nie erlebt. Ich habe mir schon manchmal schwergetan, hinzusehen und zu Hause auch viel darüber gesprochen.

Schauspielerin Ursula Strauss im Interview zu ihrem neuen Film „Le Prince“

Filme, die in solchen Gegenden gedreht werden, laufen immer auch Gefahr, einen gewissen Elendsvoyeurismus zu bedienen.

Das passiert in „Le Prince“ überhaupt nicht. Der Film beutet den Schauplatz nie reißerisch aus. Die Regisseurin Lisa Bierwirth geht mit einer großen Wertschätzung und voller Respekt an die Dinge heran. Die Stadt ist wie eine eigene Darstellerin in die Narration integriert. Sie erzählt ungeheuer subtil. Gedreht haben wir noch vor Corona, im Dezember 2019 war der letzte Drehtag. Dann kam die Pandemie mit den Kinoschließungen. Ich bin froh, dass dieses großartige Spielfilmdebüt einer jungen Regisseurin jetzt endlich auf die Leinwand kommt.

Die Liebesgeschichte erzählt, wie sich kolonialistisches Denken bis heute fortsetzt. Dabei gibt es jedoch keine klaren Trennlinien zwischen Opfern und Tätern, beziehungsweise deren Nachfahren. Die Dialoge beschreiben die Gratwanderung, die jeder macht, der auf dieses Feld gerät. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Die Liebesgeschichte ist notwendig, um genau das zu erzählen. Es geht um die versteckten Alltagsrassismen, um den wachsenden Argwohn zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Als sich Monika und Joseph durch einen Zufall begegnen, ist ihnen ihre Hautfarbe egal. Aber man kann eine Beziehung nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden führen. Sobald das Außen mit der Begegnung dieser beiden Menschen konfrontiert wird, beginnt das ganze Schiff zu schwanken. Monika versucht, sich über dieses Misstrauen zu stellen, sie denkt, sie trägt es selbst nicht in sich, und irgendwann muss sie sich doch damit auseinandersetzen, dass auch sie durchdrungen ist von postkolonialen Strukturen. Joseph kommt aus Kongo. Das ist ein total anderer Kulturkreis. Diese Tatsache kann Monika nicht einfach wegignorieren. Durch den Versuch, genau das zu tun, kommt es zu immer mehr Verstrickungen und Missverständnissen.

Besonders ausgeprägt ist der verkrampfte Umgang mit „dem Afrikaner“ im Kunstmilieu, dem Monika angehört. Hinter der scheinbaren Liberalität und Offenheit verbirgt sich eine große Herablassung. Haben Sie auch den Eindruck, dass die Regisseurin hier auch wertet?

Lisa Bierwirth zeigt in ihrem Debüt-Film ihr großartiges Fingerspitzengefühl, den Zuschauerinnen und Zuschauern Raum zu lassen, den Film selber deuten zu können. Sie vermeidet Bewertungen. Eher zeigt sie die Realitäten der Figuren sehr feinfühlig. Zwar kann man diese weiße, wohlgesättigte, intellektuelle Arroganz deutlich spüren, auch in Monika, das ist auch ein vermeintlicher Teil von ihr. Zum Beispiel wird Joseph bei einem Abendessen im Kreis ihrer Freunde und Bekannten wie bei einem Verhör ausgefragt. Und Monika liefert ihn aus, in einer Naivität, die man dieser Frau gar nicht zugetraut hätte. Aber das zeigt gerade, wie ambivalent wir Menschen sind, mit solchen Situationen umzugehen. Die Dialoge sind so fein und gehen so in die Tiefe, dass es mich wirklich begeistert hat, diese Frau zu spielen.

Liebe und Rassismus vor Frankfurter Kulisse: Schauspielerin Ursula Strauss erzählt

Einmal versucht eine Frau aus Kongo, Monika über afrikanische Männer aufzuklären. Sie zeichnet ein Bild der Unzuverlässigkeit. Ist das dann auch rassistisch?

Alle Dialoge in diesem Film sind wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Wichtig sind auch die Pausen, die unterschiedlichen Sprachen, die hier gesprochen werden. An den Pausen haben wir lange gearbeitet. Dadurch entsteht eine fast unheimliche Spannung. Eigentlich ist die Geschichte ein Thriller, ein Liebesthriller, bei dem man nie weiß, was passiert. Ich finde, das passt sehr gut in unsere veränderliche Zeit, in der wir noch nicht alles klar deuten können als das, was es ist.

Wie meinen Sie das?

Unsere Zeit ist so fragil ist, jedenfalls empfinde ich das so. Wir sind dünnhäutig geworden, viele Fragen und Konflikte lassen sich nicht auflösen. Denn die Schuld, die wir in uns tragen – nicht Sie und ich –, sondern der weiße Kontinent, der Kapitalismus, diese Schuld kann man ja nicht einfach in Luft auflösen. Wie stellen wir uns dem Ganzen? Wir fangen ja jetzt erst an inklusiver zu denken und hoffentlich auch bald inklusiver zu handeln.

Zur Person

Ursula Strauss , geboren 1974 in Melk, Niederösterreich, studierte Schauspiel am Wiener Volkstheater. Bereits während ihrer Ausbildung spielte sie an Theatern in Deutschland und Österreich. Durchbruch mit den Kinofilmen „Böse Zellen“ von Barbara Albert und dem für den Oscar nominierten „Revanche“ von Götz Spielmann. Populär wird Ursula Strauss mit der österreichischen Krimireihe „Schnell ermittelt“.

Sie arbeitet unter anderen mit renommierten Regisseuren wie David Schalko oder Wolfgang Murnberger, die sie immer wieder für Film- und Fernsehproduktionen engagieren. Zudem ist Ursula Strauss künstlerische Leiterin des Kulturfestivals „Wachau in Echtzeit“ und Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films. Sie lebt in Wien. FR

Sie sagen: Nicht Sie und ich tragen Schuld. Ist es nicht so, dass wir es uns da zu leicht machen? Götz Aly hat in einem Buch beschrieben, wie ein Prachtboot aus der Südsee unter Morden und Brandschatzen von deutschen Kolonialherren geraubt und nach Europa gebracht wurde. Heute befindet es sich im Berliner Humboldt Forum. Ein Urgroßonkel Alys war als Militärgeistlicher der Kaiserlichen Marine an der Südsee-Kolonisation beteiligt.

Wir werden diese Schuld nicht los. Die Verbrechen, die damals begangen wurden, müssen heute dazu führen, dass man Geraubtes zurückgibt. Ich habe mich während der Dreharbeiten so oft geschämt, weil ich gemerkt habe, wie wenig ich über bestimmte Länder und über den afrikanischen Kontinent weiß. In meiner Schulzeit wurde die Kolonialisierung zwar erwähnt, aber nicht für so wichtig empfunden, dass wir als Schüler hätten näher darauf eingehen können. Aber mit der Rückgabe von Geraubtem ist es nicht getan. Wir müssen zum Beispiel aufhören, Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben zu fragen, woher sie kommen. Es ist absurd, dass wir uns nicht vorstellen können, dass Deutsche oder Österreicher auch schwarz, braun, rot oder gelb sein können.

Neuer Film aus Frankfurt: „Le Prince“-Schauspielerin Ursula Strauss im Interview

Was macht die Liebe zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen in „Le Prince“ aus?

Ich glaube, dass es sich hier zwei Menschen finden, deren Seelen einander berühren. Sie haben jeder im anderen einen Partner auf Augenhöhe. Joseph kommt wahrscheinlich aus einer ursprünglich gut situierten Familie. Das ist ja auch so ein Vorurteil, dass man sich vorstellt, in Afrika lebe jeder in einer Wellblechhütte. Das stimmt ja nicht. Wir haben einfach viel zu wenig Ahnung von diesem Kontinent und den jeweiligen einzelnen Ländern. Um auf das Paar zurückzukommen: Ich glaube, dass die Klarheit, mit der Joseph Monika begegnet, sie auf eine Art fast berauscht. Als sie sich um eine Stelle bewirbt und über das Gefühl klagt, unsichtbar zu sein, da sagt er zu ihr: Wenn du denkst, du wärst unsichtbar, wirst du diesen Job nie bekommen. Das hat etwas Atemberaubendes. Sie fühlt sich von ihm gesehen und verstanden, in einer Tiefe und Einfachheit, die sie aus ihrem Umfeld nicht kennt. In ihrem Milieu wird alles ironisiert, man glaubt, über den Dingen zu stehen, Gefühle zählen nicht. Es wird in intellektuellen Codes gesprochen, die die meisten gar nicht verstehen, und es geht darum, cool und überlegen zu sein, in jeder Situation gefasst. Und dann begegnet ihr dieser Mann, der ihr mitten ins Herz schaut. Liebe kann man nicht beschreiben, man kann sie nur erleben. Und diese Liebe hier ist echt.

Im Mittelpunkt steht die von Ihnen gespielte Figur: eine Frau, Mitte 40 ohne Kinder. Damit geht sie offensiv um und brüskiert damit normierte Vorstellungen, auch die mancher Zuschauerinnen. Tun wir alle vorurteilsfreier, als wir sind?

Natürlich. Jede Frau wird daran gemessen, ob sie Kinder hat oder nicht. Die Frage danach wird keiner Frau erspart. Ich finde diesen Anspruch an den weiblichen Körper, Brutstätte sein zu müssen, dystopisch. Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ ist eine mögliche, immer realer werdende Beschreibung dieses übergriffigen Anspruches an jede Frau. Ich liebe den Moment im Film, in dem sie auf die Frage nach dem Grund ihrer Kinderlosigkeit sagt: Weil ich keine wollte. Das ist der Moment, in dem ganz klar wird: Hier ist eine Frau, die im Leben steht, die es alleine gut aushalten kann und die es weit gebracht hat. Auch wenn sie plötzlich merkt, dass sie doch zu lange in einer Abhängigkeit von ihrem Chef geblieben ist. Ihre Position ist an seine Position geknüpft, wie das oft ist im Kulturbereich. Und als er geht und ihr das erst sehr spät mitteilt, ist ihre berufliche Sicherheit erst einmal passé.

Das kennen Sie ja auch aus dem Theater. Bei einem Intendantenwechsel wird oft gleich das ganze Ensemble ausgewechselt. Und das, obwohl es sich um öffentlich finanzierte Institutionen handelt. Was meinen Sie dazu?

Dieser Beruf hat immer diese Unsicherheit in sich, ich kenne es nicht anders. Seit meinem 19. Lebensjahr arbeite ich von Projekt zu Projekt, wenn man so will, also auf wackeligen Beinen, aber ich bin es gewohnt. Ich habe es mir auch so ausgesucht. Künstler und Künstlerinnen gehen Wagnisse ein, und zu diesem Wagnis gehört es auch, immer wieder den Standort zu wechseln, manchmal mit der ganzen Familie, und auch die Unsicherheiten des Lebens auszuhalten und in ihre Arbeiten einzubauen. Wir sind Geschichtenerzähler, und es ist doch gut, dass mit den Wechseln neue Menschen an die Theater kommen können und den Menschen dort andere, neue Geschichten erzählen können.

„Le Prince“-Schauspielerin Ursula Strauss im Interview über Rassismus und Liebe

Sie sind künstlerische Leiterin eines Kulturfestivals in der Wachau: „Wachau in Echtzeit“. Worauf kommt es Ihnen an?

Das Schöne ist, dass wir in der Wachau ganz viele kleine Orte haben mit besonderen, oft intimen Räumen. Da passen nicht unbedingt 500 Leute hinein, sondern manchmal auch nur 30. Ich will Leute in die Gegend holen, die sonst nicht in die Gegend kommen. Es geht mir nicht darum, dies nur mit Hilfe „großer Namen“ zu tun. Auf meinem eigenen beruflichen Weg treffe ich so viele Künstlerinnen und Künstler, die abseits von der Arbeit vor der Filmkamera noch so viel anderes zu bieten haben. Die sammle ich auf meinem Weg und versuche, sie dort zusammenzubringen.

Österreich hat eine sehr lebendige, produktive Filmkultur, worüber Sie ja auch als Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films bestens Bescheid wissen. Warum – Entschuldigung – bringt ein so kleines Land so großes Kino hervor?

Es stimmt ja, Österreich ist ein kleines Land. Und weil Österreich so ein kleines Land ist, ist jedem, auch den unterstützenden Stellen, bewusst, dass man niemals wirtschaftlich wird arbeiten können. Aber es gibt ein Bewusstsein, dass man mit Filmen eine Visitenkarte hinterlassen kann. Dass ein Film in der ganzen Welt kommuniziert werden kann, dass er einen vernetzt. Wenn man von vornherein weiß, dass man nicht wirtschaftlich arbeiten kann, einfach weil die Bevölkerungszahl dafür gar nicht ausreicht, dann schafft das vielleicht einen größeren Freiraum, als immer funktionieren zu müssen, immer Geld einspielen zu müssen. Der wirtschaftliche Druck ist in Österreich nicht so groß wie in Deutschland. Zudem mögen wir – ähnlich den Briten – das Exzentrische und können sehr gut das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen erkennen und zeigen.

In Deutschland sind Förderungen an andere Bedingungen geknüpft?

In einem Land mit 80 Millionen Menschen will natürlich der Förderer, dass von diesen 80 Millionen mindestens zehn Prozent auch ins Kino gehen. Aber es werden auch so eigenwillige Filme wie „Le Prince“ gefördert.

Interview: Christina Bylow

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