+
Frühe Einübung von Rollenklischees: Kinderfernsehen.

Lauter weiße Ami-Jungs

Eine Studie erkennt groteskes Missverhältnis im Kinderfernsehen

Von TILMANN P. GANGLOFF

Die Situation des Kinderfernsehens ist weltweit verheerend." Sagt Thilo Graf Rothkirch, Geschäftsführer von Cartoon-Film ("Der kleine Eisbär", "Lauras Stern") und damit einer der wichtigsten deutschen Zeichentrickproduzenten. Doch wer neulich beim Prix Jeunesse International in München mit betrübten Mienen gerechnet hatte, irrte. Das gern als "Oscar des Kinderfernsehens" gerühmte Festival hatte so viele Teilnehmer wie nie, und die Stimmung war prächtig. Doch der Schein trog: Die Krise ist evident.

Zur finanziellen Bedrohung, weil vielerorts die Mittel gekürzt werden, gesellt sich Einfallslosigkeit: Gerade weil die Etats überschaubar sind, geht man oft lieber auf Nummer sicher, statt Experimente zu wagen. Vor allem kommerzielle Kindersender, kritisiert Maya Götz, Leiterin des Prix Jeunesse und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), "geben lieber die zwölfte Version von ‚Bob der Baumeister' in Auftrag, statt neue Ideen zu entwickeln".

Nur wenig Eigenproduziertes

Die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wird durch diesen Trend größer. Selbst hierzulande produzieren Kindersender wie Nickelodeon (Nick) oder Super RTL nur ganz wenige Sendungen selbst. Für den Rest der Welt gilt das nicht minder, wie eine vom IZI initiierte Studie deutlich macht.

Doch diese Erkenntnis ist bloß ein Nebenprodukt. In erster Linie beschäftigte sich die weltweit unternommene Untersuchung mit der Verteilung der Geschlechterrollen in TV-Produktionen für Kinder. In 24 Ländern aus sämtlichen Kontinenten sind insgesamt 2 367 Sendestunden analysiert worden. Das Ergebnis zeigt laut Maya Götz "ganz eindeutig, dass Mädchen unterrepräsentiert sind und stereotyp dargestellt werden". Das Augenmerk galt allein den 26 342 codierten Hauptfiguren. Notiert wurden Geschlecht, Alter, Rolle (Anführer, Mitläufer etc.) und Verankerung im sozialen Umfeld.

Offenkundigstes Ergebnis: Zentrale Figuren sind überwiegend männlich (68 Prozent), selbst wenn das Geschlecht dramaturgisch völlig unwesentlich ist. Beim Zeichentrick ist das Missverhältnis noch ausgeprägter. In öffentlich-rechtlichen Sendungen ist das Gefälle sogar noch etwas stärker als bei Produktionen von Privatsendern. Und zieht sich durch das gesamte Kinderfernsehen.

Gibt es in einer Geschichte einen Erzähler, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann. Gleiches gilt für die Moderation. Das deutsche Fernsehen ist keine Ausnahme: 52 Moderatoren wurden gezählt, 32 von ihnen sind Männer. Sie dominieren die Bereiche Wissensvermittlung und Unterhaltung, bei den Quiz-Shows haben sie ein Monopol. Power-Frauen wie Karen Markwardt ("Karen in Action", Kika/BR), die die typische Frauenrolle sprengen und sich physischen Herausforderungen stellen, sind große Ausnahmen. Bedenklich finden die Autorinnen und Autoren auch das transportierte Weltbild: 72 Prozent der codierten Hauptfiguren hatten eine weiße Hautfarbe; erst recht, wenn sie Anführer sind - "eine Botschaft, die definitiv nicht angemessen ist". Ausgerechnet Südafrika hat offenbar "das weißeste Kinderfernsehen": Der Anteil hellhäutiger Figuren (81 Prozent) steht in krassem Gegensatz zum weißen Anteil an der Bevölkerung (9 Prozent). Weibliche Hauptfiguren waren signifikant öfter als Asiatinnen, Afrikanerinnen oder Latinas zu erkennen.

Unnatürlich lange Beine

Weitere interessante Details: Frauen und Mädchen sind deutlich öfter blond oder rothaarig als Männer, vor allem als Gegenspielerin ("The blond bitch"), dafür praktisch nie übergewichtig.

Kritische Menschen aber ärgern sich in erster Linie über das Frauenbild, das in Zeichentrickserien verbreitet wird: Zwei von drei weiblichen Figuren, ergab die internationale Studie, hätten unnatürlich lange Beine und eine Wespentaille, die man im wahren Leben nicht mal durch Schönheitsoperationen erreichen könne. Junge Zuschauerinnen würden auf diese Weise mit einem Frauenbild konfrontiert, dem sie nie entsprechen könnten, was zu Unzufriedenheit und vor allem Essstörungen führen könne.

Außerdem erreichten weibliche Figuren ihre Ziele in erster Linie dank der sogenannten "Waffen" der Frau, also etwa durch Flirten. Diese Sexualisierung der Figuren sei eindeutig das Ergebnis der Fantasie männlicher Erwachsener.

Quasi nebenbei wirft die Studie auch ein bezeichnendes Licht auf die Globalisierung des Kinderfernsehens: Bei 84 Prozent der untersuchten Sendungen handelte es sich um Animation. Nur knapp ein Viertel der Produktionen stammte aus dem jeweiligen Land, 77 Prozent sind Importware. Ausnahmen: die USA (82,7 Prozent) und Großbritannien (66,7 Prozent); hier stammt der weitaus größere Teil des Kinderfernsehens aus dem eigenen Land.

Entsprechend hoch ist andererseits der Anteil amerikanischer Produktionen am weltweiten Kinderfernsehen: 60 Prozent werden aus den USA und Kanada importiert, 27,9 Prozent aus Europa und 9,3 Prozent aus Asien.

Die komplette Studie ist abrufbar unter www.childrens-tv-worldwide.com.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion