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Erst lustlos, jetzt wieder mit ein wenig Feuer: Harald Schmidt.

Abschied von der TV-Showtreppe

Das Late-Night-Dilemma

Von Harald Schmidt über Oliver Pocher bis Benjamin von Stuckrad-Barre: Warum gibt es keine ordentliche Spätshow mehr im Fernsehen?

Von Peer Schader

Die Showtreppe ist schon vor einem Jahr abgeschafft worden, der Schreibtisch weggeräumt, die Band aufgelöst. Und als Oliver Pocher mit seiner Sat.1-Show vor zwei Wochen aus der Winterpause zurückkehrte, war auch Miss Leema weg, die den Gastgeber als DJane unterstützt hatte. Am vergangenen Freitag stand Pocher deswegen sehr alleine auf der Bühne in seinem Studio und wiederholte die Gags, die er in der Vorwoche übers Dschungelcamp gemacht hatte – weil ja eh kaum jemand zusieht.

Seit Wochen wird über ein Aus der „Oliver Pocher Show“ bei Sat.1 spekuliert. Die Quoten haben von Anfang an nicht gestimmt, und statt das ursprüngliche Konzept durchzuhalten, wurde so sehr gespart, bis nicht mehr viel übrig war: keine Atmosphäre, keine Stimmung, keine Gags. Pocher wird bei Sat.1 andere Sendungen moderieren, wenn der Spuk vorbei ist. Und die Geschichte der deutschen Late-Night-Flops ist um ein Kapitel länger.

An US-Vorbildern orientiert

Bleibt bloß noch eine Frage: Wieso kriegt niemand im deutschen Fernsehen eine regelmäßige Sendung am späten Abend hin, die das Tagesgeschehen unterhaltsam einordnet, ihr Publikum mit ein paar klugen Witzen überrascht und es mit ein, zwei netten Gästen in die Nacht entlässt?

„Das Dilemma beginnt damit, dass wir von den Amerikanern abgeschrieben haben, anstatt zu überlegen, ob es eine deutsche Variante der klassischen Late Night gibt“, sagt Thomas Koschwitz, der Mitte der Neunziger zu den Pionieren der Spätabendunterhaltung gehörte. Dabei orientierte sich auch seine „Nachtshow“ damals eng an den Vorbildern. In den USA gehören Late-Night-Talker wie David Letterman und Jay Leno schließlich zu den wichtigsten Köpfen der Networks. Letterman macht den Job seit 1982, Leno seit 1992.

Anke Engelke hielt fünf Monate durch, bevor Sat.1 im Oktober 2004 die Reißleine zog. Und wenn man ihren Autor Chris Geletneky bei der Kölner Produktionsfirma Brainpool fragt, warum es damals nicht funktioniert hat, sagt er: Hat es doch! Nur viel zu spät. „Als die Entscheidung getroffen war, die Sendung einzustellen, ist der Knoten bei Anke geplatzt – und die Sendungen in den letzten beiden Wochen waren richtig cool“, erklärt Geletneky. „Deshalb glaube ich, dass es hätte klappen können, wenn wir nur durchgehalten hätten.“

Mit dem Durchhalten ist das so eine Sache. Late Night Shows sind teuer, und nach den vielen Flops sind die Sender vorsichtig geworden, sagt Koschwitz: „Es gibt in den Chefetagen vieler Fernsehsender keine Zuständigen, die zugleich Mut und Fantasie haben.“ Geletneky ist überzeugt: „Jeder Moderator muss erstmal ins Format wachsen. Dafür braucht man einen langen Atem.“

Mit einer täglichen Late Night hat es seit dem Ende von „Anke Late Night“ in Deutschland keiner mehr probiert. 2008 verzettelte sich Niels Ruf mit seinem Freitagabend-Versuch auf Sat.1, und bei ZDFneo will Benjamin von Stuckrad-Barre seit zwei Monaten politischer sein als die anderen. Dass er sich in „Stuckrad Late Night“ permanent Politiker einlädt, ist konsequent. Aber auch ermüdend, weil die meisten angestrengt versuchen, witzig zu sein. Vorher muss das Publikum lange Spielchen ertragen, die jegliches Tempo aus der Show nehmen. Kürzlich hat Stuckrad-Barre Zuschauer aus dem Saal auf einer großen Karte die Ministerpräsidenten ihren Bundesländern zuordnen lassen. Zwanzig Minuten am Stück. Sowas würde sich nicht mal Harald Schmidt mehr trauen.

Überhaupt: Harald Schmidt! Nach seinem Wechsel ins Erste machte der frühere Großmeister der deutschen Late Night einen zunehmend lustloseren Eindruck. Zumindest sein Stand-Up hat inzwischen wieder Feuer, und es bleibt zu hoffen, dass er das bei seinem erneuten Wechsel zu Sat.1 hinüberrettet. Dass derzeit keine Sendung vergeht, in der er sich nicht über seinen Ex-Kollegen Oliver Pocher lustig macht, ist hingegen eher peinlich. Aber so ist das im deutschen Fernsehen: Eine Spätshow nach der nächsten geht flöten, und die Moderatoren spielen Kindergarten. Kein Wunder, dass das Publikum irgendwann nicht mehr einschalten mag.

„Der Begriff ‚Late Night‘ ist in Deutschland verbrannt“, glaubt Andrea Hürdler, die als Producerin für die „Harald Schmidt Show“ und „Anke Late Night“ gearbeitet hat. „Die Zuschauer sind von vielen wöchentlichen Shows enttäuscht worden.“ Die Lust in der Branche, einen neuen Versuch zu wagen, ist trotzdem groß. Late Night ist für die meisten Programmmacher die Chance, all das auszuprobieren, was sonst kaum noch möglich ist. Wenn die Voraussetzungen stimmen.

Image statt Quote

Schmidt ist zum Beispiel sichtlich genervt davon, dass seine Show im Ersten wegen des Vorprogramms permanent zu einer anderen Uhrzeit beginnt oder – wie diese Woche wegen des „Satire Gipfels“ – ganz ausfällt. Ideale Late-Night-Bedingungen haben jedoch die wenigsten Sender zu bieten. RTL wird sich sein funktionierendes Programmschema nicht kaputtmachen wollen, die ARD ist vollgestopft mit Polittalks, für die kleinen Privatsender ist das Experiment zu kostspielig. Bleibt nur Sat.1, das sich von seiner Schmidt-Rückholaktion keine Traumquoten, zumindest aber einen Image-Gewinn verspricht.

„Solche Sendungen haben eine hohe Strahlkraft, sie sind ein Aushängeschild für den Sender, wenn am nächsten Tag überall über die Show geredet wird“, erklärt Engelke-Autor Chris Geletneky. Und zwar am besten nicht, weil wieder in der Zeitung steht, dass sie bald eingestellt werden könnte.

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