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Es sind keineswegs die Imker, die das Insektensterben aufhalten. Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Honigbienen, von Menschen gepäppelt, machen den Wildbienen Konkurrenz.

Unter Tieren

Lasst die Bienen doch machen

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Hilal Sezgins „Unter Tieren“ erzählt im Juli von der Kunst der Bienen.

Es war ein strahlender Junitag, Wald und Wiesen standen voll im Saft und die Holunderbüsche in geradezu überbordender Blüte. Ein Summen kündigte das Nahen von Insekten an. Mehr und mehr Bienen kamen angeflogen und kreisten in der Luft. Anscheinend hatten sie beschlossen, sich in der Pappel neben dem Gänsestall niederzulassen. Am Abend hing in etwa fünf Metern Höhe ein Gebilde aus tausenden kleinen Körpern, von der Kontur her wie eine Riesenfledermaus.

Ich freute mich für die Ausflügler. Solche Schwärme von Honigbienen sind im Mai und Juni nicht selten, wenn man „naturnahe“ Imker im Dorf wohnen hat, die das Schwärmen nicht wie kommerzielle Imker künstlich unterbinden. Die alte Königin fliegt los, und ihr folgen mehrere tausend Arbeiterinnen und suchen ein neues Zuhause.

Bedrückt von der Situation der Bienen

Nun wohne ich an einem recht naturbelassenen Wald und war zuversichtlich, dass der Schwarm bald etwas finden würde. Doch in der Nacht ging ein starkes Gewitter nieder. Am nächsten Morgen hing die Traube als stummer, regloser und vermutlich auch nasser Klumpen am Baum. Der Wetterbericht prophezeite weitere Gewitter.

Die Situation dieser Bienen bedrückte mich zunehmend, ich weiß gar nicht wirklich, warum. Das Image der Honigbiene ist heutzutage von einem Mythos wundervoller „Natürlichkeit“ umflort, für den ich unempfänglich bin. Denn heutige Bienen sind Zuchttiere, Königinnen werden teils künstlich befruchtet. Manche Menschen sprechen sogar von „Massentierhaltung“.

Für manche Honigsorten werden die Stöcke durch die Gegend transportiert. Die Waben der heranwachsenden Drohnen werden herausgeschnitten – angeblich um die Varroamilbe zu bekämpfen. Das Schwärmen wird meist unterbunden; denn vor dem Abflug futtert sich der Schwarm noch mal so richtig voll und trägt so bis zur Hälfte des Honigs weg.

Allerdings erfüllt dieses Schwärmen auch seuchenhygienische Zwecke: Das Volk verkleinert sich, die Brutphase wird unterbrochen, die Vermehrung der Milben zurückgeschraubt. Doch was den Bienen gut tun, freut halt nicht unbedingt den Imker … oder seine Kunden. Wie viele Ökos loben den gesunden und vitaminreichen Honig! Dennoch scheuen sie sich nicht, sich den Honig aufs eigene Brot zu schmieren, während die Bienen übern Winter nur Zuckerwasser erhalten. Gleichzeitig jammern diese menschlichen Honigliebhaber, wie wenig widerstandskräftig heutige Bienen sind.

Die Kunst der Bienen zu kommunizieren ist legendär

Überhaupt wird um die Honigbiene ein mediales Aufheben gemacht, als ob sie allein in der Lage wäre, Blüten zu befruchten. Und als ob ausgerechnet die Imker es seien, die das Insektensterben aufhalten können! Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Honigbienen, von Menschen gepäppelt, machen den Wildbienen Konkurrenz.

So gesehen also hätte ich die heimatlosen, nassen Bienen in meiner Pappel vielleicht ihrem Schicksal überlassen sollen, ich sagte mir zig Mal: „Das ist Natur!“ Aber ich konnte einfach nicht. Ich beschloss, einen Bienenstock im Garten aufzustellen, wo die Bienen ihren Honig und ihren männlichen Nachwuchs behalten durften. Ich fand einen freundlichen Imker, der mir den Schwarm aus dem Baum holte, und suchte einen Laden für Imkereibedarf auf.

Als ich eintrat, musste ich erst einmal blinzeln. Hier war alles gelb! Der kleine Raum war mit lauter Souvenir- und Liebhabersachen gefüllt, und jede enthielt Honig. Es gab Honigseifen, Honigschaumbad, Honigwein, Honigschnaps, Honigrum, Honigkekse, Honiggummibärchen undsoweiter. Wenn es auch Honigputzmittel und Honigkugelschreiber gegeben hätte, hätte es mich keineswegs gewundert.

Vom Ladeninhaber, selbst ein passionierter Imker, ließ ich mir eine Art Erstausstattung zusammenstellen.

„Wollten Sie schon immer Bienen haben?“, fragte er.

„Nein, nie!“, sagte ich. „Genau genommen will ich auch heute keine. Die sind mir halt einfach zugeflogen.“

Als er mir die Teile zum Wagen trug, sah er den Aufkleber. „Wer Tiere liebt, lebt vegan. – Richtig!“, rief er begeistert. Dann stutzte er. „Aber Honig essen Sie doch?“

„Nee, auch nicht.“

Zuhause stellte ich den Kasten unterm Pflaumenbaum auf, der hiesige Imker topfte das Bienenvolk nochmals um. Ein Brettchen für den berühmten Bienentanz habe ich auch gekauft, das kam vors Haus – ich bin gespannt. Die Kunst der Bienen, Futterplätze zu finden, zu kommunizieren und sich zu orientieren ist legendär. Dann soll man sie doch machen lassen! Ihre Flüge, ihre Tänze, ihren Honig. Auf ihre Art, für ihre Art.

Die Autorin

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

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