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Kurt Tucholsky: „Man muss draußen stehen, man darf nicht dazugehören.“
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Kurt Tucholsky: „Man muss draußen stehen, man darf nicht dazugehören.“

Literaturkritik

Die Lage ist ernst, aber zum Lachen

Parteilich, aber doch immer ein eigensinniger Kopf: Eine neue Biografie Kurt Tucholskys

Von Robert Misik

Mag die Welt der legendären Publizisten auch nicht arm an Helden sein, so ist Kurt Tucholsky doch eine herausragende Figur. Was war er nicht alles: Schriftsteller, Buchautor, Reimschmied, Feuilletonist, Meister des Komischen, Autor von Comedy-Programmen, Kommentator der Tagespolitik, Polemiker. „Amüsant und radikal zugleich“, wie das ein Beobachter einmal formulierte. Tucholsky selbst bekam seine Gaben scheinbar mühelos in den Griff, aber doch hatte wohl auch er seine Schwierigkeiten, die multiplen „Ichs“ unter einen Hut zu bringen – dafür legte er sich eine Reihe von Pseudonymen zu.

Seine verschiedenen Identitäten rechtfertigte er einmal ironisch folgendermaßen: „Wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? Dem Satiriker Ernst? Humor diskreditiert.“ Dass einer, der durchaus ernste Dinge zu sagen hat, seine Leser oder Zuhörer auch zum Lachen bringen kann, das irritierte schon Tucholskys Zeitgenossen.

Damit Tucholsky nicht in Vergessenheit gerät, hat Rolf Hosfeld nun eine wunderschöne Biografie dieses Autors vorgelegt, der im besten Wortsinn „parteilich“ war, ohne sich in die Geiselhaft einer „geschlossenen Anstalt“ Partei zu begeben, der polemisch hinlangte und sich doch selten im Werkzeug vergriff – fast nie verwechselte er das Florett mit dem Holzhammer.

Tucholsky begann seine Laufbahn als Autor in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und schon in seinen frühen Zwanzigern wurde er zum engen Mitarbeiter von Siegfried Jacobsohns „Schaubühne“, die später, in „Weltbühne“ umbenannt, legendär werden sollte. In diesen Jahren zählten Else Lasker-Schüler, Roda Roda, Hermann Bahr, Egon Friedell, George Bernard Shaw, Lion Feuchtwanger, Erich Mühsam, Egon Erwin Kisch und Alfred Polgar zu den Mitautoren des „Blättchens“.

"Nationalbesoffenheit"

Schon im Ersten Weltkrieg lässt er sich von der „Nationalbesoffenheit“ nicht anstecken, er nennt sie die „niedrigste Stufe aller Leidenschaften“ und die Kriegsbegeisterung der Deutschen charakterisiert er als „Seelenzustand durchgehender Pferde“. Als dann das deutsche Kaiserreich zusammenbrach, war Tucholsky ein „linker Bürgerlicher“ oder ein „liberaler Sozialist“, also weder ein unkritischer Anhänger der Sozialdemokratie, aber schon gar kein Kommunist. Den deutschen Kommunistenhero Karl Liebknecht hält er für einen „Wirrkopf“, und gegenüber „Revolutionsschwätzern“ äußert er sein Misstrauen.

Er wäre am ehesten publizistisches Bollwerk einer sozialen und demokratischen Republik gewesen, aber diese Republik existierte nicht. Das Novemberrevolutiönchen hat den Militarismus nicht entmachtet, die Reichswehr blieb Staat im Staat, auf den Straßen marodierten Freicorpsbanden – de fakto Warlords mit ihren bewaffneten Gangs. Die Sozialdemokraten waren zu schwach und zu unentschieden, damit aufzuräumen, und die Kommunisten träumten von Revolution und Sowjetdeutschland. Ein linker, demokratischer Sozialist wie Tucholsky saß da schnell zwischen allen Stühlen.

Als Autor hat er Erfolg. In den paar goldenen Jahren der Weimarer Ära, den fünf, sechs Jahren zwischen Nachkriegswirren und Wirtschaftskrise, wird er zum Chronisten des Berlins der Zwanzigerjahre, er schreibt leichte Prosa und unterhaltsame Chansons, er geht zwischenzeitlich als Korrespondent nach Paris, aber dann geht es mit Deutschland bergab, da können Tucholsky und seine paar Mitstreiter – etwa Carl von Ossietzky, der Nachfolger Jacobsohns als „Weltbühne“-Chef – wenig ausrichten: „Ich habe Erfolg, aber keine Wirkung“, schreibt Tucholsky deprimiert.

Er ist ein genauer Beobachter und ein Meister der Pointen: Einen rechten Ideologen charakterisiert er mit den Worten, „er sieht aus wie ein Volksschullehrer, der Briefmarken sammelt“, und in Lourdes macht er die Beobachtung: „Massensuggestion ist wie elektrischer Strom, der die Leute durchzuckt. Das ist sehr, sehr gefährlich“.

Tucholsky ist rastlos und produziert am Fließband, sein Werk summiert sich eher aus vielen kleinen Werken. Die meisten Menschen, bemerkt er einmal, seien gar nicht fertig, sondern nur eine unvollendete Skizze ihrer eigenen Möglichkeiten. Auch Tucholsky bleibt das in gewissem Sinne. Die Kehrseite seiner Rastlosigkeit und seines publizistischen Muts ist eine eigentümliche Unentschlossenheit, die sich gerade auch in privaten Dingen äußert. In Beziehungen ist er ein Meister des Ungefähren, steht häufig zwischen zwei Frauen, kann keine Entscheidungen treffen. Sein Leben gestaltet sich immer wieder in einer Art, wie er es einmal formuliert, „die ich zu ändern zu feige und zu unentschlossen bin“.

Als sich in der Weimarer Endzeit die Lage mehr und mehr polarisiert, die militante Rechte immer unverschämter die Straßen okkupiert, als Hitlers Nazis ihren Aufstieg beginnen, driftet Tucholsky in die Nähe der Kommunisten. Mit John Heartfield kooperiert er im KP-Verlag des legendären Willi Münzenberg, aber er geht schnell wieder auf Distanz: „Man muss draußen stehen, man darf nicht dazugehören“, denn von der Welt außerhalb ihrer geschlossenen Anstalt hätten die Kommunisten „keinen Schimmer“.

Hitlers Machtübernahme lässt Tucholsky verstummen. Seine Gesundheit ist angeschlagen, und nach einer Niederlage wie dieser kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und mit Exilpublizistik weitermachen, als wäre nichts geschehen, meint er. Er stirbt in Schweden an einer Mischung aus Schlaftabletten und zu viel Alkohol, ob Selbstmord oder Unfall, wird nie geklärt. Er war gerade erst 45 Jahre alt. Ein eigensinniger Kopf ist er immer geblieben, einer, der immer selber dachte und sein eigener Herr blieb und der sich doch nicht in bequeme journalistische Unparteilichkeit davonstahl. Bewirkt hat er nichts, und doch muss einer wie Tucholsky für jeden, der seine Sätze in die Tasten haut, ein Vorbild sein.

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