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Kunstwerk des australischen Graulaubenvogels.

Humboldt Forum

Wer lässt sich das gefallen?

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Das Berliner Humboldt Forum ist tot. Es wird bloß eine weitere Mega-Ausstellungshalle für Kunst und Künstler geben. Über eine vertane Chance.

Was ist los beim Berliner Humboldt Forum? Es gibt auf der einen Seite eine öffentliche Debatte um die Fragen des Umgangs mit dem kolonialen Erbe, um die Größe und die Art des Auftritts der diversen Museen am neuen Ort. Es gibt Dutzende kluge und weniger kluge Artikel dazu. Auf der anderen Seite gibt es die ersten grundsätzlichen Erwägungen, den Namen der Institution und schließlich die einzige Ausstellung, die einen Vorgeschmack lieferte auf das, was das Humboldt-Forum bieten soll: „+ultra gestaltung schafft wissen“, im Martin Gropius Bau.

 Die Kosmos-Vorlesungen, die Alexander von Humboldt 1825/26 in der Sing-Akademie – heute ist das Gorki-Theater in dem Gebäude – hielt und die er ab 1845 bis zu seinem Tode in fünf Bänden veröffentlichte, stehen dafür, dass zur Welt- die Naturgeschichte gehört. Es ging den Brüdern Humboldt um die Stellung des Menschen im Kosmos, um seine Verortung im Ganzen. Ein Humboldt-Forum, das das nicht leistet oder doch wenigstens zu leisten versucht, ist keines. Ein Readers Digest durch Berlins Museumslandschaft ist das Gegenteil von dem, was wir brauchen.

Vor einhundert Jahren veröffentlichte Sigmund Freud „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“. Berühmt daraus ist seine Darstellung der „drei großen Kränkungen“, die die Wissenschaft dem naiven Narzissmus des Menschen antat: 1. Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls (Kopernikus); 2. Der Mensch ist ein Produkt der Evolution (Darwin); 3. Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus (Freud). Inzwischen sind uns noch ganz andere Kränkungen angetan worden. Unsere Sonne, um die sich für Kopernikus noch alles drehte, ist ein winziger Stern am Rande eines Systems von Sternen, das sich selbst am Rande eines nicht auszumessenden Ganzen befindet. 

Die Welt ist in unseren Köpfen noch einmal explodiert

Das ganz und gar Periphere unserer Welt ist uns erst klar geworden, seit wir wissen oder doch vermuten, dass alles, was unsere Apparaturen wahrnehmen, die ganze Welt also, heute nicht einmal fünf Prozent dessen ausmachen, was der Fall ist. Mehr als 95 Prozent sind sogenannte Dunkle Materie oder Dunkle Energie. Die Welt ist in unseren Köpfen noch einmal explodiert. Die Humboldts hätte das begeistert.

Keines unserer Organe haben nur wir. Der Mensch hat „nichts Aparts“ für sich. Wie schon Professor Kuckuck Felix Krull belehrte: Auch der schönste vollschlanke Frauenarm ist nichts anderes als der Krallenflügel des Urvogels und die Brustflosse des Fisches. Inzwischen kann nichtmenschliches Gewebe in menschliches eingebaut werden. Nichts belegt besser den evolutionären Zusammenhang, in dem wir stehen. Der sich freilich auch dauernd verändert. Nicht am Stück, wie Nietzsche es sich mit seinem Übermenschen vorstellte, sondern in kleinen Veränderungen, an dieser oder jener Stelle. Mit die hartnäckigsten Begleiter des Menschen, die Hausstaubmilben, hatten es sich, bevor sie bei uns ihre ökologische Nische fanden, in Vogelnestern gemütlich gemacht.

Das Ich ist der kleinste, zerbrechlichste Teil unserer Existenz. Es geht bei neunzig Prozent unserer Lernprozesse nicht darum, dafür zu sorgen, dass, wo Es war, Ich wird. Sondern im Gegenteil: Gehen können wir erst dann, wenn wir es automatisch tun. Solange ein Tennisspieler überlegt, wie er einen Ball spielen muss, solange ist er keiner. Womit wir bei der Kunst wären. So paradox es ist: Der Einfall, um den es ja auch in der Wissenschaft, im Geschäft, in der Liebe geht, entsteht erst, wenn die Automatik funktioniert. Dann erst entfaltet sich Freiheit in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft. Ich sage das nur für die, die nicht verstanden haben, dass ich keine Sekunde aufgehört habe, vom Humboldt Forum zu sprechen, von dem, was darin wie gezeigt werden sollte. Allerdings nicht von dem Humboldt Forum, über das derzeit überall gesprochen wird. Das will Verstärker des „naiven Narzissmus“ des Menschen sein.

Die großen Museen, die wir heute kennen, sind Produkte des 19. Jahrhunderts. Sie sind also Nationalmuseen. Sie ordnen die in ihnen ausgestellte Kunst national: Es gibt Säle für die Niederländer, die Italiener, die Deutschen. Auch die Völkerkundemuseen organisieren ihre Bestände geografisch. Es gibt auf der ganzen Welt kein einziges Museum, das Menschheitsgeschichte zeigt. Also die Entwicklung unserer Spezies des Homo sapiens oder auch die seiner Vorfahren in der Interaktion mit seiner Umgebung.

Wenn wir den Fokus von den Dingen, von den Identitäten, verlegen auf die Interaktion, dann erkennen wir, dass nicht in sich geschlossene Einheiten aus sich heraus treten und miteinander kommunizieren, sondern dass sie selbst Produkte der zwischen und in ihnen stattfindenden Prozesse sind. Eltern beobachten das an ihren Kindern, kluge Eltern auch an sich. Wissenschaftler haben uns nicht erst in den letzten Jahren darüber aufgeklärt, dass Materie sich nicht anders verhält. Die Dinge sind nur durch ihre Koordinaten darstellbar. Weil sie nur durch sie sind.

Die Kunst kommt nicht ohne den Graulaubenvogel aus

Blickte man so auf die Welt, dann würde man keine Geschichte des Städtebaus erst mit dem Menschen beginnen lassen, und die Geschichte der Liebe käme nicht aus ohne die des Balztanzes – wie auch die der Kunst nicht auskäme ohne den Graulaubenvogel, der seine die Weibchen anlockenden Laubengänge mit der perspektivisch korrekten Anordnung von größeren und kleineren Steinen, Schalen und Knochen prächtiger erscheinen lässt, als sie sind. Wir wissen nicht, ob das Weibchen der Illusion erliegt, oder ob sie beim Eintritt in die Laube den Trick durchschaut, aber, erheitert, dem Künstler um seiner Kunstfertigkeit willen Zugang zu ihrem Geschlecht gestattet. Angesichts solcher Bemühungen bei Wesen, die von manchen Wissenschaftlern als lebende Dinosaurier betrachtet werden, fragt man sich, ob die Vergewaltigung nicht eher ein Ergebnis des Prozesses der Zivilisation als ein Überrest archaischer Urzeit sei.

Aber die Evolution ist kein Baum. Ihre Entwicklung ist umkehrbar. Die Vorfahren der Wale lebten auf dem Land, aber deren Vorfahren kamen wie womöglich alles Leben aus dem Wasser. Die Evolution benützt, was ist, als Ersatzteillager. In bestimmten Konstellationen werden bestimmte Teile wichtig. Auf sie wird dann, so gut es geht, zurückgegriffen.

Die Sklaverei, darauf legen Historiker Wert, hat es nicht immer gegeben. Sie soll ein spätes Produkt der Menschheitsgeschichte sein. Allerdings wird wohl der sein Thema verfehlen, der glaubt, ihre Ursprünge erforschen zu können, ohne sich mit jenen Arten der Blattschneiderameisen zu befassen, die auf Jagd gehen nach Ameisenlarven anderer Arten, um die später für sich arbeiten zu lassen. 

Wer durch die Ausstellung „+ultra gestaltung schafft wissen“ ging, der bekam eine Ahnung von dieser Sicht auf die Welt. Der begann zu begreifen, dass Interdisziplinarität lebensnotwendig ist. Die Schubladen, in denen die Disziplinen groß wurden, sind zu eng geworden für die Wahrnehmung der schon immer viel größeren Welt. Der Homerforscher, der nicht auch die mesopotamischen und hethitischen Texte kennt, ist keiner. Wie will man eine Geschichte der Werkzeuge schreiben ohne die der Neukaledonienkrähen? Geschichte ist, das machte die Ausstellung überdeutlich klar, gerade nicht der Gang von einem Etwas durch die Zeit. Geschichte ist der Prozess, in dem ein Etwas entsteht, sich verändert und als etwas Anderes wieder ersteht. Ovids Metamorphosen kommen der Wirklichkeit näher als Heinrich von Treitschke. Natürlich haben die Historiker Ranke, Treitschke und die anderen auch Recht. Aber nur für winzige Ausschnitte der Wirklichkeit und auch die nur, wenn man sie aus einer ganz bestimmten Perspektive betrachtet. Frauen kommen bei ihnen nicht vor, arbeiten tun immer nur die anderen. Es gibt bei ihnen keine Seuchen, keine Unwetter, keine Magenprobleme. Kein Unbewusstes, keine Homosexualität und keine Drogen.

Ist eine Gesellschaft, in der jeder eine Waffe tragen darf, in der die Todesstrafe gilt und die so gut wie immer Krieg geführt hat, erstrebenswert? Gibt es, gab es Alternativen? Wie sind sie möglich? Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über die Hälfte des Weltvermögens. Gab es so etwas schon einmal? Zunächst einmal muss man sagen, dass es wahrscheinlich noch niemals eine Spezies gab, die so allein war wie Homo sapiens. Unsere nächsten Verwandten sind lange ausgestorben. Wir tragen nur noch Überreste ihres Genmaterials in uns. Das reduziert unsere Vergleichsmöglichkeiten erheblich.

Ein Humboldt Forum, das nichts ist als eine Riesenschachtel, in der ausgestellt wird, was wir eh schon haben, brauchen wir nicht. Ein Ort, an dem die digitalisierte und globalisierte Menschheit in aller Öffentlichkeit im Angesicht ihrer Geschichte darüber nachdenkt, wie sie hineinrutschte in die Falle des Anthropozäns und wie sie es schaffen könnte, aus den von ihr produzierten Natur- und Gesellschaftskatastrophen wieder hinauszukommen, ein solcher Ort fehlt. Es gibt ihn nirgendwo auf der Welt. In Berlin aber spürte man, wie sehr man auf ihn angewiesen war und gründete das Humboldt Forum. Wann wurde die Idee abgetrieben? Von wem? Wann wurde aus dem Humboldt Forum nichts als noch ein Museum? Wer lässt sich das gefallen?

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