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Der Tod regiert, aber sie merken es nicht: Das zweite Bild, der Weihnachtsabend bei Momus, gemalt von Markus Lüpertz.
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Der Tod regiert, aber sie merken es nicht: Das zweite Bild, der Weihnachtsabend bei Momus, gemalt von Markus Lüpertz.

„La Bohème“

„La Bohème“ in Meiningen: Ein gemalter Fisch macht nicht satt

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Markus Lüpertz setzt in Meiningen „La Bohème“ in Szene.

Der berühmte Maler, der auf einer Opernbühne aktiv wird: Das ist verlockend und geht selten gut. Die Ausstattung von Georg Baselitz für den Münchner „Parsifal“ oder von Neo Rauch für den Bayreuther „Lohengrin“ ließen der Regie keinen Platz zum Luftschnappen. Hermann Nitschs Bayreuther „Walküre“ hatte den Vorzug, eine konzertante Aufführung durch eine Malaktion anzureichern, das reine Plus.

Am Staatstheater Meiningen hat der berühmte Maler, diesmal ist es der 80-jährige Markus Lüpertz, vorab kein Hehl daraus gemacht, weder im engeren Sinne Regie führen noch auf Psychologie setzen zu wollen. Er handle als Maler und stelle eine Atelierarbeit her. Dass es diesmal nicht um Wagner geht, sondern um Giacomo Puccinis „La Bohème“, ist ein Glück, aber kein Zufall, sondern ein Coup des neuen Intendanten Jens Neundorff von Enzberg.

Lüpertz, auch am Premierenabend der perfekte Malerfürst, malt also „La Bohème“: Malt knallbunte Kulissenprospekte, unverschämt flach und groß, ein gigantisches Papiertheater, die Figuren verloren zwischen unbenutzbaren Dingen. Die Schreibfeder zu groß, die Palette zu groß, am Kaffeehausmobiliar würde man glatt abrutschen. Aber das Ensemble weiß Bescheid und verhält sich von vornherein wie beim Stehempfang (als Co-Regisseur ist Maximilian Eisenacher im Einsatz). Kommen doch dreidimensionale Requisiten ins Spiel, die Kerze, der Muff, so sind sie weiße Rohlinge, nicht im Atelier in Kunst transformiert. Das schöne Essen, das Schaunard mitbringt: ein Stillleben von Lüpertz. Die armen Bohémiens, sie müssten verhungern, umgeben von wertvollen Bildern. Das hat seinen Reiz und eine Ironie: Eine Welt für die Kollegen, die sie nicht satt machen und nicht wärmen wird.

Was will Marcello malen?

Eine weitere Ironie: Während Lüpertz wie Gott die Welt einrichten kann, erfahren wir auch in Meiningen nicht, was Marcello gerne malen würde, was Rodolfo schreiben will. Zu dieser Frage sucht Lüpertz auch kein Verhältnis, und erstens hat er recht, weil „La Bohème“ eine Oper über Künstler, aber nicht über Kunst ist. Zweitens konkurriert der Künstler Lüpertz, wenn überhaupt, mit dem Künstler Puccini. Lässt Puccini Menschen auftreten, schickt Lüpertz eine Commedia-dell’arte-Truppe auf die Bühne: die bemalten Kostüme wie Karten oder Kegel, markant und rasant dazu die bemalten, typisierten Gesichter.

Wenn Lüpertz in einer Sache eingreift, so ist es die Allgegenwart des Todes von Anfang an. Totenschädel überall, der Spielwarenhändler Parpignol der Tod in Person. Drei Texte, die Lüpertz selbst beigesteuert und mit Schauspielerstimme eingelesen hat: melancholisch. Wenn auch in diesem Gemalte-Oper-Abend ein Scheitern steckt, so zeigt es sich erst nach der Pause, als es tragisch auf menschliche, nicht männchenhafte Weise wird, die Bewegungssprache aber einfriert, weil Hoffnungslosigkeit nicht das Gebiet einer Commedia-dell’arte-Truppe ist. Sie kann tanzen, aber nicht sterben. Jetzt muss zunehmend gegen die Bebilderung angesungen werden. Dabei siegt Puccini so auf ganzer Linie, dass es gar nicht schlimm ist.

Die Meininger Hofkapelle unter der Leitung von GMD Philippe Bach kommt auf einen klaren, feinen, unsüßlichen Ton. Die bald dauerhaft an der Rampe postierten Stimmen (praktisch durchweg hauseigen) sind jung, adäquat und sprengen schier den Rahmen dieser Schmuckschatuelle von Theater – auch weil der bezaubernd italienisierende Tenor Alex Kim als Rodolfo vor allem gegen Ende etwas Druck geben muss, ebenso Deniz Yetim mit ihrem großformatigen, nuancenreichen Mimi-Sopran. Eine Bank die dunklen Männerstimmen, Julian Younjin Kim als Marcello, Selcuk Hakan Tirasoglu als Colline und Johannes Mooser als Schaunard. Monika Reinhard ist eine so souveräne wie sympathische Musetta.

Man denkt vielleicht, Meiningen liege hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Aber man muss dann auch weiterdenken und sich klar machen, dass da schon immer die Musik spielte.

Staatstheater Meiningen: 19., 25. Dezember, 6., 14., 23. Januar. Im Theatermuseum sind bis 23. Januar einige Lüpertz-Arbeiten zu sehen. www.staatstheater-meiningen.de

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