+
Alles muss rein.

Times Mager

Kurz vorher

  • schließen

Überfüllte Briefkästen und Panikkäufe im Nippesladen: Wer zu spät in die Gänge kommt, muss nehmen, was übrig bleibt. Die Feuilleton-Kolumne.

Der letzte Briefkasten der Stadt, der auch am Sonntag einmal geleert wird und bei dem es sich um eine voluminöse Doppelkonstruktion handelt, ist nicht nur total überfüllt. Es scharen sich auch Menschen um ihn, die versuchen, weitere Poststücke in ihm unterzubringen. Die Menschen kichern einerseits haltlos, weil es grotesk ist, in einen restlos überfüllten Kasten etwas so vorsichtig hineinzuschieben, dass es nicht direkt wieder hinausglitscht. Andererseits ist es ihnen ernst. Fülligere Umschläge nehmen beim Zurückrutschen auf die Straße jeweils Leichtgewichte mit sich. Die Solidarität der kleinen Menschenmenge ist groß genug, alles wieder zurückzustopfen, allein wie lange wird das halten?

Wie ein Torwächter steht da ein Mann mit einer beträchtlichen Anzahl von Briefen und erklärt, er werde sicherheitshalber die Ankunft des Postbeamten abwarten. Das ist seine Wortwahl, man wird ganz melancholisch davon. Auch ist sie verwunderlich, denn der Mann ist zu jung, um einem Postbeamten von altem Schrot und Korn noch gegenübergestanden zu haben. Zugleich keimt Hoffnung, denn wie sollte ein Postbeamter, was für eine Art Postbeamter auch immer, nur einen einzigen im Kasten nun verklemmten oder auf die Straße gewehten Brief zurücklassen?

Bangen Herzens lassen Menschen ihre Umschläge in labiler Position zurück. Die Stimmung hebt sich erst wieder, als sich zeigt, dass von zwei entsetzlichen Objekten im Schaufenster des Nippesladens nur noch eines da ist. Das andere wurde offenbar am Samstag während eines Panikeinkaufs erworben. Es ist eines jener Objekte, die Tick, Trick und Track auf dem Speicher suchen mussten, wenn Tante Klarabella zu Besuch kam, die es einst Onkel Donald geschenkt hatte und das gute Stück nun zu Recht auf dem Regal im Wohnzimmer erwartete. Wie soll man es beschreiben? Eine Art Giacometti-Engel für notorisch Frohsinnige. Irgendwen wird es in der U-Bahn aber bestimmt schon gepiekst haben.

Das Prosaische nimmt dabei allmählich so überhand, dass es gut war, noch flugs an der Chemnitzer Oper Arrigo Boitos „Mefistofele“ zu sehen, denn der Ungar Balázs Kovalik zieht ganz schön was hoch. Man sieht Engelsflügel, deren beunruhigende und dabei kühle Flatterhaftigkeit daran erinnert, dass Engel unheimliche Wesen sind, nicht so niedlich und freundlich wie Goldilock aus dem Schaufenster. Kein Wunder, dass die Hirten sich erschrecken. Dass in dieser imposanten, musikalisch übrigens mehr als flotten Produktion mehr Plastik verarbeitet wurde, als im gesamten Dezember in Tütenform über die Zeil getragen wurde, bringt einen aber schon wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Alles wird ohnehin mehr Spaß machen, wenn wir im nächsten Jahr Ende November in Ruhe mit den Vorbereitungen beginnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion