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Kurt Kister wird der neue Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung.

Süddeutsche Zeitung

Kurt Kister wird neuer Chefredakteur

Kurt Kister wird neuer Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ). An ihm wird das Blatt einen Redaktionsleiter haben, der wie nur wenige identitätsstiftend für die größte überregionale deutsche Tageszeitung ist. Von Ulrike Simon

Von Ulrike Simon

Kurt Kister wird neuer Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ). An ihm wird das Blatt einen Redaktionsleiter haben, der wie nur wenige identitätsstiftend für die größte überregionale deutsche Tageszeitung ist. Er verkörpert und prägt die Zeitung wie neben ihm wohl nur Innenpolitik-Chef Heribert Prantl, 56, der zu gerne Chefredakteur geworden wäre, nun aber immerhin in die Chefredaktion aufsteigt - zusätzlich zu Wolfgang Krach, der künftig als Kisters direkter Stellvertreter fungieren wird.

Nach der Entscheidung des Herausgeberrats sagte Johannes Friedmann, der Vorsitzende des vierköpfigen Gremiums, Kister stehe ebenso wie Krach und Prantl für die hohen Qualitätsansprüche, die innere Stärke und die Kontinuität dieser Redaktion.

Ob Glosse, Analyse, Reportage oder Kommentar: Journalistisch brilliert Kurt Kister in jedem Genre und dient vielen Kollegen als Vorbild, selbst dann, wenn sie unter ihm arbeiten und, ja, durchaus auch leiden mussten. Nach einem oberen Platz im Beliebtheitsranking zu streben ist Kisters Sache nicht. Er ist ein Grantler, der ebenso intelligent wie pointiert seine Beobachtungsgabe in bisweilen ironische, bisweilen zynische Worte zu fassen vermag und die Nähe zum Politikbetrieb ebenso meidet wie Veranstaltungen, auf denen sich die Eitlen der eigenen Branche zur Schau stellen.

In wenigen Tagen wird der in Dachau geborene Kister 53 Jahre alt. Zur SZ gekommen ist Kister als Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Er war Reporter in der Innenpolitik, Chef der Reportage-Seite drei, berichtete aus Washington, leitete das Bonner und das Berliner SZ-Büro und wurde 2005 schließlich stellvertretender Chefredakteur. Er ist Träger des Wächter-Preises, des Egon-Erwin-Kisch- und des Henri-Nannen-Preises.

Nie hat er gewechselt

Doch nie ist er zu einem anderen Medium gewechselt, nie hat er Erfahrungen in anderen Redaktionen gesammelt. Manche, die die SZ als reformbedürftig erachten, sehen das als Nachteil, denn sie glauben nicht, dass Kister Lust und Notwendigkeit empfindet, die Zeitung neu zu erfinden oder zumindest weniger erwartbar zu machen. Leser, die ihre linksliberalen Ansichten bestätigt sehen wollen, werden bei der SZ zuverlässig bedient. Seitdem Josef Joffe jedoch zur Wochenzeitung Die Zeit gewechselt ist, und das ist lange her, sind Positionen, die ein Gegengewicht zu Kister oder Prantl bilden könnten, rar gesät.

Kister und Krach an der Spitze der größten überregionalen Abonnement-Zeitung Deutschlands - das entspricht dem Wunsch des scheidenden Hans Werner Kilz, 66, der maßgeblich zu verhindern wusste, dass die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) als Mehrheitseigentümer des Süddeutschen Verlags einen externen Kandidaten engagiert.

Mancher Name hatte Schlimmes ahnen lassen, vor allem, dass da einer kommen könnte, der gegenüber den Verlagskaufleuten geschmeidig auftritt und auf Kosten journalistischer Qualität spart. Seit der Übernahme der SZ im Jahr 2008 ist die SWMH hoch verschuldet, zudem schreibt das Blatt derzeit rote Zahlen - von fünf bis sechs Millionen Euro für das Jahr 2009 ist die Rede.

Wolfgang Krach veranlassten die wiederholten Sparrunden zuletzt im März zu der Äußerung: "Die Grenze des Erträglichen" sei überschritten. Kisters künftiger Stellvertreter ist seit 2003 bei der SZ, zunächst als Chef des damals neu eingerichteten Newsdesks, seit 2007 als stellvertretender Chefredakteur. Kilz holte ihn damals vom Spiegel, wo Krach zu jener Zeit als Vize von Jürgen Leinemann das Hauptstadtbüro geleitet hat.

Bei der SZ greift Krach - anders als Kister, mit dem er das Tagesgeschäft bisher abwechselnd führte - selten in die Tasten. Er wirkt organisatorisch. So war er es, der beim jüngsten Stellenabbau die Personalgespräche mit den betroffenen Mitarbeitern geführt hat. Zuletzt betreute er die Neukonzeption der elf Regionalausgaben, mit der die Süddeutsche in der Region wieder Punkte sammeln will.

Für eine Bilanz ist es zu früh. Mit der Neukonzeption ist die Hoffnung verbunden, die sinkende Auflage im angestammten Verbreitungsgebiet der SZ zu steigern, indem das journalistische Niveau der Regionalseiten dem des Hauptblattes angepasst wird. Auch optisch hat sich auf diesen Seiten einiges getan, und es ist nicht ausgeschlossen, dass dieses neue Layout ein Vorgeschmack auf die anstehende optische Generalüberholung der SZ ist. Nicht wenige behaupten allerdings, die luftige Gestaltung der Seiten sei dem Stellenabbau geschuldet, der insbesondere die Regionalredaktionen getroffen hat.

Für die endgültige Berufung der neuen Chefredaktion bedarf es nun der Zustimmung der so genannten "Impressionisten". Zu ihnen gehören neben den gewählten Mitgliedern des Redaktionsausschusses die Mitglieder der Chefredaktion, die Ressortleiter und die leitenden Redakteure - kurzum alle, die namentlich im Impressum der Süddeutschen Zeitung gelistet sind. Widersprächen mindestens zwei Drittel dieser Impressionisten, könnte die Berufung gegen den Willen der Redaktion nicht durchgesetzt werden.An dieser Regelung wäre Kilz 1996 fast gescheitert. Ein Nein mehr - und er wäre damals nicht Chefredakteur der SZ geworden. Doch die nun getroffene Entscheidung des Herausgeberrats dürfte in der Redaktion kaum auf Widerstand stoßen.

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