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Als „Prozess des Umdenkens“ beschreibt Okwui Enwezor den mehrteiligen Neustart des „nicht-sammelnden öffentlichen Museums“.

Haus der Kunst

Der Kunstversteher

Warum nicht von Bayern aus die Welt verändern? Okwui Enwezor und die Zukunft des Hauses der Kunst in München

Von K. Erik Franzen

Mit lässiger Eleganz betritt Okwui Enwezor als Letzter den Saal im Westflügel des Hauses der Kunst. Viele sind gekommen, um ihm bei der Erstpräsentation des neuen Programms seiner Einrichtung zuzuhören. Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner offiziellen Berufung zum Direktor stellt er gewohnt souverän, mit langsamem Tonfall die neuen Marksteine vor, die das geschichtsträchtige Haus in den nächsten Jahren prägen werden. Der Global-Hero spricht natürlich auf Englisch, er wird simultan übersetzt.

Als Nachfolger des an die Tate Modern gewechselten Chris Dercon trat Enwezor im Oktober 2011 ein nicht ganz leichtes Amt an. Dercon gefiel den Münchenern mit seinem zupackenden, hemdsärmeligen Pragmatismus. Nun, nachdem die stillen Abschiedstränen getrocknet sind, steht da Enwezor und ruft den Münchenern zu: Öffnet euch!

Der in Nigeria geborene studierte Politikwissenschaftler hat als Kurator und künstlerischer Leiter seine Fußspuren rund um den Globus hinterlassen. Nicht nur in Nordamerika – wohin er mit 20 Jahren auswanderte – sondern in Asien, Afrika und in Europa hat er nicht zuletzt wichtige Großausstellungen kuratiert. Spätestens seit der „documenta?11“ 2002 in Kassel hat er auch in Deutschland einen wohlklingenden Namen. In deren Rahmen hat er mit seinem interkontinental ausgerichteten Plattform-Konzept gezeigt, was ihn auszeichnet: Think global, act global. Jetzt ist er in München gelandet.

Sehr stolz sei er auf sein neues Amt, er fühle sich außergewöhnlich geehrt, nun hier eine weitere Nadel auf seinen „cognitive atlas“ stecken zu dürfen, teilt der ausgebuffte Theorieknochen den Zuhörern mit. Nach purer Liebeserklärung klingt das nun noch nicht. Doch die Präsentation zeigt: Okwui Enwezor ist verliebt in Kunst, die etwas bewegen will in einer Welt, die er eben nicht in eine erste, zweite und dritte unterteilen mag. Warum nicht von München aus die Welt verändern?

Enwezor weiß selbstverständlich, dass die Geschichte des Nationalsozialismus der entscheidende Bezugspunkt des 1937 erbauten Hauses der damals noch Deutschen Kunst ist. Und so nimmt er in diesem Jahr das 75-jährige Bestehen der von ihm geleiteten Einrichtung zum Anlass, an den Prozess des „kritischen Rückbaus“ seines Vorgänger anzuknüpfen und diesen weiterzuentwickeln.

Er hat schon angefangenen mit dem Umbau: Die bisher abgeschirmte zentrale Mittelhalle wird in Kürze als „Public Plaza“ erstrahlen. Enwezor will die Innenarchitektur insgesamt verstärkt herausarbeiten, indem er sie transparent werden lässt. Vom Haupteingang an der Straße bis hin zur Terrasse am rückwärtigen Englischen Garten entsteht eine leicht überschaubare Informations- und Begegnungsstätte unter dem Motto: „Immediate access to everything“. Zugänge nach allen vier Seiten betonen dabei die Spiegelsymmetrie des Gebäudes. Zudem wird ein seit mehreren Jahrzehnten der Öffentlichkeit verborgenes Treppenhaus wieder benutzbar sein. Als „Prozess des Umdenkens“ beschreibt Okwui Enwezor den mehrteiligen Neustart des „nicht-sammelnden öffentlichen Museums“. Es geht nicht nur um die Hardware. Enwezor begreift sein Haus auch auf der Ebene des Betriebssystems nicht als starren Kunstcontainer. Vielmehr wird es nach seinen Vorstellungen konzeptuell genauso Veränderungen durchlaufen. Drei Kernbereiche stehen dabei im Zentrum: Neben die Ausstellungen stellt er nunmehr gleichberechtigt Forschung und Bildung. Es geht weniger um ein Zeigen, als vielmehr um ein Generieren von Wissen über zeitgenössische Kunst. So wird beispielsweise das Archiv ab 2013 in einen geografischen Kernbereich des Hauses gerückt und auch durch kuratierte Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zur Neuprofilierung gehört ebenso die Positionierung des Hauses als Forschungsinstitut mit entsprechendem Apparat und Förderprogrammen, zum Beispiel für Nachwuchskünstler. Fast fühlt man sich als Münchener bei all dem ans Deutsche Museum erinnert.

Die passende Haltung zum Konzept kann man dem neuen Direktor förmlich ansehen: Reflexivität. Manchmal hat man den Eindruck, man sähe ihm beim Denken zu. Geschickt und passgenau webt er seine Formulierungen um die Anwesenden. Und zur von Enwezor entworfenen Reflexivitätsstrategie zählt nicht nur ein Nachdenken über das belastete Erbe des Hauses, sondern auch die Entwicklung von neuen Ideen zur Gegenwartskunst in unserer vernetzwerkten und krisengeschüttelten Welt. Der gut gelaunt wirkende neue Leiter der zentralen Münchener Kunstinstitution wird dabei nicht müde, sein Publikum zur Mitwirkung an seinem Projekt einzuladen. Das ist weit entfernt vom seichten Mitmach-Museum, vielmehr soll allen klar werden, dass Enwezor einen konsequenten Öffnungsprozess auf mehreren Ebenen verfolgt: „Make it less heavy“ lautet das einfache und komplexe Motto. Macht Euch locker für den Wandel.

Heutzutage beginnt eine Umstrukturierung zumeist mit einer Veränderung der äußeren Form. Mit anderen Worten: Zunächst muss die visual idenity re-designed werden. Die eingeforderte Flexibilität wurde in ein neues Logo gegossen. Eine veränderliche, horizontal-gedehnte Buchstabenanordnung, die nun auch auf Vorder- und Rückseite des Monumentalbaus zu finden ist. Das ist für Enwezor nicht nur Imagepolitur, sondern Verdeutlichung des Prinzips „Stretch your view“. Ob hingegen ein außen am Gebäude geplanter Schriftzug „Haus der Kunst“ ein guter Schritt ist? Gerade, wenn dabei auf eine provokative Brechung – beispielsweise „Haus der internationalen Kunst“ – verzichtet wird?Gespannt darf man auf die erste von Okwui Enwezor kuratierte Ausstellung in seiner neuen Wirkungsstätte sein. Im November wird er das 1969 in München von Manfred Eicher gegründete Musiklabel ECM analysieren. Klar ist, dass Enwezor hier nicht nur die Praxis der transkulturell arbeitenden Plattenfirma in ganz verschiedenen Formaten (Film, Musik, Geräusche, Archivdokumente) sichtbar machen wird. Ihm geht es um die „kulturelle Archäologie“ des Labels, also um dessen Verortung in gesellschaftlichen Debatten der jeweiligen Zeit, und es geht ihm dabei durchaus auch um Kulturpolitik.

Als der Kunstversteher Enwezor nach der Präsentation seines Programms schließlich nach seiner Person und seinem Verhältnis zu München gefragt wird, muss er lachen. Fast hat man den Eindruck, er wolle die Frage weglachen, als empfände er ein solches Interesse an ihm als ungebührend. Und so antwortet er, dass er sicher kein klassischer Entertainer sei und sich in einem Prozess der Integration befinde. Das trifft es. Enwezor wird sich nicht einfach eingliedern und an München anpassen. Vielmehr handelt es sich um einen wechselseitigen Eingliederungsprozess: Enwezor wird München verändern und München wird Enwezor verändern. Ob man ihn eines Tages in Lederhosen auf der Wiesn schunkeln sehen wird, darf getrost bezweifelt werden. Als erstes eine global wirksame Kultureinrichtung aus München unter die Lupe zu nehmen, ist jedenfalls eine schlaue und freundschaftliche Eröffnung.

Wenn es ihm dann noch wirklich gelingt, die hier ausgestellten Künstler „besser als irgendwo anders“ aussehen zu lassen, wird er sich irgendwann wohl auch einer Auszeichung als „Local hero“ nicht mehr erwehren können.

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