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DAU-Puppe von James Fallon.

Kunstprojekt DAU

Keiner kommt hier davon

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Das in Berlin abgesagte Kunstprojekt DAU wurde auch in Paris zunächst nur teilweise eröffnet. Ein Rundgang mit Hindernissen.

Vielleicht nähert man sich dem Pariser Kunstprojekt DAU am besten über die Außenstelle im ehrwürdigen Kunsttempel Centre Pompidou. Der an eine in die Jahre gekommene Industrieanlage erinnernde Bau von Renzo Piano und Richard Rogers gehört trotz seiner aufregenden Architektur längst zu den beruhigten und beruhigenden Zonen des internationalen Kunstbetriebs. Offen für die Avantgarde, aber doch auch traditionsbewusst gegenüber der etablierten Kunst sowie einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihr.

Im Centre Pompidou, das die beiden zentralen Spielstätten des interdisziplinären Kunstprojektes DAU, das Théâtre de la Ville und das Théâtre du Châtelet, ergänzt, ist ein Appartement aus der Zeit der Sowjetunion nachgebaut worden. In ähnlicher Form hat es das bereits an dem Filmset gegeben, das der russische Filmemacher und DAU-Mastermind Ilya Khrzhanovsky zum Kernschauplatz seiner Langzeitbeobachtung im ukrainischen Charkiw gemacht hat. Es ist das eigentliche Zentrum des in Berlin gescheiterten Kunstspektakels, das sich auch in Paris als sperrige Großveranstaltung präsentiert.

Die Eröffnung wurde am Donnerstag aus technischen und sicherheitsbedingten Gründen verschoben. Am Freitag wollte man mit der Pariser Präfektur erneut beraten, wie es weitergehe. Das seltsame Environment im Centre Pompidou soll an die Wissenschaftsgemeinde erinnern, die der genialische Kernphysiker Lew Dawidowitsch Landau um sich versammelt hatte. Deren Arbeit war gesellschaftlich und politisch für das stalinistische Russland von großer Bedeutung, gleichzeitig schien die Forschungsgemeinschaft aber auch eine Art libertinär-obsessives Lebensexperiment zu sein, in dem Freiheit und Zwang eine symbiotische Beziehung eingingen.

Nachbildung eines Schlafzimmers zur Zeit der Sowjetunion.

In den von außen einsehbaren Raum sind einzelne DAU-Wissenschaftler noch einmal eingezogen, um sich der hemmungslosen Beobachtung auszusetzen. Am Eröffnungstag jedenfalls war ein Darsteller dabei zu betrachten, wie er angestrengt in einem Buch liest.

Aber die Zootiere blicken zurück. Die Besucher im DAU kommen selten als bloße Zuschauer davon. Immer wieder versuchen die Ausstellungsmacher die Kunstkonsumenten damit zu konfrontieren, dass auch sie permanenter Kontrolle ausgesetzt sind. Individuelle Mobiltelefone sind abzugeben, aber man wird für die Zeit des Aufenthalts im DAU durch eigens dafür ausgehändigte Geräte gesteuert. Macht, Kontrolle, Freiheit – nichts ist, wie es scheint. Das ist zweifellos das Herausfordernde und Verführerische bei den Einlassungen auf dieses Experiment. Was man eben bereits glaubte, verstanden zu haben, wird eine Zimmerecke weiter im DAU schon wieder durcheinandergebracht. Irritation ist noch immer die Königsdisziplin der Kunst. Dabei begegnet man immerzu diesen Sowjetmenschen, die als täuschend echt geformte Körper aus Silikon auf Bänken und Sofas sitzen. Das sind einerseits historisierende Elemente der Schau, andererseits ist man wiederholt geneigt, die Puppen anzustupsen, um sie nach der Laufrichtung zu fragen.

Und Orientierung ist nötig in der unweit der Kathedrale Notre Dame auf den Start wartenden Schau, die auch den Organisatoren als großes Rätsel vorkommen mag. Informationen über den Fortgang des Projekts flossen für die Inhaber sogenannter Visa, die zu Eintrittspreisen zwischen 35 und 150 Euro zur Ausstellungsbesichtigung berechtigten, nur spärlich. Ob das einer organisatorischen Unbedarftheit geschuldet oder bereits als Teil der Zurichtungen durch das stalinistische Herrschaftsregime geplant war, auf das fortwährend angespielt wird, ist eine müßige Frage.

Installation mit ersten Besuchern.

Laut Ilya Permyakow, einem der Kuratoren des Projektes, soll es darum gehen, die Willkür der Macht zu zeigen. Es brauche nicht viel, so Permyakow, um Menschen zu Opfern zu machen. Dem Guckkastenambiente im Centre Pompidou übrigens bescheinigte eine russische Besucherin einen hohen Grad an Authentizität. Bei fast allen Gegenständen, zu denen dem Passanten nur die Bezeichnungen Stuhl, Bett oder Regal einfallen, wurde in ihr offenbar ein nicht versiegender Strom von Erinnerungen ausgelöst.

Trotz aller Bedenken, die bereits im Vorfeld des Berliner Vorhabens aufgekommen waren und die auch die Pariser Veranstaltung schon wegen ihres verstolperten Beginns nicht zu zerstreuen vermag, darf man Ilya Khrzhanovsky doch dankbar dafür sein, so eindringlich auf die Lebensgeschichte des Physik-Nobelpreisträgers Lew Landau aufmerksam gemacht zu haben. Der griechische Dirigent Teodor Currentzis, selbst ein Popstar der Klassikszene, stellt Landau in einem der Filme als genialischen, liebeshungrigen Mozarttypen dar, kreativer Zampano und Regimeopfer zugleich. Die Bilderwelt, die Khrzhanovsky entfacht, ist rau, atemlos und wild. Inzest, Gewalt gegen Menschen und Tiere – der Filmteppich, der über dem Projekt ausgebreitet wird, will auch die Entfaltung eines obsessiven Rausches zeigen.

Muss man das wirklich alles über sich ergehen lassen als immersives Rundumerlebnis, in das die Kunstwelt seit einiger Zeit geneigt ist, den argen Weg der Erkenntnis zu verpacken? Um unbeschadet durch die verwinkelten Räume zu kommen, die immer auch als provisorische Büros dienen, braucht es eine gewisse Kunstgläubigkeit, die im DAU durch beeindruckende Prominenz bedient wird.

Neben Currentzis wirken mit: der Musiker Brian Eno, die Künstlerinnen und Künstler Marina Abramovic, Carsten Höller, Boris Mikhailov und viele andere. Für sie und ihre Agenten war es scheinbar mühelos möglich, einen Sturm der Entrüstung zu entfachen, als sich in Berlin abzeichnete, dass die Verwaltung des Bezirks Mitte nicht mitspielen würde. Diese darf sich nun mehr als bestätigt fühlen.

Nachbau eines Wohnraums zu Zeiten der Sowjetunion.

Oder war die Herausforderung der Behörden bereits ein Teil des hintersinnigen Plans, die stalinistische Versuchung in die Jetztzeit zu hieven? Mit seinem umständlichen Visa-Theater für den Zugang zum Projekt jedenfalls beweist DAU nicht zuletzt, wie oft der emphatische Begriff Freiheit beschworen wird und wie leichtfertig die Menschen doch bereit sind, ihn aufzugeben. Wir alle spielen Theater, auf ganz besondere Weise auch im Umgang mit unseren Zwängen.

Ein vierter Veranstaltungsort ist das sogenannte Shitty Hole, ein Café gleich um die Ecke, das zurückversetzt in ein imaginäres Moskau der fünfziger Jahre. Bei der Pressebesichtigung gestand Brian Eno, dass er sich sofort in die französische Aussprache des Namens Shitty Hole verliebt habe, weil es so freundlicher klinge.

Das Café ist nicht nur Teil der Ausstellung, sondern es ist auch ein Rückzugsort der Macher. Was immer dort in den vorbereitenden Projektgruppen besprochen wurde: Es ist nicht wahrscheinlich, dass die klaustrophobische Anordnung des Projektes absichtsvoll mit dem Charme der französischen Crew kombiniert wurde.

Zum Chaos des Pariser Spektakels gehört aber glücklicherweise jemand wie Anaïs, die, als es bei der elektronischen Anmeldung nicht weitergehen wollte, nach mehreren Missverständnissen auf Englisch schließlich auf Deutsch die rettende Initiative ergriff. Ich habe Anaïs in Paris nicht getroffen. Vielleicht hätte ich nach ihr fragen sollen. So aber stelle ich sie mir als die Sympathische Kommunistin vor, wie Martin Kippenberger sie in seinem berühmten Bild gemalt hat. Jemanden wie sie hat das DAU ganz besonders nötig.

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