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Vierzig alte Fernseher, vierzig Sitze.
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Vierzig alte Fernseher, vierzig Sitze.

Videokunst

Zurück bleibt Trauer

Der Künstler Kutlu Ataman zeigt Videoinstallationen im Kölner Museum Ludwig: Aus vielen Interviews sind vierzig berührende Studien über das Dasein "normaler" Menschen geworden.Von Anna Lu

Von Anna Lu

Vierzig alte Röhrenfernseher. Sie sind braun, manchmal grau, immer klobig, und ihre flimmernden Bildschirme zeigen jeweils einen Bewohner des Istanbuler Slums Küba. Frauen, Männer, Kinder, sie alle erzählen ihre Lebens- und Liebesgeschichten, kehren ihr Innerstes nach außen, lachen, weinen, rauchen und husten. Und alle reden sie gleichzeitig, ihr Stimmengewirr füllt den ganzen Raum.

Vor jedem der Bildschirme ein abgewetzter Sessel. Man setzt sich hinein, Auge in Auge mit dem Flimmerbild, das hohe Pfeifen der Zeilentrafos im Ohr. Man hat Mühe, die zum Bild passende Stimme zu finden. Gelingt es aber, erfährt man Erschütterndes vom Leben in Küba. In den 1960er Jahren von kurdischen Links-Oppositionellen gegründet, ist die heruntergekommene Siedlung seitdem Zufluchtsort für die zahlreichen Außenseiter der türkischen Gesellschaft. Dabei ist Küba selbst Istanbulern weitgehend unbekannt, eine abgeschottete Gesellschaft mit eigenen Regeln.

Umso beeindruckender ist Kutlu Atamans Video-Installation "Küba": Ihm gelingt der schwierige Zugang zu den Menschen. Das erfordert viel Behutsamkeit, viel Zeit. Zwölf Monate lang besuchte der Filmemacher seine Interviewpartner, bis er mit den Dreharbeiten begann. Die dauerten weitere zwölf Monate, die Ataman auf 28 Stunden zusammengedampft hat: Obwohl jedes Video aussieht, als sei es bei einem einzigen Interviewtermin entstanden, wurde es tatsächlich aus unzähligen Treffen zusammengeschnitten. Wohnung, Kleidung, Frisur - alles musste stets auf dieselbe Art arrangiert werden. Dem fertigen Werk sieht man diese Mühen nicht an. Ataman wurde dafür zu Recht mit dem Carnegie Prize ausgezeichnet.

In vierzig berührenden Studien lässt Ataman Altlinke ebenso zu Wort kommen wie Kleinkriminelle, Drogenabhängige oder Spielsüchtige. Der religiöse Fundamentalist hat seinen Platz neben dem romantischen Julia-Roberts-Fan, die von den Kindern abgeschobene Greisin weint neben der jungen Mutter. Alle Gesichter sind ausgezehrt, selbst die der Kinder.

"Unsere Häuser mögen hässlich sein. Für mich es trotzdem so, als seien die Straßen mit Gold gepflastert", sagt die Frau, die regelmäßig von ihrem Mann verprügelt wird. Sie sagt es ohne Trotz. Sie sagt es mit Sanftmut. "Es ist eine leere Welt, aber sie kann auch sehr nett sein", sagt der verarmte Spieler. Stille in seiner Lehmhütte, Zufriedenheit auf seinem Gesicht. Sie geht nahe, diese Zufriedenheit - viel näher als all der Dreck, der Staub, das Blut. Letzteres fließt oft in den Erzählungen, manchmal ist es Herzblut und manchmal auch nur zwischen den Zeilen. Verhaftungen, Folter, tägliche Ausgrenzung: Nach einigen Videos entsetzt einen gar nichts mehr. Zurück bleibt Traurigkeit.

Hätte Ataman an dieser Stelle aufgehört, die Ausstellung wäre vollkommen gewesen. Leider aber begeht der Künstler den Fehler, einige Meter weiter "Paradise" zu installieren, das Pendant zu "Küba": 24 Menschen erzählen auf Breitbandmonitoren vom bequemen Leben in Kalifornien, namentlich in Orange County, dem sonnigen Schauplatz zahlreicher Fernsehserien. Ataman kennt sein Sujet, schließlich ging er für sein Studium von Istanbul nach Los Angeles. Während er in "Küba" durchweg Originale auftreibt, gerät "Paradise" zur Parade der Stereotype: Da ist der traurige Clown, das affektierte College-Sternchen, der Nationalist, der die Grenze nach Mexiko am liebsten eigenhändig sichern möchte. Die Bewohner treffen sich zum Lach-Training oder stellen gemeinsam patriotische Gemälde nach. In Orange County ist, man hat es schon geahnt, alles Fassade.

Suggestiv ist schon der Titel "Paradise". Und deutlicher als in der Installation selbst könnte Ataman kaum werden: Hochmoralisch kontrastiert er Not und Überfluss, existenzielle und luxuriöse Probleme, Entblößung und Maskerade. Dabei betont er immer wieder, gleichbleibend unglaubwürdig, dass ihn bei seiner Arbeit über abgeschottete Gesellschaften lediglich die narrativen Strukturen interessieren. Außerdem wolle er mit "Paradise" endlich den Ruf als politischer Künstler loswerden, den man ihm nach "Küba" verpasst habe. Gerade dies ist ihm mit seiner Dokumentation US-amerikanischen Komforts gründlich misslungen. Und das ist gut so. Denn selbst ein plakativ politischer Ataman ist um Längen besser als ein unpolitischer.

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