1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Zum Tod von Meinhard von Gerkan: Besser laufen als rumsitzen

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Meinhard von Gerkan vor dem Hauptbahnhof in Berlin, 2011.
Meinhard von Gerkan vor dem Hauptbahnhof in Berlin, 2011. © dpa

Der Architekt Meinhard von Gerkan ist 87-jährig in Hamburg gestorben.

In seinem wohl beliebtesten Bauwerk, den 1974 in Betrieb genommenen Berliner Flughafen Tegel, verwirklichte der Architekt Meinhard von Gerkan nicht zuletzt die Utopie einer gemütlichen Urbanität. Den internationalen Flugverkehr stellte er sich zu Boden als einen der kurzen Wege vor. Schwer zu sagen, wie viele Runden die Fluggäste in dem kleinen Rondell gedreht haben mögen, wenn mal wieder eine Maschine Verspätung hatte. Es war besser, sich im Kreis zu bewegen als dumm rumzusitzen. Ganz gezielt hatte von Gerkan das Gebäude als Raum zum Flanieren angelegt. Die Zukunft des Reisens dachte er sich als entspannte Art der Fortbewegung, erst Jahrzehnte später wurde Tegel zu einem Ort hektischen Gedränges, in dem die Wahrnehmung der anderen kaum mehr ohne Gereiztheit denkbar war.

Mit seiner weißen Künstlermähne und seinen wachen Augen strahlte Meinhard von Gerkan eine ansteckende Gelassenheit aus. Auf einer Journalistenreise im Tross des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier nach Estland, Lettland und Litauen im Jahre 2006 lauschte er geduldig den Ausführungen des Schriftstellers Sten Nadolny, der wie er zu den Gästen des Auswärtigen Amtes gehörte. Für Gerkan war die Reise eine Wiederbegegnung mit seiner Geburtsstadt Riga, wo er 1935 in einer deutsch-baltischen Familie zur Welt gekommen war, eine Rückkehr mit gemischten Gefühlen. Gerkans Vater war 1942 als Soldat an der Ostfront gestorben, die Mutter kam wenig später auf der Flucht aus Posen, dem heutigen Poznan, ums Leben. Gerkan wuchs als Pflegekind bei einer Pfarrersfamilie in Hamburg auf, die dem talentierten Jungen ein Architekturstudium ermöglichte.

Die frühe Begegnung mit Volkwin Marg 1965 legte den Grundstein für eines der erfolgreichsten Architekturbüros aus Deutschland. GMP (Gerkan, Marg und Partner) wurde zu einer weltweit nachgefragten Marke, mit der sie als „global player“ agierten, dabei aber erstaunlich viele repräsentative Bauten in Deutschland schufen, die zu regionalen Ikonen wurden. Der Rundbau der Bielefelder Stadthalle etwa greift Merkmale des Flughafens Tegel auf und verbindet utopisch anmutende Raumgestaltung mit ländlicher Bodenständigkeit.

Auch wenn GMP Airports in aller Welt entwarfen, schien die Bauweise doch nie abgehoben. Im lichtdurchfluteten Berliner Hauptbahnhof werden die technischen Anforderungen eines modernen Großbahnhofs auf geradezu körperlich spürbare Weise mit Bedürfnissen des individuellen Wohlgefühls zusammengeführt. Dass der freundliche Meinhard von Gerkan aber auch ein Ästhet war, der um seine Ideale kämpft, stellte er in den legendären Auseinandersetzungen um das Dach unter Beweis, das Bahnchef Hartmut Mehdorn aus Kostengründen verkürzen ließ. So müssen die Menschen in Berlin, sehr zum Leidwesen Gerkans, seither damit leben, dass ihr Ankunfts- und Abreisetempel aussieht wie eine Schildkröte mit Plattenbruch.

Wie es ist, mit schwierigen Partnern zu verhandeln, wusste von Gerkan durchaus. 2016 reiste er zur Eröffnung des von GMP errichteten Erweiterungsbaus des chinesischen Nationalmuseums in Peking. Fast gleichzeitig mit den Eröffnungsreden verbreitete sich die Nachricht, dass der Künstler Ai Weiwei in Haft genommen worden sei. Von Gerkan vermochte sich nie der Illusion hinzugegeben, dass es gute Architektur jenseits der politischen Verhältnisse geben könnte. Am Mittwoch ist ein Meister der wohl repräsentativsten aller Künste 87-jährig in Hamburg gestorben.

Auch interessant

Kommentare