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Den Arm von Jesus (rechts) hat Caravaggio von Michelangelo: „Die Berufung des Heiligen Matthäus“, 1599/1600.
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Den Arm von Jesus (rechts) hat Caravaggio von Michelangelo: „Die Berufung des Heiligen Matthäus“, 1599/1600.

Caravaggio

Zum 450. Geburtstag von Caravaggio: Mehr Licht und mehr Schatten

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die Scheinwerfer auf die Realität richten: Vor 450 Jahren wurde der Maler Caravaggio geboren, der aus der Welt ein Theater machte.

Im Katalog für die Auktion des 8. April 2021 bot das Madrider Auktionshaus Ansorena auch ein „Gemälde aus dem Umkreis von José de Ribera“ an. Mindestgebot 1500 Euro. Der Schätzpreis lag bei 2500 bis 3000 Euro. Es handelte sich um ein „Ecce Homo“: Jesus mit nacktem Oberkörper, Dornenkrone und „Königsumhang“. Neben ihm Pontius Pilatus, der ihn der Menge zeigt und erklärt: „Seht, da ist der Mensch.“

Das Foto des Gemäldes machte schnell die Runde. Die Eigentümer zogen es zurück. Denn die Fachwelt war sich weitgehend einig: Das war kein Werk von Schülern des in Neapel tätigen spanischen Barockmalers Jusepe de Ribera (1591–1652), sondern ein Werk des Malers, von dem jener – wie so viele seiner Zeitgenossen – gelernt hatte: Michelangelo Merisi da Caravaggio. Wenn das stimmte, bewegte sich der Preis des Bildes in völlig anderen Dimensionen. Vor allem aber trat jetzt Spaniens Exportverbot für Kunstschätze in Kraft. Erst einmal also keine Auktion.

Die Geschichte passt zu Caravaggio. Schon 2019 war in Frankreich ein unbekannter Caravaggio aufgetaucht. Eines der Bilder, die Judith bei der Enthauptung des Holofernes zeigen. Das Pariser Auktionshaus setzte ein Mindestgebot von 30 Millionen Euro fest und sprach von einem Schätzwert von 100 bis 150 Millionen Euro. Auch damals kam es nicht zur Auktion. Ein amerikanischer Milliardär soll es gekauft haben. Frankreich, das das Bild 2016 zum „nationalen Erbe“ gezählt hatte, ließ dann doch seinen Export in die USA zu. Möglicherweise hatten sich Fachleute gefunden, die das Bild nicht Caravaggio zuschrieben. Bei der Frage, welcher Maler ein Bild gemalt hat, geht es nicht nur um Expertise, sondern auch um sehr viel Geld. Ist es ein Caravaggio, liegt man bei deutlich mehr als 100 Millionen Euro, bekommt das Werk aber nicht außer Landes. Ist es keiner, ist er nur noch einen Bruchteil wert, dafür aber exportabel. In dieser Zwickmühle bewegt sich die Caravaggio-Forschung. Ist der Pseudocaravaggio erst einmal außer Landes, findet sich wieder jemand, der das Bild dann doch Caravaggio zuschreiben.

Caravaggio war ein Revolutionär, also extrem umstritten

Das jüngste Buch zu Caravaggio erschien zu Beginn des Monats in der Insel-Bücherei. Es trägt den Titel: „Schattenkünstler – Von Caravaggio bis Velázquez“. Die Autorin Kia Vahland, Kunstkritikerin der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt darin: Caravaggio „verabschiedete sich nicht vom alten Humanismus, sondern deutete ihn neu: als Bild des Menschen, der auch dann von Gott und der Malerei geliebt wird, wenn er arm ist, verlogen, lasterhaft und verdreckt. Statt des idealen Lebens zeigt Caravaggio die Schönheit im Realen, Hässlichen, schafft Lichtkegel des Glaubens, die noch in die dunkelste Spelunke dringen. Diese Revolution des Sehens hallt bis heute nach.“

Michelangelo Merisi wurde am 29. September 1571 in Mailand geboren. Caravaggio heißt er nach dem Ort, aus dem seine Eltern in die lombardische Metropole kamen. Es ist sehr schwierig, etwas über seine frühen Jahre zu sagen. Man weiß nichts, aber es wird viel vermutet. Caravaggio war ein Revolutionär, also extrem umstritten. Sein erster Biograf war Giovanni Baglione (1566-1643). Der war Maler und hatte in direkter Konkurrenz zu Caravaggio, der „Amor als Sieger“ gemalt hatte, das frömmere Thema des Sieges himmlischer über irdische Liebe dargestellt.

Wer da wen kommentiert hat, ist für die Kunstgeschichte klar. Am Anfang war Caravaggio, dann kam Baglione. Schöner ist natürlich die Idee, Baglione sei zuerst dagewesen und dann habe Caravaggio eins obendrauf gesetzt. Ganz sicher haben wir es mit einem für die Zeit und für Caravaggio typischen Übertrumpfungswettbewerb zu tun. Caravaggios Auftraggeber war der Banker und Sammler Vincenzo Giustiniani. Baglione malte im Auftrag von dessen Bruder, dem Kardinal Benedetto Giustiniani. Man kann sich vorstellen, welchen Spaß es den Brüdern gemacht haben mag, die Künstler wie Boxer in den Ring treten zu lassen. Baglione setzte übrigens noch einen drauf: in einer weiteren Variante des Gemäldes gab er dem unterlegenen Teufel das Gesicht von Caravaggio. Jahre später legte er in seiner Caravaggio-Biografie noch einmal nach.

Die Konkurrenz der Künstler belebte das Geschäft. Aber auch die Kunst. Wie immer gab es den Kampf zwischen Mode und Alleinstellungsmerkmal. Und die Verwandlung des letzteren in Ersteres. Als Caravaggio 1594 seine „Kartenspieler“ malte, hatte er einen grandiosen Erfolg. Noch heute gibt es mehr als fünfzig Kopien und Varianten davon. Darunter eine des französischen Malers Georges de la Tour. Caravaggio war mit einem Schlag Mode geworden. Er war eine sichere Investition. Er war nicht darauf angewiesen, das zu malen, was seine Auftraggeber sehen wollten. Wenn die nicht zufrieden waren, fanden sich immer auch andere Abnehmer.

Was war so faszinierend an Caravaggio? Es gibt ein Bild, an dem lässt sich das sehr schön sehen: „Die Berufung des Heiligen Matthäus“ aus dem Jahr 1600. Rechts betritt Jesus mit ein paar Jüngern – sie tragen keine zeitgenössische Kleidung – den Raum einer Taverne. Er zeigt mit ausgestrecktem Arm – man weiß nicht genau, auf wen. Den Arm hat Caravaggio von Michelangelo. Es ist der Arm und die Hand Gottes. In der Sixtinischen Kapelle berührt sie Adam. Caravaggio war ein Maler voller Anspielungen, ein Maler, dessen Kunst man als Kenner abschmecken konnte. Gleichzeitig überwältigte sie unmittelbar mit ihren dramatischen Effekten.

Die Taverne, in der Jesus den Steuerbeamten Matthäus, der sein Jünger werden und seine Geschichte aufschreiben wird, „erwählt“, ist kein Aufenthaltsort für Caravaggios Auftraggeber. Aber doch einer, für den sie sich offenbar interessierten. Die Kunst erlaubte ihnen, Seiten der römischen Gesellschaft zu betrachten, die sie sich sonst vom Leibe hielten. Ihr Ehrgeiz bestand darin, es zu schaffen – für sich selbst und für ihre Nachkommen – nichts mit ihr zu tun zu haben. Bilder davon aber wollte, ja musste man haben.

Dann ist da noch das Licht, das vielbeschworene Helldunkel. Man könnte sagen, Caravaggio habe den Scheinwerfer in die Kunst eingeführt. Jesus betritt den Raum und von draußen strahlt das Licht in den Raum. Aber es verteilt sich nicht gleichmäßig, sondern es strahlt das Eine an und lässt das Andere ins Dunkel sinken. Wir sind auf dem Theater. Jede Geste hat eine Bedeutung. Jeder macht eine andere. Nichts und niemand steht still. Alles ist Momentaufnahme in dem großen Drama des Welttheaters Leben.

Caravaggio hat seine Welt inszeniert

Immer wieder liest man, Caravaggio sei ein Realist, ein Naturalist gewesen, er habe die Welt so gemalt, wie sie sei. Davon kann keine Rede sein. Caravaggio hat seine Welt nicht abgemalt. Er hat sie inszeniert. Damit hat er Epoche gemacht. Er hat aus dem Leben Theater gemacht. Große Szenen.

Und mittendrin immer wieder der Meister selbst. Ganz am Anfang als Bacchus, und ganz am Ende stellt er sich selbst dar im abgeschlagenen Kopf des Goliath. Dazwischen immer wieder er und sein Freund, das sizilianische Modell Mario Minniti. Die Kardinäle der Gegenreformation, die seine Bilder kauften, die ihn zu einem ihrer Lieblingsmaler machten, liebten offenbar diese Verbindung von irdischer und himmlischer Liebe, vom Einfall des göttlichen Lichtes auf die Kleingangster, die Betrüger und Strichjungen. Sie liebten auch die Pracht dieser Malerei, die die Lumpen im Licht leuchten ließ, bei der das Auge des Betrachters von der Haut eines Jungen hinunter glitt zu den von ihm dargebotenen Früchten.

Am 28. Mai 1606 erschlug Caravaggio mit dem Schwert Ranuccio Tomassoni, den Sohn des Kommandanten der als Staatsgefängnis dienenden Engelsburg. Worum es dabei ging, weiß man nicht. Es ist wahrscheinlich klüger, nicht von einem Zweikampf auszugehen, sondern von einem eskalierenden Streit zwischen den Freunden des Malers und denen Tomassonis. Die Akten des Prozesses sind nicht erhalten. Jedenfalls musste Caravaggio Rom verlassen, ging nach Malta, nach Neapel, das damals spanisch war, und hoffte auf Begnadigung. Sein abgeschlagener Goliathkopf soll als Schuldeingeständnis, als Demutsgeste gedient haben.

Geholfen hat das alles nichts mehr. Michelangelo Merisi da Caravaggio starb – man weiß nicht warum, wodurch, woran – am 18. Juli 1610 in der kleinen toskanischen Hafenstadt Porto Ercole, 150 Kilometer von Rom entfernt.

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