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Joseph Beuys, 1979. Am 12. Mai ist sein 100. Geburtstag.
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Joseph Beuys, 1979. Am 12. Mai ist sein 100. Geburtstag.

Politik und Kunst

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys: Mehr Deutungen wagen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys geboren. Eine Annäherung.

Frankfurt - Berühmter als jedes der Werke des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys (1921-1985) ist sein Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“. In ihm trafen der erweiterte Kunst- und der erweiterte Politikbegriff aufeinander. Der Mensch, der nicht mehr nur in den überkommenen Verhältnissen lebt, sondern sie als eine von ihm zu gestaltende Lebenswelt begreift und verändert, ist ein Künstler. Er gestaltet aus vorgegebenem Material eine – seine – neue Welt. Das war eine Grunderkenntnis des Joseph Beuys. Die Revolution könne nur gelingen, wenn sie die ästhetischen, schöpferischen Fähigkeiten der Menschen freisetze. Das war ein u.a. von Herbert Marcuse in die Protestbewegung der 60er und 70er Jahre eingebrachtes Element. Um das Verhältnis von Politisierung der Ästhetik und Ästhetisierung der Politik wurde in der Protestbewegung jener Jahre wieder einmal vehement gestritten.

In dieser Auseinandersetzung spielte Joseph Beuys eine zentrale Rolle. Er war einer der bekanntesten Künstler der Welt, und er genierte sich nicht, politische Organisationen zu gründen und auf der Straße Flugblätter für die neue Partei „Die Grünen“ zu verteilen.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ war eine Verheißung. Aber auch eine Kampfansage. An die, die die Kreativität der Menschen zu ersticken suchten. Aber auch an jenen damals starken Trend, Kunst und Künstler abzuschaffen. Es waren die Jahre, in denen nicht mehr von Dichtern und Romanciers, sondern von „Autoren“ die Rede war. Zu letzteren gehörten Journalisten, Kritiker, Sachbuch-, Film-, Fernseh- und Rundfunkschreiber. Alle waren sie Textproduzenten. Auch gegen diese vorgeblich demokratische Idee, alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu stellen, wehrte sich Beuys. „Alle Menschen sind Künstler“ reduzierte nicht den Anspruch, sondern hielt an ihm fest.

Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst, wird vielleicht nie eingelöst werden, aber es hat in vielen Köpfen mehr in Bewegung gesetzt als die inzwischen ebenso zerstobene Idee der „Produzentendemokratie“.

Der Politiker ist Bildhauer. Er arbeitet an der „sozialen Plastik“, an unserer Gesellschaft und ihren Institutionen. In diesem Sinne ist jeder von uns Politiker und Bildhauer. Ob er sich dessen bewusst ist oder nicht: Er ist immer damit beschäftigt, sich und seine Umgebung zu formen. Die Frauengruppen, die damals die „Er“-Erzählungen kritisierten und „er/sie“ einführten, bis wir beim Gendern, bei dem * landeten, veränderten und verändern unsere Welt ebenso wie die, die die nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 eingeführten Restriktionen im Bankenbetrieb wieder rückgängig machten. Ich weiß nicht mehr, wann es war, aber bei einer der Aktionen von Joseph Beuys gab es die Parole „Nur noch 2272 Tage bis zum Ende des Kapitalismus“.

Noch so etwas, aus dem nichts wurde. Beuys war ein großer Künstler der Zerstörung. Er war Aktionskünstler. Viele seiner Werke sollte man als Überreste, Spuren, Ruinen von Aktionen betrachten. Aktionskünstler – wer das sagt, begreift sofort, warum jeder Mensch ein Künstler ist. Eine der berühmtesten Aktionen von Beuys waren die 7000 Eichen der documenta von 1982. Wer zur documenta nach Kassel kam, sah vor dem Fridericianum, in dekorativer Unordnung ausgelegt, 7000 Basaltstelen, die nach und nach verschwinden sollten, um neben in der Stadt neu gepflanzten Eichen aufgestellt zu werden. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ war die Parole. Wer 500 DM spendete, der finanzierte ein solches Paar. Während die Plastik vor dem Fridericianum kleiner wurde, wuchs sie sich aus in der Stadt: „Nicht Aufbau, nicht Abbau, sondern beides gleichzeitig in Abhängigkeit.“ Auf diesem Weg der Bürgerbeteiligung kam nicht genügend Geld zusammen. Beuys musste verwertbare Kunst machen – zum Beispiel eine Kopie der Zarenkrone einschmelzen und daraus „Der Friedenshase und Zubehör“ herstellen -, die dann für 777 000 DM von einem Beuys-Sammler erworben werden konnte. Am 12. Juni 1987 – also nach Beuys’ Tod – pflanzte sein Sohn den letzten Baum neben die 1982 zuerst gepflanzte Eiche vor dem Fridericianum. „7000 Eichen“ ist eines der größten Kunstobjekte der Nachkriegszeit. Es ist auch eines der eindrücklichsten Dokumente der von Paul Virilio 1980 propagierten „Ästhetik des Verschwindens“.

„Der herrschaftsfreie Diskurs“. Ich weiß nicht, ob Beuys diese Wendung jemals in den Mund nahm. Aber ich weiß, dass er ihn betrieb. Er fand, was er sagte, konnte jeder verstehen. Also sprach er mit jeder und mit jedem gleich. Der New Yorker Kunstkritiker Peter Schjeldahl schrieb einmal über Joseph Beuys, er sei der „charismatischste Mann“ gewesen, den er „jemals von Nahem sah“. Und dann erläuterte er: „Charisma ist vielleicht die Fähigkeit, Menschen davon zu überzeugen, dass sie über Potenziale verfügen, die sie nie bei sich vermuteten.“ Das ist vielleicht noch nicht herrschaftsfrei, aber es eröffnet den Weg zu einer Auseinandersetzung auf Augenhöhe. Nicht durch Hinunterbeugen, sondern durchs Hochheben.

Weil ich auf die Zeitgenossenschaft des 1921 in Krefeld geborenen und in Kleve aufgewachsenen Joseph Beuys mit dem 1929 in Düsseldorf geborenen und in Gummersbach aufgewachsenen Jürgen Habermas hinweisen möchte, erinnere ich an den „herrschaftsfreien Diskurs“. „Mehr Demokratie“ in die Bundesrepublik bringen wollten beide. Habermas war interessiert an der kritischen „Anschlussfähigkeit“ seiner Argumente an die seiner Freunde und Kontrahenten. Demokratie ist darauf angewiesen, darauf wies er unermüdlich hin, dass möglichst viele Bürger zu den sie betreffenden Überlegungen staatlicher Stellen Stellung beziehen können. Sie sollten einbezogen werden in die Entscheidungen. Ihre Argumente sollten eine Rolle spielen. Es sollten Gremien geschaffen werden, die den Bürgern auf möglichst vielen Ebenen Mitgestaltungsmöglichkeiten eröffneten.

Beuys glaubte an den Schock. Als er im Mai 1974 in René Blocks New Yorker Galerie sieben Tage und Nächte zusammen in einem Raum mit einem Kojoten verbrachte, da wollte er etwas tun und zeigen. Was genau, wusste er selbst nicht. Er wusste nur: Etwas würde deutlich werden. Er nannte seine Aktion. „Coyote: I like America and America likes me.“ Wer den Film von der Aktion gesehen, wer auch nur Fotos betrachtet hat, weiß, dass, wer behauptet, die Aktion zeige, dass Mensch und Tier zusammenleben können, sich die Aktion nicht angesehen hat. Der kahle Raum ist beiden Spezies nicht angemessen. Sie hatten sich wie zu einem Meeting an einem fremden Ort getroffen, den beide danach möglichst schnell wieder verließen. Beuys sagte damals viel über die Rolle des Kojoten in der indianischen Mythologie, im Selbstbild der USA. Die Aktion zeigte nichts davon. Sie zeigte, dass der Kojote und Beuys es ein paar Tage miteinander aushielten. Mehr nicht.

Ich fühlte mich dennoch erinnert an die Legende vom Heiligen Franziskus, der mit dem Wolf von Gubbio einen Vertrag ausgehandelt haben soll: Die Bewohner des Ortes würden, das besagt der Vertrag, vom Wolf verschont werden, wenn sie für seine Nahrung sorgten. Dass die Menschheit ohne Friedensverträge mit der Natur nicht den Hauch einer Überlebenschance hat, davon war Joseph Beuys überzeugt. Wir sind verwachsen mit allem anderen, mit Tieren und Pflanzen sowieso, aber auch mit Steinen und Sternen. Er suchte nicht nach Argumenten für diese Auffassung, sondern er wollte es uns vorführen, soweit er konnte. Er wollte uns verführen, es ihm hie und da nachzutun. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Gelüsten. Dazu aber musste man aufstehen, etwas tun. Mit lesen war es nicht getan.

Wer 1970 zwanzig war, der hatte nicht nur die Wahl zwischen Beatles und Rolling Stones, zwischen Bhagwan und Betriebsgruppe, zwischen Linksradikalismus und Love & Peace, sondern auch zwischen Joseph Beuys und Jürgen Habermas. Letzterer gehörte zur Flakhelfergeneration. Beuys dagegen war Flieger gewesen und abgeschossen worden über der Krim. Nach dem Krieg begab Beuys sich nicht auf den langen Weg nach Westen. Er bewirtschaftete seine Geschichte, die auch die des nationalsozialistischen Deutschlands war. Dazu kam Rudolf Steiner, dessen Schriften ihn tief beeindruckten. Das führte zu sehr irritierenden Auslassungen. Seine Kapitalismuskritik zum Beispiel, so erwünscht sie den 68ern kam, rührte doch aus sehr trüben Quellen. Habermas’ ganze Anstrengung dagegen war, sich freizukämpfen von den Strömungen irrationalistischer deutscher Tradition, mit denen der Schelling-Exeget doch bestens vertraut war.

Beuys oder Habermas. Aber so wie manche sich nicht entscheiden konnten zwischen Betriebsgruppe und Bhagwan, so versuchten andere, bei Beuys und Habermas gleichermaßen zu schnabulieren. Sie lernten so, dass sie offenbar darauf angewiesen waren, beiden – Vernunft und Unvernunft – ein Aufenthaltsrecht im eigenen Kopf einzuräumen. In der Hoffnung, dass die einander korrigieren mögen. Diese Auseinandersetzung ist bis heute nicht beendet. Sie ließ einen freilich erkennen, dass auch das Pochen auf Vernunft und Argument in bestimmten Situationen schamanistische Züge annehmen kann.

Vor allem aber ist einem in diesen Jahrzehnten deutlich geworden, dass nicht nur jeder Mensch ein Künstler ist, sondern auch ein Kunstwerk. Joseph Beuys’ Hut, seine Anglerweste, das waren Markenzeichen eines Produkts. Die Geschichte von seiner wunderbaren Rettung durch die Fett und Filz liebenden Krimtataren war der Versuch einer lebensgeschichtlichen Absicherung seiner künstlerischen Praxis – ganz im Sinne von Diltheys „Das Erlebnis und die Dichtung“. Der wirkliche Joseph Beuys aber wurde nicht wochenlang in Fett und Filz gesund gepflegt, sondern befand sich bereits am Tag nach seinem Absturz (16. März 1944) in einem deutschen Lazarett. Tataren gab es damals schon nicht mehr auf der Krim.

Beuys hatte sich in seinem Hang zum Gesamtkunstwerk neben allem, was er tat, noch eine höchst persönliche Mythologie erschaffen, in der sein Tun einen Sinn bekam. Joseph Beuys hat den Hunger nach Sinn nie aufgegeben. Wie so viele, die doch wissen, dass es nur den Sinn gibt, den man den Dingen, der Welt, dem Ganzen selbst gibt.

Joseph Beuys während seiner berühmt gewordenen Aktion „7000 Eichen“ auf der documenta 7 in Kassel, 1981.
1967 in Darmstadt: Joseph Beuys lässt während der Veranstaltung „Fluxus“ die Ausstellung „Fettraum“ entstehen.

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