Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Was war da noch? Herangeführt werden an das, was mal zu sehen war.
+
Was war da noch? Herangeführt werden an das, was mal zu sehen war.

„Das imaginäre Museum“ im MMK2

In die Zukunft katapultiert

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
    schließen

Man versucht, sich zu erinnern, was hier vor ein paar Tagen noch zu sehen war. Die Bilanz fällt beschämend aus. Zum aufschlussreichen Finale der Ausstellung „Das imaginäre Museum“ in Frankfurts MMK2.

Ein schwarz gekleideter Mann steht mit dem Gesicht zur Wand. Ab und zu nennt er eine Zahl, meist vierstellig. Dann fängt er wieder von vorne an. Als er fertig ist, ist man ratlos.

Doch plötzlich stellt sich eine Ahnung ein, denn dort, wo der Mann namens Matthew jetzt verharrt, im MMK2, der Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, hing noch vor kurzem Paul Almásys Fotografie „Louvre, Paris“ von 1942. Sie zeigt eine Wand im Louvre, an der lediglich leere Goldrahmen hängen. Statt Bilder sieht man Nummern, die mit Kreide an die Wände geschrieben wurden. Die Gemälde hatte man damals zum Schutz vor Plünderungen durch die Nationalsozialisten vorsorglich entfernt.

Jetzt ist also auch diese Fotografie verschwunden, denn wir schreiben das Jahr 2052, alle Kunstwerke wurden vernichtet. Das jedenfalls sollen sich die Besucher vorstellen, die zur Abschlussveranstaltung der Ausstellung ?Das imaginäre Museum? gekommen sind. Noch eine Woche zuvor waren hier mehr als 80 Werke aus den Sammlungen des MMK, der Tate Liverpool und dem Centre Pompidou-Metz zu sehen – Arbeiten, die bestimmte Charakteristika von Kunst auf den Punkt bringen und die man sich einprägen sollte, um sie auf diese Weise für kommende Generationen zu bewahren. Werke wie Joseph Kosuths „Clock (One and Five)“ von 1965, das eine Uhr, ein Foto der Uhr und drei Lexikoneinträge zu den Worten Uhr, Zeit und Objekt umfasst und so demonstriert, wie unterschiedlich man einen Gegenstand wahrnehmen kann. Oder dieser nur scheinbar banale Satz von Lawrence Weiner: „Steine irgendwann in der Zukunft gefunden und gebrochen“, der einen gedanklich in eine ferne Zukunft katapultiert, eine Zeit, in der allenfalls die Existenz von Steinen gewiss ist.

Das Konzept der Ausstellung wurde von Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953) inspiriert, einem Science-Fiction-Roman, der davon handelt, dass Literatur aus der Gesellschaft verbannt wurde und allenfalls in der Erinnerung weiter existiert. Jetzt also läuft man durch Räume, in denen leere Vitrinen und Podeste sowie Haken an den Wänden und Verpackungskisten daran erinnern, das hier gerade noch etwas war.

Man versucht, sich zu erinnern und vergleicht das Ergebnis mit den Werkbeschreibungen, die noch immer als Zettel an den Wänden hängen. Die Bilanz fällt beschämend aus. Viel mehr als man dachte, hat man vergessen. Doch es gibt Hilfe. So genannte Bildermenschen (solche wie Matthew) stehen bereit, um uns ihr Lieblingswerk ins Gedächtnis zu rufen. Zum Beispiel die Frau, die in Kunsthistorikerinnen-Manier Alighiero Boettis „Order and Disorder“ – ein wildes Arrangement aus Stickbildern – erläutert. Oder der Kinderchor, der Barbara Krugers Lithografie „Untitled (We will not longer be seen and not heard)“ auf eine so eindringliche Weise interpretiert, dass man den zauberhaften, zugleich seltsam gespenstischen Auftritt so schnell nicht vergisst.

Und dann kommt Johnny Klinke. Mit dem Gestus des Conférenciers erinnert der Tigerpalast-Chef – nein, nicht an Albert Georg Riethausens Fotografie einer berühmten Artistengruppe, die über den Ruinen Frankfurts einen Hochseilakt aufführt. Er nimmt das Foto vielmehr zum Anlass, um über ein von ihm 1994 in derselben Stadt initiiertes Projekt zu sprechen: Der Hochseilartist Philippe Petit lief damals in 80 Metern Höhe zwischen Paulskirche und Dom. Wer dabei war, erinnert sich gut. Dann macht Klinke noch Werbung für den Tigerpalast.    

Bewegender jedoch ist der Bericht einer Frau, die sich an Lucio Fontanas „Concetto Spaziale“ auf eine Weise erinnert, die eine subjektive Beschreibung des Werks und der Weise wie es zunächst und dann auf den zweiten und dritten Blick auf sie gewirkt hat mit Kindheitserinnerungen mischt. Das war grandios. „Wenn ich das nächste Mal etwas von Fontana sehe, werde ich mich an sie erinnern“, sagt ein Zuhörer, die Frau lächelt.

Auch dem Herrn mit dem witzigen T-Shirt, der über Jeff Walls Foto-Arbeit „Odradek, Táboritská 8, Prag, 18.Juli 1994“ spricht, gelingt ein Vortrag, der über das Werk hinaus weist. Der Prag-Kenner schickt das Publikum auf eine fiktive Reise in eben jenen Keller, in dem dieses Bild wenngleich wohl nicht fotografiert wurde („Dazu hätte man die Tür herausreißen müssen“), der aber wohl als Vorbild gedient hat. Und er gibt zwei Personen aus dem Publikum ein geheimnisvolles Schächtelchen, das sie erst öffnen dürfen, wenn sie wieder im Freien sind.

Wie wichtig es ist, dass man über Kunst spricht, dass man sie mit subjektiven Eindrücken verknüpft, sie sich auf gewisse Weise zu eigen macht, das hat diese Abschlussveranstaltung auf bemerkenswerte Weise demonstriert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare