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Zuflucht im Zelt: Richard Bells „Embassy“ auf der Documenta 15

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Von: Lisa Berins

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Die „Tent Embassy“ auf dem Friedrichsplatz wird in Kassel ein Ort der politischen Diskussion. Foto: Lisa Berins
Die „Tent Embassy“ auf dem Friedrichsplatz wird in Kassel ein Ort der politischen Diskussion. Foto: Lisa Berins © Lisa Berins

Eine Begegnung auf der Documenta: Der Australier Richard Bell hat seine „Tent Embassy“ in Kassel aufgebaut

Er sei ein Aktivist, der sich wie ein Künstler verkleide, hat Richard Bell vor kurzem der Presse gesagt. An diesem Tag sieht er eher aus wie ein Urlauber: rotes Hemd im Hawaii-Look, lederner Hut, an dem die Sonne abprallt. Es sind um die 30 Grad, Bell steht vor seiner „Tent Embassy“, einem tarngrünen Zelt, das er vor dem Fridericianum aufgebaut hat. Ihm mache die Hitze nichts aus. „Es ist wie in Brisbane“, sagt der Künstler. „Im Winter.“

Kurz bevor die große Kunstausstellung in Kassel für das Publikum öffnet, ist nicht viel los auf dem Friedrichsplatz. Einige wenige Menschen verschnaufen im Schatten der Zeltplanen und lassen sich im Innern der „Embassy“ müde auf die Stühle fallen, die vor einem Bildschirm aufgestellt sind. Es läuft ein Schwarz-Weiß-Film aus den 1970ern, eine historische Dokumentation über den Kampf der Aborigines gegen Diskriminierung und Unterdrückung durch die Weißen, die vor 400 Jahren kamen, um sich das große Land Australien gefügig zu machen – mitsamt der Menschen, die dort schon seit einer halben Ewigkeit lebten. Protestplakate vor dem Zelt weisen auf die heute noch immer herrschende Benachteiligung der Aborigines hin: „If you can’t let me live aboriginal, why preach democracy“, ist da zu lesen.

Bell schaut sich um, von den Besucherinnen und Besuchern wird er, obwohl er einer der bekannteren Künstler der Documenta 15 ist, nicht erkannt. Erst, als ihn ein Pressefotograf anspricht und er für Bilder posiert, schart sich eine kleine Menge um ihn, die Bell so professionell wie tiefenentspannt abfertigt. Seit 50 Jahren baut der Künstler seine Zeltbotschaft in der Welt auf, erstmals 1972 vor dem australischen Parlament in Canberra. Die Installation, die jetzt in Kassel steht, wurde schon an vielen Orten gezeigt, in New York, Jakarta, Moskau, Jerusalem, 2019 auch im Nebenprogramm der Biennale in Venedig. 2023 wird sie in der Tate Modern in London zu sehen sein.

In Kassel soll die „Tent Embassy“ zu einem Ort des Austausches, der Gespräche, der politischen Diskurse werden, bei denen es um Ungerechtigkeiten geht, die marginalisierte Gruppen in der Welt erleiden müssen. Künstlerinnen und Künstler der Documenta werden über ihre Zukunftsvisionen sprechen, Rednerinnen und Redner aus ganz Europa sind angekündigt, und Bell hat die in Brisbane ansässige Organisation Digi Youth Arts eingeladen, die sich für ein Empowerment junger Aborigines und Torres-Strait-Insulanerinnen und -Insulaner durch künstlerische Praktiken einsetzt.

Schon als junger Erwachsener hat Bell für die Rechte von Aborigines gekämpft. 1953 wurde er in Charleville, Queensland, geboren, wuchs dort in einer Blechhütte auf. 1974 begab er sich in das Umfeld der australischen Black Panther Party und engagiert sich seitdem gegen Enteignung, Unterdrückung und für die Rechte der Schwarzen Australierinnen und Australier – mit den Mitteln der Kunst. Und der Provokation. Er greift Klischees über aboriginale Kunstproduktion auf, er eignet sich selbstbewusst Stilrichtungen einer weitestgehend weißen Kunstgeschichtsschreibung an, macht neben der Malerei Ausflüge in die Video-, Performance- und Installationskunst.

Im Fridericianum, das während der Documenta 15 zur „Fridskul“ – einem Lernzentrum für die „lumbung“-Praxis – geworden ist, sind großformatige Protestgemälde, Bells Version des Duchamp’schen Urinals und eine Anzeige zu sehen, die die Schulden der australischen Regierung gegenüber den Aborigines anzeigt. „White lies matter“ ist auf einem Bild im Treppenaufgang zu lesen.

„Das Problem ist und bleibt der Kolonialismus und der weiße Mann“, sagt Bell mit ruhigem Blick, während er noch immer vor seiner „Embassy“ steht. In den vergangenen 20 Jahren habe sich an der schlechten Situation der Aborigines in seinem Land im Grunde nichts geändert. Aber es gebe da noch einen Elefanten im Raum. „Und das ist der Kapitalismus. Er ist das System der Individuen. Die Räder der Demokratie sind mit ihm geschmiert. Wir brauchen das Kollektiv, wir müssen den Kapitalismus stoppen, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen.“ Er scheint seine „Botschaft“ am richtigen Ort aufgeschlagen zu haben – nicht nur, um Zuflucht vor der Sonne zu bieten.

Richard Bell setzt sich für die Rechte der Aborigines ein. Foto: Savannah van der Niet, Courtesy The Artist and Milani Gallery Brisbane
Richard Bell setzt sich für die Rechte der Aborigines ein. Foto: Savannah van der Niet, Courtesy The Artist and Milani Gallery Brisbane © Savannah van der Niet, Courtesy The Artist and Milani Gallery Brisbane

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