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Karin Kneffel, "Apfel", Aquarell, 1994.
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Karin Kneffel, "Apfel", Aquarell, 1994.

Die Frucht in der Kunst

Zitronen im All, Griebsche auf der Erde

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Das Bad Homburger Museum Sinclair-Haus zeigt „Die Frucht in der Kunst“: Nicht essbar, aber höchst anregend.

Schon seit Eva Adam einen Apfel gereicht haben soll, tragen Früchte mit an der Last der Vergänglich- und Sterblichkeit. Sie bekommen alsbald Flecke, auch wenn sie kein Fallobst sind. Sie schrumpeln, schimmeln, faulen, gären. Und wie oft kann es sein, dass ein Würmlein in ihnen wohnt, das den Verfallsprozess noch beschleunigt. Sie machen dem Menschen andererseits Appetit – und das, ohne dass vor dem Verzehr das Blutvergießen steht. Von der Hand direkt in den Mund, so einfach ist das. Und übrig bleiben ein Kern, eine Schale, ein Griebsch.

Der Apfelgriebsch des Künstlers Gavi Turk – „Gala (eaten apple)“, 2011 – ist weit haltbarer, als man auf den ersten und auch zweiten Blick denkt: Täuschend echt inklusive leichter Schimmelspuren, naturgetreu auch in seiner Größe, aber aus bemalter Bronze. „Gala“ ist zu sehen in der aktuellen Ausstellung des Bad Homburger Museums Sinclair-Haus, sie ist überschrieben „Sünde und Erkenntnis – Die Frucht in der Kunst“ und kuratiert von Direktor Johannes Janssen.

Das Museum kann aus der beachtlichen, auf Naturmotive im weitesten Sinn spezialisierten Sammlung der Altana Kulturstiftung schöpfen. Oft konzentrieren sich die Ausstellungen auf zeitgenössische Werke. Diesmal aber greift Janssen auch zurück auf Stillleben von Gabriele Münter und Emil Nolde, Mac Pechstein und Pablo Picasso, Karl Schmidt-Rottluff und den Neo-Impressionisten Paul Signac.

Man zeigt im Sinclair-Haus das farbenfrohe Aquarell „Nature Morte“ von dem vor allem als Fotograf bekannten Man Ray, auf dem Teller schmiegt sich munteres, bauchiges Birnengelb an eine sattbraune Aubergine und seltsam verwachsene, verwinkelte knallrote Paprika. Eine fidele gelbe Birne gibt es auch bei Andy Warhol, ein lustiges Fähnchen ist ihr Stiel. Neben ihr zierliche Trauben und zierliches Grün (Tusche und Wasserfarben, ohne Titel). Maurice de Vlamincks Ölbild „Nature morte aux poires“ dagegen stellt verschattete Birnen wie Zinnsoldaten auf einen Teller, der Stiel ragt bei allen senkrecht nach oben. Links neben ihnen eine dunkle, fast ganz schwarze Weinflasche. Ein Tisch, einsam.

Die zeitgenössischen Künstler gucken offensichtlich gern ins Innere, der Kern in allen seinen Formen ist eines ihrer großen Obst-Themen. Der 1964 geborene Roland Stratmann hat ein ingeniöses „Fruchtkernmuseum“ (1997) gebaut, eine silberne Schale, von außen unauffällig. Wenn man durch ihre kleinen (Lupen-)Öffnungen blickt, sieht man im Innern Kernarten, teils stark vergrößert. Laura Kuch hat geschnippelt, Scheiben geschnitten, auch Kerne getrocknet: Ihr „Display Cabinet #1 – First ever seen by me“ enthält interessant Verschrumpeltes in allen Vergänglichkeitsfarben zwischen Dunkelbraun-Schwärzlich und Hellbeige-Gelblich. Auch ein Apfelgriebsch, diesmal original getrocknet, ist übrigens darunter.

Der Mensch ist in der Regel abwesend auf den Frucht-Bildern der Ausstellung. Sieht man einmal ab von Mel Ramos’ Skulptur „Chiquita Banana“ von einer neckisch der Bananenschale entsteigenden Venus; und von Conrad Felixmüllers still-konzentriert schälendem Jungen mit den rosigen Wangen (Aquarell „Die Apfelsine“, 1929).

Auf „Esst deutsche Äpfel“ (1965) von Jörg Immendorf gucken drei Strichmännchen mit Pfadfinderhüten aus einem riesigen Berg überwiegend quietschegrüner Äpfel, die sind größer als die Menschenköpfe. Und auf „Eden“ (2006/7) überschriebenen Tuschezeichnungen lässt Roland Stratmann biegsame Menschlein (wie Riesenwürmer) durch und auf Äpfeln turnen, rutschen, die Früchte einspinnen, einen Griebsch für einen kuriosen Spagat nutzen.

Wo bleibt die Vanitas, könnte man im Sinclair-Haus fragen, angesichts dekorativ durch den Raum schwebender Zitronen (Andy Warhol, „Space Fruit: Still Lifes (Lemons)“ und blitzblank, makellos glänzender Melonen (Ai Weiwei, „Watermelon“ aus Porzellan)?

Ach doch, Alicja Kwade bringt sie elegant durch die Hintertür: Zwar ist ihre „Atropa Belladonna (Notfallkapsel)“ vergoldet – und bleibt doch eine Tollkirsche, eine sehr giftige Frucht; gleichzeitig Bestandteil von Herztropfen und also möglicherweise lebensrettend. Jan Fabre, Spezialist für Körpersäfte, Insekten, Menetekel, lässt einen dicken Wurm durch das Gehirn eines Atheisten und in einen Apfel kriechen („Brain of an Atheist“, 2014). Das in solidem weißem Carrara-Marmor. Hans op de Beeck handelt das Thema „Vanitas (variation) 1“ dreidimensional ab, mit einem Getränkekarton und einer Sprühdose (Sahne?), mit Stiften, Büchern, Zigarettenschachtel, Feuerzeug, Feige, Erdbeeren, Trauben, Bananen – aber es ist alles erbarmungslos grau in grau.

Nicholas Party verkleidet Steine als Früchte. Peter Anton stellt Orangen- und Zitronenschnitze her, überdimensional und in „Schokolade“ getaucht. Zum an die Wand hängen und das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Patricia Waller hat ihre „Bananenschale“ gehäkelt. Und Juliane Gottwald hat sich für einen riesigen (140 mal 540 Zentimeter), in Öl gemalten Pflaumenkuchen entschieden.

Nicht alles in „Die Frucht in der Kunst“ ist appetitlich, aber alles ist immens anregend.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg: bis 25. September.

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