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Modelle des Künstlers Ai Weiwei.
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Modelle des Künstlers Ai Weiwei.

Ai Weiwei

Zerstören und Bewahren

  • Hans-Klaus Jungheinrich
    VonHans-Klaus Jungheinrich
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Werke des chinesischen Künstlers Ai Weiwei sind zurzeit im Kunsthaus Bregenz zu sehen. Bei einer Ausstellung im zeigt er sich als Enkel Duchamps.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei erregte auf der Kasseler Documenta 2007 Aufsehen mit einer Open-Air-Monumentalplastik („Template“) von Holztüren und -fenstern aus der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911). Als kurz nach der Eröffnung ein Gewittersturm dieses Objekt umstürzte, erklärte Ai Weiwei, so gefalle es ihm erst recht. Einigen alteuropäischen Fexen der gestalteten Werkidentität mochte dieses Votum als Bestätigung ihres auf Ai und seinesgleichen gemünzten Scharlatanerieverdachtes erscheinen – als unumstößlicher Nachweis eines ins Wurschtige verkümmerten Kunstwillens.

In Wirklichkeit wiederholt und „zitiert“ Ais Geste eine bei ähnlicher Gelegenheit getroffene Entscheidung von Marcel Duchamp, dem Pionier des Ready-made und einem der geistigen Väter Ai Weiweis. Zugleich entspricht die gelassene Hinnahme der „Zerstörung“ von „Template“ einer taoistischen Lebensmaxime, die das Geschehenlassen in Erwägung zieht als möglichen und akzeptablen Modus schöpferischer Veränderung. Anstatt der westlichen „Kontrolle“ kommt dabei die Kontingenz zum Zuge – der Zufall als ästhetischer Assistent und Ratgeber, ja unter Umständen sogar als autoritative Instanz.

Die „Template“-Affäre zeigt, dass Ais Oeuvre durchaus mehrfach konnotiert, dass es allemal im westlichen wie im östlichen Denken zugleich verwurzelt ist. Kein Wunder. Als junger Mann lebte er lange in New York, früh zeichnete sich seine merkwürdige Zwitterrolle zwischen dissidentenhaftem Außenseitertum und sichtlicher Privilegiertheit ab. Als Architekt und Städteplaner beteiligte er sich an der baulichen „Erfindung“ ganzer Stadtteile; mit dem Architektenbüro Herzog & de Meuron entwarf er unter anderem Pekings Olympiastadion.

Natürlich reiten „westliche“ Kuratoren und Galeristen auf der politischen Opportunitätswelle, wenn sie sich für Ai einsetzen – öffentliche Zuwendungen wie öffentliches Interesse sind ihnen dabei sicher. Indes gab es gerade in Deutschland und der Schweiz schon seit vielen Jahren ein – insofern man bei dem Phänomen Ai Weiwei überhaupt so argumentieren kann – rein künstlerisch motiviertes Experten-Engagement für ihn. Lange vor seiner Verhaftung im April waren etwa die Fotoausstellung in Winterthur und der Luzerner Kunstmuseumsauftritt disponiert, auch die Minimierung des Sonnenblumenkern-Projekts und seine Verbringung aus der Londoner Tate Modern in das winzige Museum des schweizerischen Cully. Kaum an einem Tag, wohl aber im Zuge einer Reise kann man die Besichtigung all dieser aktuellen Ai-Weiwei-Stätten verbinden mit dem Besuch des Kunsthauses Bregenz, das sich wie so oft zur Festspielzeit (und darüber hinaus bis Oktober) eine Trouvaille sicherte.

Eingerahmt von Materialien über das Opernvorhaben „Sieg über die Sonne“ (eine der großen Legenden des russischen Futurismus) und Dokumentationen innovativer Architekturplanungen, zeigt sich die Ai-Weiwei-Präsenz in Bregenz relativ schmal und spezialisiert. Da gibt es einmal die Modelle der Olympiastadionbauten (und einiger anderer, weniger bekannter Gebäude). Flankiert wird das von mehreren Bildschirmen, auf denen Videofilme von Ai Weiwei und seinen Mitarbeitern zu sehen sind – die filmische und fotografische Tätigkeit macht einen großen Teil der täglichen Arbeit des Künstlers aus, den man damit als einen gewissermaßen flächendeckenden kritischen Chronisten der chinesischen Gegenwartsrealität einschätzen darf. Dies vermag der charismatische Ai nur dank einer großen Zahl von kooperativen Freunden.

Am bewegendsten und provokantesten ist der Film über die Zerstörung des Künstlerateliers am Rande Pekings im vergangenen Januar. Das wie eine kleine Fabrik (mit geräumigem Innenhof) aussehende rote Backsteingebäude wird langsam von Baggern plattgemacht. Brocken für Brocken wird alles abtransportiert, so dass nach gut einer Woche nicht etwa ein Schutthaufen übrigbleibt, sondern nur mehr ein ebenes Feld ohne jedwede Spuren vorheriger Bebauung. Ein starkes Symbol offiziellen Vernichtungswillens. Wieder einmal hatten, wie danach im April, die „Falken“ gesiegt. Doch auch die „Tauben“, Ai Weiweis Freunde in der Administration, schlafen nicht.

„Es geht nicht darum, politische Kunst zu machen. Es geht darum, die Kunst politisch zu machen.“ Der Satz Jean-Luc Godards trifft eine wesentliche Intention Ai Weiweis. Diese deklariert sich nicht als „politisch“, als quasi einem etablierten Kunstgenre zugehörig und Ausfluss eines „verdinglichten“ Engagements. Vielmehr gerät auch die „reine“ Kunst in einen politischen Zusammenhang, indem sie kritisch an die Verhältnisse rührt. Oft benutzt Ai (das war auch bei „Template“ der Fall) für seine Werke Überreste zerstörter oder missachteter älterer Bauteile oder Kunsthandwerks-Gegenstände und zeigt mit der Neuverwertung sowohl brutale Veränderung als auch Sinn für Bewahrung.

In der obersten Etage des Bregenzer Kunsthauses kommt die Freude an sinnlich erfahrbaren Kunstobjekten doch noch zum Zuge. Dort stehen in zwei Reihen vier übergroße, „Moon Chest“ genannte Gehäuse, in kostbarem Holz nachgebildete traditionelle chinesische Hochzeitsschränke mit versetzten kreisrunden Löchern, analog zu den „wandernden“ Mondphasen. Diese ebenso gediegenen wie rätselhaften Gegenstände zeigen eine andere, scheinbar nichtpolitische Facette des multiplen Künstlers und kämpferischen Politikers Ai Weiwei – oder sollte nicht auch dies ein politisch verstehbarer Hinweis auf die Beharrlichkeit des Schönen inmitten schrankenloser Veränderungen sein?

Kunsthaus Bregenz: bis 16. Oktober. www.kunsthaus-bregenz.at

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