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Fotografie von Nick Waplington für die Ausstellung „This Place“, ohne Titel und Datum.

Fotoprojekt

Israel: Eindrücke aus dem Alltag in einem zersplitterten Land

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Das internationale Fotoprojekt „This Place“ beschäftigt sich mit Israel und dem Westjordanland und zeigt Aspekte eines Alltags, die man sonst eher nicht zu Gesicht bekommt.

Was ist das für eine Ausstellung, die den Fotografen Thomas Struth dazu bringt, von seinem Vater zu erzählen, Jahrgang 1919, der in „einer faschistischen Armee“ gekämpft habe. Die US-amerikanische Fotografin Wendy Ewald wollte zunächst gar nicht mitmachen. Andere hätten die Befürchtung geäußert, sie könnten instrumentalisiert werden, sagt der Initiator und Fotograf Frédéric Brenner. Und weil palästinensische Fotografen sich weigerten, in ihrem „besetzten Land“ zu arbeiten, lud Brenner auch keine israelischen Künstler ein.

Die Rede ist hier von einem Fotoprojekt zu Israel und dem Westjordanland. Sogar der Titel der daraus resultierenden Ausstellung ist ein Hinweis darauf, wie kompliziert das Thema ist: „This Place“ lautet er, so nennen die Menschen dort selbst ihre Heimat, so wie sie angesichts der quälenden politischen Lage von „the situation“ sprechen. Aber es ist auch ein Versuch, diese zerrissene Weltgegend auf einen Nenner zu bringen.

New York, Tel Aviv und Prag - jetzt Berlin

Frédéric Brenner, „The Aslan Levi Family“, 2010.

Für die 200 Fotografien umfassende Ausstellung, die nach New York, Tel Aviv und Prag nun im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist, haben zwölf internationale Fotokünstler zwischen den Jahren 2009 und 2012 die Region erkundet. Sie hatten keine Vorgaben, und vielleicht ist das der Grund dafür, warum ein so vielschichtiges, manchmal auch niederdrückendes Bild entstanden ist. Nur ein Motiv erscheint mehrmals, es ist eine Straße in Hebron, die an einer Mauer endet, die die Stadt in die Zone palästinensisch kontrollierte Zone H1 und die israelisch kontrollierte H2 teilt, eine Metapher für die verzweifelte Lage.

Von dem Kanadier Jeff Wall, bekannt für seine großformatigen, inszenierten Tableaus, kommt ein einziges Bild: „Daybreak“ zeigt eine Handvoll Menschen, die unter freiem Himmel schlafen, im Hintergrund die Mauer eines Gefängnisses. Es sind Beduinen, die als Olivenpflücker in der Negevwüste arbeiten. Gerade geht die Sonne auf, der Tag bricht an.

Immer wieder Thema: Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland

Wendy Ewald, „At home“, 2013.

Den 81-jährigen Josef Koudelka hat die Mauer interessiert, die Israel vom Westjordanland abtrennt und palästinensische Selbstmordattentäter daran hindern soll, nach Israel zu gelangen. Koudelka hat einst hinter dem „eisernen Vorhang“ gelebt. Er stammt aus Tschechien, vielleicht daher die Faszination. Aus der Düsternis seiner Schwarz-Weiß-Bilder spricht sein Widerwille gegen die Sperranlage, die Landschaften zerteilt, dem weiten Blick Stacheldraht in den Weg stellt und Menschen demütigt, wie die Bauern, die einen Kontrollpunkt passieren müssen, um auf ihr Land zu gelangen.

Der Amerikaner Fazal Sheikh geht mit seiner „Desert Bloom“ betitelten Serie dem Traum Ben Gurions nach, die Negev-Wüste zu besiedeln. Seine Luftaufnahmen zeigen geologische Formationen, Militärcamps, Ruinen von Siedlungen der Beduinen, die seit Generationen hier leben und oft gewaltsam vertrieben wurden. Die Bilder, da aus größer Höhe aufgenommen, wirken wie Grafiken. Der Negev wird zu einem Archiv, das bewahrt, was hier gewesen ist.

Aspekte aus dem Alltag in Israel

Rosalind Solomon, „Jerusalem“, 2011.

Wendy Ewald ist es gelungen, doch noch israelische und palästinensische Fotografen in diesem Projekt zu involvieren. Sie hat Kameras an 14 unterschiedliche Gruppen verteilt, darunter Schulkinder, Händler auf dem Mahane Yehuda Markt in Jerusalem, Beduinen, Kibbuzbewohner, Soldatinnen, auch Angestellte aus High-Tech-Unternehmen. Aus den insgesamt rund 50 000 Fotos, die so entstanden sind, hat sie 500 ausgewählt. Ein wenig mehr als postkartengroß repräsentieren sie doch nichts weniger als den Versuch, ein ganzes Land fotografisch darzustellen. Sie zeigen Aspekte eines Alltags, den man kaum zu Gesicht bekommt. Stundenlang könnte man sich hier aufhalten.

Zu nennen sind auch alle anderen. Rosalind Fox-Solomon etwa mit ihren großartigen Schwarz-Weiß-Porträts, die Israel als ein Land zeigen, das in viele Gruppen aufgesplittert ist. Hier kann fast jeder dieser Andere sein, von dem man sich am liebsten distanzieren will. Zu nennen sind Gilles Peress, Jungjin Lee, Nick Waplington, Martin Kollar, Stephen Shore. Sie alle hat Frédéric Brenner zu Beginn des Projekts auf eine dreiwöchige Erkundungsmission geschickt, während der sie allen möglichen Narrativen ausgesetzt wurden, von denen es gerade in dieser Gegend so viele gibt. Ziel sei gewesen, die Künstler auf hohem Niveau zu verwirren. Ähnliches erreicht diese komplexe und höchst anregende Ausstellung beim Besucher.

Jüdisches Museum Berlin:

bis zum 5. Januar 2020. www.jmberlin.de

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