+
Das Asche-Objekt der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit nahe des Reichstagsgebäudes in Berlin.

„Sucht nach uns!“

Zentrum für Politische Schönheit: Strebertum der Kunst

  • schließen

Ein Besuch der Installation „Sucht nach uns!“ gegenüber dem Berliner Reichstagsgebäude.

Am Montag, dem Tag ihrer Enthüllung, wurde die Installation „Sucht nach uns!“ des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) auf einer Rasenfläche südlich des Bundeskanzleramtes als notwendiger Augenöffner mehrheitlich gefeiert. Am Dienstag schon war die Öffentlichkeit reservierter und diskutierte den Vorwurf des Zentralrats der Juden, der für den Fall, dass die Installation tatsächlich Asche von Opfern des Holocaust verwende, von einer Störung der Totenruhe ausging. Am Mittwoch ist Zeit für einen gründlichen Blick.

Zentrum für Politische Schönheit: Drei Botschaften

Die neueste Aktion der seit zehn Jahren tätigen Künstlergruppe um den 1981 in Dresden geborenen Philosophen Philipp Ruch wartet mit drei Botschaften auf. Die Augenfälligste ist eine „Warnung vor den Menschen“, die in weißer Schrift auf einem blutroten Transparent neben einem Metallgerüst angebracht ist, das die Form des gegenüberliegenden Reichstagsgebäudes zitiert. Anlass ist die Behauptung: „Die schweigende Mehrheit von 60 Millionen Deutschen würde sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren.“

Die Zahl entspricht der Anzahl der Wahlberechtigten in Deutschland. Ich teile diesen Pessimismus nicht, aber es ist legitim, ihn zu äußern. Flankierend ist das Gerüst teils mit Betttüchern verhängt, auf denen Zitate von Adorno bis Kiyak an den faschistischen Kern unserer Nachkriegsgeschichte erinnern, Grablichter und Kuscheltiere ahmen das Gefühl eines schmerzlichen Verlustes gewissermaßen vor, und nach hinten wird die Installation durch eine Bodenplatte mit der Inschrift „Hier liegt die deutsche Diktatur im Frieden“begrenzt.

Tatsächlich befand sich an dieser Stelle bis 1951 die Krolloper, die nach dem Reichstagsbrand 1933 als Ausweich-Tagungsstätte des NSDAP-dominierten Parlaments diente. Noch vor dem Reichstagsbrand, am 19. Februar 1933, hatte es in der Krolloper aber auch von über 900 Personen eine Protestkundgebung gegen die Nazis gegeben.

Der „Bohrkern“ zielt auf einen emotionalen Schock

Dass die Machtübergabe an Antidemokraten wieder parlamentarische Realität werden könnte, ist der zweite Aspekt der politischen Botschaft. „Hier begann die letzte deutsche Diktatur. Beschwichtigung schuf sie“, heißt es (als hätte es die DDR nie gegeben) rechts vom Gerüst, und daneben findet sich, aufgelistet wie die Namen von Gefallenen, ein Verzeichnis der Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU von A wie Michael von Abercron bis Z wie Matthias Zimmer. Unterteilt sind sie in Terminabschnitte von Montag bis Freitag, an denen sie die Installation besuchen sollen; das durchgängige Nichterscheinen wurde bisher mit dem Vermerk „gefehlt“ geahndet.

Auch dies ist eine Vorahnung. Die angstlustvolle Vorwegnahme eines Schlimmstmöglichen, für das schon jetzt Einzelne unterschiedslos haftbar gemacht und symbolisch für tot erklärt werden. Aber was genau erzählt die – dritte Botschaft! – als „Bohrkern“ bezeichnete zentrale Stele der Installation eigentlich, in der ein messingfarbenes Gemisch sichtbar ist, in dem man Knochenstücke ausmachen kann? Unabhängig von der Authentizität des Füllmaterials (zu dem es vor Ort keine Information gibt) zielt der „Bohrkern“ auf einen emotionalen Schock, der das Ausmaß und die Konkretheit des Verbrechens bewusst macht. Das schon. Aber er kommuniziert nichts, was nicht prinzipiell bekannt wäre. Nichts, was es für konservative Abgeordnete ehrenrührig machte, es nicht wahrzunehmen. Gedenken ist gerade in Berlin ja kein Geheimwissen.

Beide meiner Töchter haben in der zehnten Klasse Auschwitz-Birkenau besucht. Zuvor haben sie Viktor Frankl gelesen und „Schindlers Liste“ gesehen. Sie werden unterrichtet, Reden zu analysieren und diskutieren über das Thema Toleranz der Intoleranz.

Das Wahljahr 2021 kann nicht wie 1933 sein – ganz egal wie sich die AfD noch entwickeln wird und ob tatsächlich alle Schulen so erinnerungsbewusst sind. Nicht wenige der Abgeordneten haben Kinder. Wenn die an der „Gefallenentafel“ vorbeigehen, setzt der Kunstcharakter des Projektes aus. Davor muss das Besser, Schneller, Weiter des Erinnerns des ZPS ebenso bestehen wie vor den Traditionen des Judentums. Strebertum in der politischen Kunst ist nie angenehm. Selbstgerechtigkeit aber ist fatal.

Aktuell

Nach heftiger Kritik an seiner jüngsten Aktion hat das „Zentrum für politische Schönheit“ Konsequenzen gezogen. Im Internet veröffentlichte die Künstlergruppe eine Entschuldigung und gestand Fehler ein.

Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit über die Asche-Stele in Berlins Mitte und Überlegungen zu neuen Aktionen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion