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Groteske Köpfe und weitere Studien (Ausschnitt): Diese Zeichnung von Michelangelo Buonarotti, die das Städelmuseum in seinem Besitz hält, schreibt Perrig einem Schüler des Meisters zu.
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Groteske Köpfe und weitere Studien (Ausschnitt): Diese Zeichnung von Michelangelo Buonarotti, die das Städelmuseum in seinem Besitz hält, schreibt Perrig einem Schüler des Meisters zu.

Perrigs Vorwürfe gegen das Städel

Zentraler Irrtum

Der Kunsthistoriker Alexander Perrig bezweifelt Zuschreibungen der Städel-Ausstellung "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen". Kurator Martin Sonnabend antwortet. Von Martin Sonnabend

Von MARTIN SONNABEND

Dass Debatten um große Künstler und große Kunstwerke mitunter aufgeregt geführt werden, ist eine gute Sache, denn sie erinnert uns daran, dass Kunstwerke mehr sind als schöner Schein. Und ohne Debatten auch kein Erkenntnisgewinn - denn wer kann schon für sich in Anspruch nehmen, ganz allein alle Aspekte und Einzelheiten eines komplexen Zusammenhanges zu überschauen?

Die Ausstellung "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen" im Städel Museum lädt denn auch ausdrücklich zum Diskutieren ein und bietet die einmalige und zeitlich befristete Gelegenheit, dies vor kostbaren Originalen aus verschiedenen Sammlungen zu tun, die sonst nicht unmittelbar verglichen werden können.

Um so bedauerlicher ist es, wenn dieses Angebot zur Diskussion ausgeschlagen und eine einzelne Meinung zur längst bewiesenen Wahrheit erklärt wird, wie es jetzt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung geschehen ist. Der Artikel handelt weniger von der Ausstellung als von dem Michelangeloforscher Alexander Perrig, der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit großem intellektuellen Aufwand das Problem der Zuschreibung von Altmeisterzeichnungen ein für alle Mal zu lösen suchte.

Perrig entwickelte eine Methode, die ausgehend von graphologischen Vorgehensweisen, durch akribische Analyse von Einzelheiten der jeweiligen Zeichnungen - Strich, Kontur, Schraffur usw. - den jeweiligen Autor mit völliger Sicherheit und vor allem ohne subjektive Qualitätsurteile bestimmen wollte. Klingt überzeugend, und die Faszination, viele Rätsel der Zeichnungsforschung mit den Mitteln wissenschaftlicher Empirie eindeutig lösen zu können, umgibt diesen in Tragweite und Ausführlichkeit selbst "michelangelesken" Ansatz noch heute. Trotzdem hat er nicht den erhofften Durchbruch gebracht, Perrigs Methode, die er übrigens ausschließlich auf Zeichnungen Michelangelos anwandte, wurde vielmehr innerhalb der Fachwelt nicht akzeptiert, und der Grund dafür ist nicht in mafiösen Strukturen der britischen Kunstwissenschaft zu suchen, die dem Kunsthandel zuliebe fleißig Michelangelo-Zeichnungen zuschreibt, wie es die Süddeutsche Zeitung wissen will.

Die kritische Haltung gegenüber Perrigs Methode beschränkt sich nämlich nicht auf ein paar Finsterlinge im perfiden Albion, sie ist vielmehr weltweit in den bedeutenden Sammlungen (und auch an einigen Universitäten) anzutreffen. Der auf billige Ressentiments zielende Vorwurf der Korruption oder, wahlweise, der Unfähigkeit träfe die Zunft der Zeichnungsforscher international auf breiter Front. Da bliebe kaum jemand übrig, außer Perrig. Das zumindest hätte der Artikel in der Süddeutschen Zeitung erwähnen können.

Die "Grotesken Köpfe" schreibt das Städel Michelangelo zu. Der Kunsthistoriker Perrig hält sie für das Werk eines Schülers.

Alle Gründe, warum Perrigs (in Teilen sicher verdienstvolles) Opus Magnum nicht auf allgemeine Zustimmung gestoßen ist, können hier nicht ausgeführt werden. Ein zentraler Irrtum war sicherlich der Glaube, man könne bei der Diskussion von Zuschreibungen auf subjektive Aspekte der Wahrnehmung verzichten. Perrigs allzu mechanistische Isolierung von Einzelheiten geht zu Lasten der Gesamtwirkung der Zeichnungen und verstellt den Blick. Wenn er etwa kritisiert, Schraffuren auf der Zeichnung der "Grotesken Köpfe" im Städel Museum, die in der Ausstellung Michelangelo zugeschrieben wird, könnten "die Körper nicht dreidimensional modellieren", so stimmt das nur, wenn die Schraffuren aus dem Gesamtzusammenhang der durchaus plastisch wirkenden Zeichnung herausgelöst werden.

Die künstlerische Qualität der Blätter kann man so nicht wahrnehmen. Aber eben das will die Ausstellung ermöglichen, das sinnliche Erlebnis von zeichnerischer Qualität. Die nie abschließend zu beantwortende Frage der Eigenhändigkeit wird ausdrücklich zur Diskussion gestellt. Die vorgeschlagenen Zuschreibungen folgen dem aktuellen internationalen Forschungsstand und sind im Katalog ausführlich begründet, und zwar immer auch unter Einbezug der Position Perrigs. Leider ist er der sowohl mündlichen als auch schriftlichen Einladung zu einer gemeinsamen Diskussion vor den Originalen nicht gefolgt. Er verweigerte sie zu meinem Bedauern auch in heftigem Ton, als ich ihn zufällig in der Ausstellung traf, während er der Journalistin der Süddeutschen Zeichnung seinen Standpunkt erläuterte.

Nun nutze ich gerne die Gelegenheit mitzuteilen, dass der "junge Mann", als der ich in dem Artikel freundlicherweise gelte, 52 Jahre alt und seit 20 Jahren in der Graphischen Sammlung im Städel tätig ist - einer Sammlung, die zu den besten im Land gehört, auch und gerade auf dem Gebiet der italienischen Renaissance-Zeichnungen. Das Städel hat es nicht nötig, sich eine Michelangelo-Zeichnung herbeizuschwindeln. Aber, auch wenn viele Fragen offen sind: Die hohe Qualität der "Grotesken Köpfe" überzeugt mich von Tag zu Tag mehr davon, dass wir es hier mit einem Werk Michelangelos zu tun haben.

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