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Im Zeitraffer

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Von: Ingeborg Ruthe

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Dada mit Hugo Ball, 1916 im Cabaret Voltaire, Zürich.
Dada mit Hugo Ball, 1916 im Cabaret Voltaire, Zürich. © © epd-bild / akg-images

Das Kunst-Jahr 2016 war auch Dada-Jahr. Und 2017 gibt es in Kassel die 14. Ausgabe der Documenta.

Früher war alles besser. Die Kunst jedenfalls, sagen die Nörgler. Früher war vielleicht nicht mehr Lametta, dafür aber mehr Trennschärfe, mehr Wut, mehr Schmiss. Und mehr Können. Wirklich?

Als im Februar in Zürich, am Ort des „Urknalls“ sozusagen, die ersten großen Ausstellungen zu „100 Jahre Dada“ begannen, die Anarcho-Nonsens-Kunstbewegung kurios, lustig, ernst jeden Winkel der Stadt okkupierte und dann halb Mitteleuropa, auch Berlin, überzog, hatte man den Eindruck, die Dadaisten von damals wären die alleinigen Avantgardisten, die Super-Rebellen und Umstürzler der etablierten Kunst schlechthin gewesen und alles, was danach kam, wäre mit Ausnahmen eher angepasst, fast versöhnlerisch mit den politischen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und gängigen Strömungen der Zeit umgegangen. Stimmt so natürlich nicht, aber der geschlossene, triumphal-dreiste Auftritt der Dadaisten vermittelt noch nach hundert Jahren diesen Eindruck. Das lässt den heutigen globalisierten und zum Großteil eitlen, selbstreferentiellen, längst Dagewesenes bloß noch kopierenden und vermixenden Kunstbetrieb mitunter so dünnblütig aussehen.

Das Dada-Chaos zu Jahresbeginn 2016 feierte vom Kunsthaus und dem Landesmuseum Zürich aus herrlich aufmischende Urständ. Es war blanker Unsinn und die totale Negation – mit intellektuellem, ästhetischem Anspruch: Damals gründeten eine Handvoll Kreativer das Cabaret Voltaire, ein Labor für höheren Unfug in Zürich, eine Revolte gegen die gängige Kunst. Was dort passierte, beeinflusste die kreative Welt nachhaltig. Selbiges bezog sich auf die Welt und die Gesellschaft um 1916 – das Leben verstrickt und eingekettet. Dada wandte sich mit ungewöhnlichen Mitteln, mit absurden Lautgedichten, Trommeln, Pfeifen, wilden Ausdruckstänzen, schrillem Jazz, Tingeltangel, abstrusen Verkleidungen und kühnen Bild-Montagen gegen den inhumanen Zeitgeist im Ersten Weltkrieg.

Dada zerlegte, zerschnitt, fügte neu und absurd zusammen. Mit nassforschem, ebenso kreativ-poetischem Nonsens, wo der politische Hintergrund hinter dem Klamauk verschwand, antworteten die Künstler auf die Sinnlosigkeiten von Gewalt, aggressivem Nationalismus, Krieg und Völkermord. Und von Zürich aus gelang fürwahr die exzellente Rekonstruktion der Bewegung. Das Publikum sah all die Dokumente, Fotos, die Lautgedichte, Collagen, Montagen, Skulpturen. Signiert hatten Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball, Tristan Tzara, Emmy Hennings, Max Ernst, Brancusi, Picabia, Man Ray, Johannes Baargeld, Johannes Baader, die Berliner Ober-Dadas Hannah Höch und Raoul Hausmann, John Heartfield, Schwitters und andere. Es war so amüsant wie denkwürdig, Parallelen zur Punk-Kunst von heute zu ziehen, zu Lady Gaga, Graffiti, Surf-Poeten und Slam Poetry.

Diese Parallele vermochte die sommerliche Manifesta von Zürich nicht herzustellen, so sehr man das gehofft hatte. Die ehrgeizige Großschau des Berliner Künstlers Christian Jankowski folgte der Idee, die alltägliche Arbeit von Menschen in einer Stadt künstlerisch aufzuzeigen und zu transformieren. Das Ergebnis enttäuschte leider eher. Die Kritiker monierten fehlende inhaltliche Konzentration und Schärfe. An den Spielorten franste das spannende Thema aus; vermisst wurde eine bedeutsamer Erfahrungsraum.

Eher hoch gezielt und tief verrissen empfanden dann auch viele Betrachter – ganz entgegen der Wahrnehmung ebenso vieler begeisterter Besucher – die neunte Berlin Biennale im Sommer an fünf Auftrittsorten in Mitte und Kreuzberg. Da sollten Kunst und Kapitalismus eine flirrend-vieldeutige Liaison eingehen auf dem Parcours des ständig gutgelaunten und party-eifrigen New Yorker Kuratorenteams DIS.

Wohl waren zunächst alle eingestimmt auf eine Schau mit junger Kunst, die so ganz anders ist als im Mainstream, eine, die sich mit den gescheitesten und gewitztesten ästhetischen Entwicklungen von Konsumprodukten, Werbung, Markenkult und Inszenierungspraktiken der New Economy, mit Corporate Design und den sozialen Netzwerken kurzschließen kann, um umgekehrt deren Möglichkeiten zu weiten, gesellschaftlich produktiv zu machen. Und letztlich auch Grenzen und Berührungsängste zwischen den Metiers abzubauen. Herkömmliche Einordnungen und Abgrenzungen haben demnach ausgedient, und alles wird Politik, sogar Work-Out im Fitness-Studio und in Wellness-Oasen. Postironie als Zeitgeist: Es gibt keine Abgrenzung mehr zum Ernst des Lebens oder der Kunst. Was man auf der Biennale sah, war irgendwie ausgesetzt, aufgesetzt, zugleich nach allen Seiten offen.

Wie so eine Idee von Kunst und Leben, zusammen mit einem enormen Fortschrittsglauben, geometrische und abstrakte, vertikale und horizontale Bildform wurde, zu Architektur, Design, Typografie, das erzählt ab Februar 2017 in der Niederländischen Kapitale Den Haag die Ausstellungsreihe zu „100 Jahre De Stijl“. Ihr gab Piet Mondrian gleichsam die Flaggen-Farben: Rot, Gelb, Blau. Noch eine Kunst-Bewegung der Avantgarde, entstanden mitten im Ersten Weltkrieg, die bis heute nachwirkt.

Und im April beziehungsweise Juni 2017 startet die 14. Documenta, erst in Athen, dann, wie gehabt und seit 1955 geschätzt, in Kassel. Der polnische Kurator Adam Szymczyk begründet die Parallelaktion damit, dass es Zeit sei für einen „Blickwechsel und eine völlige Transformation der Documenta durch einen Ortswechsel“. Wieder eine grandiose, verheißungsvolle Kunst-Idee. Mal sehen.

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