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Zeitgenössische Kunst aus Rom: Der Stoff, aus dem die Opern sind

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Von: Ingeborg Ruthe

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Luigi Ontani, „Davide e Prigoni. D’après Michelangelo“, 1970.
Luigi Ontani, „Davide e Prigoni. D’après Michelangelo“, 1970. © Luigi Ontani

Mit „Opera Opera“ ist das römische Kunstmuseum MAXXI derzeit zu Gast im Berliner Palais Populaire.

Sind Sie Opern-Kennerin? Dann wird man Sie nicht überzeugen müssen, sich das eine oder andere Bildwerk dieser konzeptionellen Schau als große Bühne vorzustellen – mit Personal und Kling und Klang. Sind Sie Opern-Laie oder mögen Sie diese Kunstform eigentlich gar nicht, dann wehren Sie nicht gleich ab. Sondern lassen Sie sich ein auf „Opera Opera“ – als costo totale, als ein Gesamtkunstwerk, wo eine Kunstform der anderen bedarf, wo eins ins andere übergeht. In ein interdisziplinäres Zusammentreffen von Theater, Musik und Bildkunst.

Das Palais Populaire in Berlin, seit Jahren Ort ehrgeiziger Ausstellungsprojekte vor allem zeitgenössischer Kunst, war im 18. Jahrhundert im Prinzessinnenpalais, seit den 1920er Jahren Schinkel-Museum und zu DDR-Zeit, dann noch bis 2011 als „Operncafé“ ein sich mondän gebender gastronomischer Ort. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Staatsoper sorgte für den Namen.

Mit der Schau „Opera Opera. Allegro man non troppo“ ist auch die Referenz zur Geschichte des Hauses hergestellt. Die Gastausstellung des MAXXI, des römischen Nationalmuseums der Künste, bringt mit Bildern, Installationen, Skulpturen, Fotografien und Klang-Werken Uritalienisches nach Berlin: Die Oper, erfunden im 16. Jahrhundert in Florenz, im Barock zur Blüte gekommen in Italien – und von dort aus in ganz Europa.

Die Oper steht als Metapher für das Drama des Lebens. Opera bedeutet übersetzt schlicht: Werk. Sie vereint alle Disziplinen, von Musik zur Dichtung, vom Design zur Choreografie, von Malerei zum Schauspiel, Film und Performance. An ihr scheiden sich die Geister: Für die einen ist sie ein überholtes, elitäres Genre. Für andere verkörpert sie revolutionäre, innovative Möglichkeiten.

Die MAXXI-Direktoren Hou Hanru und Bartolomeo Pietromarchi und Kuratorin Eleonora Farina brachten eine breite Auswahl von der Oper nahen Hauptwerken ihrer Sammlung nach Berlin, darunter die etlicher hier lebender Künstlerinnen und Künstler, wie etwa Monica Bonvicini, Rosa Barba, Susan Philipsz, Olaf Nicolai.

Aus der Perspektive der Bildenden Kunst werden das Potenzial und auch das Faszinierende der Oper als theatralisches Gesamtwerk befragt. In den Bild- und Sound-Arbeiten geht es also nicht um die affirmativen Belege von Opernaufführungen, sondern um diversen Körperausdruck, um Maskierung und Kostümierung, ums Inszenieren an sich und die Erfahrung von Raum und Klang. Und als Leckerbissen für Opern-Spezialisten: Das benachbarte Bertelsmann-Musikarchiv steuerte Manuskripte zur italienischen Operngeschichte bei, dazu Originalpartituren von Verdi, Puccini, Donizetti, Bellini, Rossini und auch von Luigi Nono.

Verdutzte Menschen auf Unter den Linden schauen hoch zu einem weißen Megaphon an der Fassade des Palais. Das hat Susan Philipsz dort angebracht. Die dunkle Stimme der Schottin ist zu hören, „Wild Is the Wind“; sie singt A-cappella-Versionen aus Opern. Und vor dem Eingang hat die Italienerin Marinella Senatore eine Art Riesenrad mit LED-Leuchten aufgebaut mit der Schrift „Alliance des corps“, man schaut in eine Opern-Arena, aber irgendwie ist es auch das bunte, unbestimmte, derzeit so zentrifugale Rad des Lebens.

Kara Walker aus Kalifornien macht das schreckliche Leben ihrer versklavten Vorfahren auf den Südstaaten-Plantagen zur Schatten-Oper, zu einer Szenerie der Grausamkeiten, des Rassenhasses, der Stereotypen. Von William Kentridge aus Südafrika ist das Modell seines Bühnenbildes zu Mozarts „Zauberflöte“ (2005 im Brüsseler Opernhaus La Monnaie) zu erleben. In der für ihn typischen Technik – Aufnahmen seiner Kohlezeichnungen in allen Stadien zu fotografieren und dann zu animieren – lassen sich die Schichten von Markierungen und Radierspuren der Animation erkennen.

Ganz dem Sinnlichen widmet sich der Bildhauer Luca Vitone. Er hat 20 Holzsockel aufgestellt, es sind Klangkörper, mit oben eingesägten Öffnungen. Aus jedem Sockel erklingt die Musik einer italienischen Region. Und wird somit zur dramatischen Kakofonie.

Und der Meisterfotograf Luigi Ontani zitiert und interpretiert Ikonen der Kunstgeschichte wie einen Reigen, wie ein opernhaftes Singspiel. In sieben Posen inszeniert er Michelangelos Skulpturen, den weltberühmten „David“ und die Sklaven des unvollendeten Grabmals für Papst Julius. Diese Fotos machen die Schönheit des jungen Körpers bewusst und zugleich die Unvollkommenheit allen irdischen Daseins, Sinnens und Trachtens. Opernstoff eben.

Palais Populaire, Berlin: bis 22. August. palaispopulaire.db.com

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