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Fiona Tan: Nellie, 2013.
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Fiona Tan: Nellie, 2013.

Fiona Tan im MMK Frankfurt

Die Zeit verstreichen lassen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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„Geografie der Zeit“: Der Eigenwille der in Indonesien geborenen Künstlerin Fiona Tan öffnet Welten im Frankfurter Museum für Moderne Kunst.

Erst schaut man nur oberflächlich hin, einfach, weil da jemand im Bild ist. Genaugenommen ist dieser Jemand in zwei Bildern zu sehen, denn Fiona Tans Arbeit „Diptych“ besteht aus zwei Filmen, die dicht nebeneinander zeitgleich laufen. Der Mensch, der gezeigt wird, schaut frontal in die Kamera, sonst tut er nichts. Nach einer Weile jedoch ist man nicht mehr ganz sicher, ob es sich wirklich um ein und dieselbe Person handelt, obwohl der Hintergrund identisch ist und die Kleidung und das Gesicht. Oder?

Tan, die 1966 in Indonesien geboren wurde, hat zehn eineiige Zwillingspaare von der schwedischen Insel Gotland gefilmt und das über einen Zeitraum von fünf Jahren. Allerdings weiß man nie genau, ob der Zwilling links nun wirklich ein anderer ist als der, der rechts im Bild ist.

Sicher, da gibt es minimale Unterschiede. Die könnten aber auch daher kommen, dass ein und derselbe Zwilling in dem einen Film etwas jünger ist, als in dem anderen. Man schaut also genauer hin, achtet auf jede kleine Narbe, jede Locke, die exakte Form der Oberlippe – und ist genauso verwirrt wie zuvor. Aber es ist ja wahr: Kein Mensch ist mit dem identisch, der er noch einen Tag vorher war.

Fiona Tans Werk, das jetzt unter dem Titel „Geografie der Zeit“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen ist, handelt von Zeit und ihrem Verstreichen. Die Künstlerin, die in Amsterdam lebt, nutzt alle verfügbaren Mittel, um Zeit erfahrbar zu machen.

Einerseits natürlich, weil ihre filmischen Installationen die Zeit des Betrachters erfordern. Andererseits, weil sie in ihrem Werk Sequenzen verlangsamt oder auch schneller laufen lässt. Und natürlich weil sie Zeitläufte in einem kurzen Moment verdichtet.

Manchmal bekommt man bei Tan regelrecht das Gefühl, Zeit sei ein Material wie zum Beispiel Ton: etwas, das man quetschen, verdrehen, auseinanderziehen und zusammendrücken kann.

In der Doppelprojektion „Rise and Fall“, die die Künstlerin 2009 für den niederländischen Pavillon der Venedig Biennale produziert hat, sieht man zwei Frauen, eine jung, die andere alt, beide am selben Ort, doch nicht gleichzeitig. Sie baden, gehen spazieren, schreiben etwas, keine spricht. Und doch entsteht im Kopf des Betrachters eine Art Erzählung, die davon handelt, wie man sich selbst wahrnimmt, als junger, als älterer Mensch. Ob sich die alte Frau an ihr früheres Ich erinnert oder die junge über ihre Zukunft nachdenkt, bleibt offen. Zwischendurch sieht man Wasser, das fließt, einen Wasserfall, der tosend nach unten rast. Für Tan „ein Symbol für Zeit, die vergeht und für das, was man dabei verliert.“

Diverse Arbeiten im MMK sind in einen Parcours eingebunden, der einen Lagerschuppen mit Rolltoren aneinander reiht. In den USA lebten viele Menschen in solchen Boxen, da sie sich keine Wohnung leisten könnten, erzählt Tan. Um dies zu verhindern würden Klimaanlagen so eingestellt, dass es darin zu kalt sei. Man müsse sich mal vorstellen, wie viel Strom dafür erzeugt würde, um Menschen zu vertreiben.

Fiktive Wohnräume

Drei dieser Boxen hat Tan im MMK zu fiktiven Wohnräumen umgebaut, in denen Filme laufen, die die Künstlerin an Orten des Verfalls aufgenommen hat: im amerikanischen Detroit, das durch den Konkurs von General Motors 2009 langsam in den Bankrott rutschte; im irischen Cork, wo durch den Finanzcrash 2008 luxuriöse Wohnkomplexe aufgegeben wurden; und im japanischen Fukushima, wo 2011 ein Erdbeben und die dadurch ausgelöste Nuklearkatastrophe gewaltige Verwüstungen hinterlassen haben.

Die Bilder ähneln sich, verfallene Häuser hier wie dort. Aber auch: frisches Grün, das sich seinen Weg durch die Verwüstungen gebahnt hat.

Eine ganz merkwürdige Arbeit ist „Nellie“. Es geht darin um Rembrandts uneheliche Tochter Cornelia, eine Person, über die man fast nichts weiß. Nach dem Tod ihres Vaters wanderte sie 1670 als 16-Jährige mit ihrem Mann in die niederländische Kolonie Batavia nach Indonesien aus. Sie bekam drei Kinder und starb jung, vermutlich an Malaria. Fiona Tan stellte sich vor, wie Nellie einen Tag verbracht haben könnte. Eingesperrt (alleine durfte sie das Haus nicht verlassen), in tropischer Hitze.

Es ist ein Film über Langeweile, übers Tagträumen und Nichtstun. Wir sehen eine geschwächte Frau in wunderschönem Van-Eyck-Licht vor sich hinstarren. Sie trägt ein Kleid in einem weiß-blauen-Tropenmuster, das auch als Tapete an den Wänden dient und sie zum Teil des Inventars degradiert.

Das bemerkenswerte an dieser Ausstellung: Man kann, man muss sich ihr ganz hingeben. Jedes dieser scheinbar so unspektakulären Werke steckt voller Details, die zuweilen ganz subjektiv gedeutet werden können und im Kopf ganze Welten eröffnen.

Museum für Moderne Kunst, MMK1, Frankfurt: bis 15. Januar.

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