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Plaudert dieser Baum womöglich gerade mit seinen nahen Wald-Verwandten?

Im Wald

Zeit der Bäume

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Kunst, Förster und Aktivisten sind sich einig: Der Baum hat sein Momentum. Nach dem Weltall und den Quanten ist jetzt auch das Wesen unseres engsten Nachbarn erforscht. Hilft das?

Kaum wird es Herbst, will man in den Wald. Wo es heimelig knackt, wenn man auf weichen Böden voranschreitet, wo es nach Pilzen riecht und man sich die Nadelbäume schon mal mit Lametta vorstellen kann. Wald ist Leben. Ist Schutz, Feuer, Nahrung, Wiederkehr. Jedes Eichhörnchen, das sich im Straßenverkehr tapfer seinen Weg sucht, erinnert einen daran, dass all der Asphalt eigentlich ein Irrtum ist.

Tatsächlich ist es kaum achttausend Jahre her, dass die ersten bäuerlichen Siedler über die Alpen kamen und in Mitteleuropa mit dem Abholzen begannen. Noch heute gibt es Bäume aus dieser Zeit. Oder zumindest Wurzeln: Eine Fichte in der schwedischen Provinz Dalarna entspringt einem Wurzelwerk, das bereits 9500 Jahre existieren soll. Zu den weltweit ältesten Individuen zählen einige kalifornische Grannenkiefern, die über 4000 Jahre alt sind. Und in Deutschland gibt es immerhin tausendjährige Eichen, eine gleich hinter der Berliner Stadtgrenze im Schlosspark Sacrow. Würdevolle Wurzel-Weisen mit wertvollem Wissen.

Vor einigen Jahren wäre einem diese animistische Sichtweise als botanischer Laie vielleicht noch etwas fremd gewesen. Jetzt aber kennt man „Das verborgene Leben des Waldes“ (David Haskall, deutsch 2015), „Das geheime Leben der Bäume“ (Peter Wohlleben, 2015), „Die geheime Sprache der Bäume“ (Erwin Thoma, 2016) und sogar „Die geheimen Antworten der Bäume“ (Sabrina Sabine Wunderli, 2017). Jetzt hat man von vielen Seiten erfahren, dass Bäume einander über ihr Wurzelsystem (und durch Pilze katalysiert) informieren und ernähren, dass sie ihre Abkömmlinge erziehen und Strategien haben, sich durch chemische Reaktionen gegen natürliche Angriffe von außen zu verteidigen. Aber eben erst jetzt, nach Millionen von Jahren des Verflochtenseins mit dem Wald und tausenden Jahren seiner sogenannten Bewirtschaftung.

Wie konnte es passieren, dass wir das Weltall und die Quanten erforschen, das Internet erfanden, aber die überlegene (und bereits als World Wide Wood firmierende) Kommunikationsstruktur und das auf bedingungslosen Gemeinsinn ausgerichtete Sozialleben unserer nächsten Nachbarn bisher verpasst haben? Oder wussten wir davon, hatten es aber vergessen? Und warum interessiert sich ein breites Publikum gerade jetzt dafür? Aus dem gleichen Grund, aus dem seit einiger Zeit alle über ihre eigenen Wurzeln sprechen? Definitiv hat der Baum derzeit ein Momentum. Aber welches?

Keine zwei Kilometer Luftlinie von der Sacrower Tausendjährigen entfernt, fahre ich an einem strahlenden Oktobervormittag den Nikolskoer Weg entlang durch den Forst Düppel Richtung Pfaueninsel. Da läuft ein älterer Mann, allein und ohne Pilzkorb auf der Straße. Wir haben vermutlich das gleiche Ziel. Tatsächlich: Es ist der schwedische Ethnologe und Fluxus-Künstler Bengt af Klintberg, der an der Waldausstellung „Through A Forest Wilderness“ beteiligt ist. Beim Presserundgang frage ich ihn nach der Walduniversität, die er, wie die Kuratorin bei der Einführung erwähnt hat, in den Siebzigern gründete.

„Ach, da sind wir in der Nähe von Stockholm einfach in den Wald gegangen, der Dozent saß auf einem Ast statt vorne an der Tafel zu stehen. Und wir haben Experimente gemacht. Einer blies etwa in ein Waldhorn, und die anderen standen im Kreis um ihn herum, der Abstand war anfangs ein Kilometer, und dann kamen alle langsam näher.“ – „Und wenn die Bäume die Dozenten wären? Was könnten sie einem beibringen?“

Bengt af Klintberg schweigt einen Moment. Er war 27, als er anfing mit der Waldkunst und 1965 im April letzte Eisschollen aus dem Uttran-See klaubte und sie an Bäume lehnte und Äste hängte. Dann beobachtete er mit Freunden, wie das Eis schmolz. „Isutställning“, Eis-Ausstellung. Dokumentarische Fotos dieser Performance hängen im Forst Düppel jetzt an einem Drahtseil zwischen zwei Bäumen. „Die Zeit!“, sagt er schließlich. „Bäume können einem ein anderes Verhältnis zur Zeit beibringen. Wir sind ja immer so hastig. Die Bäume nicht.“

„Through a Forest Wilderness“ ist ein Projekt der Kunsthistorikerin, Slawistin und Fluxus-Expertin Petra Stegmann. Sie erinnert an den Wald als Gegenöffentlichkeit, Projektionsfläche und Material vor allem in der mittel- und osteuropäischen Performancegeschichte seit den 60er Jahren und zeigt, wie manche künstlerische Positionen ins Heute fortgeschrieben wurden und welche neuen Impulse hinzukamen. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen, wobei der Forst Düppel, ein Mischwald, nicht wirklich dem eingangs beschworenen Abziehbild entspricht, sondern recht licht ist, sehr trocken natürlich in diesem Jahr, und die Kunst kann man durchaus verpassen, wenn man auf dem Weg vom Forsthaus zur Königstraße nicht sorgfältig nach rechts und links schaut.

Gleich zu Beginn des Weges tragen die Bäume Kostüme, dazu hat Milan Kní?ák einige junge Modemacherinnen inspiriert. Schon 1980 lud der tschechische Aktionskünstler im Rahmen seines Aufenthalts beim Künstlerprogramm des DAAD in Berlin dazu ein, „Freundschaft mit einem Baum“ zu schließen, ihm ein Geschenk zu machen oder einen Brief zu schreiben. Im Düppeler Forst prangt an einem Stamm jetzt ein opernhaftes Pfauenrad aus weißem Taft und Federn, ein anderer sieht aus wie ein Totempfahl, bekleidet mit Schichten von unterschiedlich gefältelter heller Baumwolle, die teilweise mit schwarzer und gelber Plakatfarbe bemalt wurde.

Samm Lewis hat dieses Baumgewand gestaltet, eine ehemalige Modeanwältin aus London, die, befördert durch den Brexit, beschloss, dass es mehr geben muss im Leben als Rechtsfragen, und zunächst in die Punk- und Aktivistenszene abtauchte und auf einem Hausboot in Antwerpen lebte. Das alles hat sie in diesem Kostüm verarbeitet, das wie ein Segel an den Mastbaum gebunden ist. „Der Baum ist eine Göttin“, sagt sie. „Aber auch Punk.“ So wie sie selbst. Zum Abschied empfiehlt sie das Buch „Gossip from the Forest“ von Sara Maitland (2012), ich empfehle „The Overstory“ von Richard Powers aus diesem Jahr, das gerade dieser Tage auf Deutsch erschienen ist: „Die Wurzeln der Lebens“.

Powers’ Roman transportiert eine Art Weltwissen der Bäume, aber verpackt in neun Anfangserzählungen von geradezu biblischer Wucht und Schönheit, Geschichten einzelner Leben, die in einen gemeinsamen Strang münden. Der Baum als Form, Gegenstand und Botschaft der Literatur: Eines der Wurzelkapitel erzählt von einem Programmier-Nerd, dessen Lieblingsgeschichte als Kind von Außerirdischen handelte, deren Stoffwechsel so rasend ist, dass sie die Menschen, die sie auf der Erde antreffen, als ähnlich langsam empfinden wie wir die Bäume. Als Elfjähriger stürzt er dann von einer Steineiche und erkennt, bevor er ohnmächtig wird, dass ein Baum das „vollkommenste Beispiel für ein sich selbst schreibendes Programm“ ist, das er sich vorstellen kann. Später wird er, der sein weiteres Leben im Rollstuhl verbringt, von Bäumen zu einem genialen Computerspiel inspiriert, in dem fremdartige Wesen dringend der Hilfe der menschlichen Spieler bedürfen.

„Was können wir dem Baum geben?“, fragt auch der Künstler Reiner Maria Matysik im Forst Düppel in seiner Arbeit „Implant. Die Pflanze in mir“ und hat schon die Antwort parat: Man soll sich auf eine blaue Liege legen und die zarten Wurzel eines Setzlings in den Mund nehmen, um sie mit Spucke zu bewässern. Was vielleicht eine Geste in Richtung des tschechischen Künstlers Petr ?tembera ist, der sich 1975 einen Zweig in die Blutbahn des linken Armes pfropfte. Aber eine doch recht schlichte Geste. Und kokett. Noch lieber hätte es der Baum sicher, wenn man ihn einfach in Ruhe ließe.

Tatsächlich gibt es wohl nicht wirklich etwas, was man als Mensch einem Baum sinnvollerweise geben kann. Gerade die sogenannte „Waldpflege“ hat sich ja als Euphemismus erwiesen: Dass Bäume gefällt werden müssen, wenn sie zu dicht wachsen, weil sie sich gegenseitig das Licht wegnehmen, leuchtete jahrhundertelang ein. Licht ist Leben. Der dazugehörige Gedanke aber ist: Das können die dummen Bäume ja nicht wissen. Auf die Idee zu kommen, dass der Engstand eine bewusste Maßnahme ist, um langsames Wachstum und dadurch eine größere Festigkeit des Holzes zu bewirken, setzt ein Schauen voraus, das nicht auf den menschlichen Bauchnabel zentriert ist. Die Demut, dass das Fremde nicht immer falsch ist, sondern es Dinge gibt, die unseren Horizont übersteigen. Engstehende Buchen wachsen für Jahrhunderte. Und durch Verpflanzung werden Wurzeln, so der Förster Peter Wohlleben, dauerhaft beschädigt. Besser also keinen Baum pflanzen, sondern: ihn aus einem Samen ziehen.

Apropos Sprichwörter: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen / Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus / Einen alten Baum verpflanzt man nicht / Aus einem bestimmten Holz geschnitzt sein / Man sägt nicht am Ast, auf dem man sitzt / Sich einen Ast lachen / Da bist du auf dem Holzweg / Mit jemandem durch dick und dünn gehen.

Der Wald, so Sara Maitlin in ihrem (von der Baumstylistin Samm Lewis empfohlenen) Buch, für das sie im Laufe eines Jahres zwölf britische Forste besuchte und sich mit der Bedeutung des Waldes für Märchen beschäftigte, sei das mitteleuropäische Referenzsystem Nummer eins. Er präge unser Denken, unsere kollektiven Vorstellungen, auch von uns selbst. Das Motiv des Verlorengehens und Findens etwa sei in anderen Klimazonen nicht verbreitet. Der Wald sei das ewig Janusköpfige: Schutz und Bedrohung, Glück und Verderben, wobei sich das eine umstandslos in das andere zu verwandeln pflege. Da braucht es keinen erneuten Blick in Grimms Märchensammlung. Die Erinnerung genügt: das arme Mädchen, das zur Prinzessin wird, die Königin, die eine Hexe ist, der Bär, der ein Prinz ist ... Bei den Grimms irren die Helden immerzu im Wald herum, fischen im Trüben oder wagen sich ins Dunkle, um sich zu finden. In den „Geschichten aus 1001 Nacht“ gehen sie mit geblähten Segeln unter weiten Himmeln auf Entdeckungsfahrt.

Fast 29 000 Hektar Wald gibt es auf Berliner Stadtgebiet. Gepflanzter Wald allerdings, kein gewachsener, natürlicher, und insofern ist das, was uns im Alltag tatsächlich umgibt, wohl keineswegs so magisch wie in all den Baumflüsterbüchern beschrieben. Straßenbäumen und gepflanzten Bäumen, so Förster Wohlleben, mangle es an sozialem Verständnis und am Verteidigungswissen der Alten. Sind gepflanzte Wälder demnach keine Natur, sondern bloß Dekor, eine Gruppe von Baum-Performern – Kultur, nur eben draußen?

Die südafrikanische Komponistin Cobi van Tonder glaubt auch unter vermindernden Umständen an das Wesen Baum als etwas Fühlendes, Atmendes und Interagierendes und installierte im Düppeler Forst „Musik für Bäume“. Nimm dir eine der kleinen Lautsprecherboxen, die sie mit Klang programmiert hat, gehe zu einem Baum deiner Wahl, richte den Schall auf ihn und imaginiere, er, der Schall, komme aus dir. „Bäume reagieren mit chemischen Prozessen schon darauf, wenn man schlicht an sie denkt“, sagt van Tonder und bezieht sich damit wohl auf die legendären Ergebnisse des CIA-Mitarbeiters Cleve Backster (1924–2013), der nur zum Spaß in den Siebzigern einen Lügendetektor an eine Pflanze anschloss und schockiert feststellte, dass diese auf die schieren Absichten der Personen reagierte, die in ihre Nähe kamen. Verifiziert werden konnte dieses Experiment seither nicht, aber Backster-Anhänger sagen, die Wiederholungen seien nur nicht korrekt durchgeführt worden. Der „grüne Daumen“ indessen ist Konsens. Wer keine Pflanzen mag, kann auch gleich darauf verzichten, sie zu gießen.

Was also hat der Mensch derzeit mit dem Baum oder erhofft er sich oder will er wiedergutmachen durch plötzliche Nahsicht nach all dieser Zeit? Hat uns die digitale Revolution die Augen geöffnet für das Schwarmbewusstsein dieser Erdenmitbewohner? Hat die Beschäftigung mit Künstlicher Intelligenz von den Vorurteilen befreit, dass etwas, was uns nicht ähnlich sieht, einen Verstand eigener Art haben könnte? Sind Bäume als Organismen nach den Tieren jetzt einfach an der Reihe, nicht nur als Untertanen wahrgenommen zu werden? Ist es die Sehnsucht nach der Wiege unseres Daseins, die wir im Augenblick ihrer maximalen Bedrohtheit in Forschung, Fürsorge und auch erneuten politischen Aktivismus übersetzen? Vor vierzig Jahren protestierte man für den Erhalt eines vermeintlichen ökologischen Gleichgewichts. Inzwischen geht es – wie im Hambacher Forst – auf Leben und Tod.

Vorsicht walten lassen sollte man in jedem Fall und genau darüber nachdenken, wer von einer Wahrnehmung auf Augenhöhe wohl am meisten profitieren könnte. Und wie genau. Gleich im ersten Kapitel seines Romans thematisiert Richard Powers das große Kastaniensterben in den USA vor etwa einem Jahrhundert aufgrund einer Pilzerkrankung. „Die Seuche verbreitet sich entlang Kammlinien, lässt die Wälder auf den Höhen einen nach dem anderen absterben. (...) Holzfäller schlagen im Laufschritt ein Dutzend Staaten kahl, um abzuernten, bevor der Pilz kommt. Die erst im Aufbau begriffenen Forstbehörden ermuntern sie dazu. Lasst uns wenigstens noch etwas aus dem Holz machen, bevor alles verlorengeht. Und mit dieser Rettungsmission bringen die Männer jeden Baum um, der vielleicht das Geheimnis des Widerstands in sich getragen hätte.“

Ein fatales kulturelles Missverständnis wie zu Zeiten der Eroberung Mittelamerikas: Anfang des 16. Jahrhunderts brachten die Azteken den für Göttern gehaltenen Leuten von Hernan Cortés Geschenke, als sie an der Ostküste des heutigen Mexikos anlandeten. Die Gaben waren dazu gedacht, ihnen zu huldigen und sie zufriedenzustellen und zum friedlichen Gehen zu bewegen (schließlich dient man Göttern lieber aus der Ferne). Die Geschenke aber entfachten deren Gier erst recht.

Am Anfang der Waldausstellung, direkt beim Forsthaus befindet sich Yoko Onos „Wish Tree“, eine Idee aus den Achtzigern. Zettelchen an Fäden liegen bereit, die man mit Wünschen beschreiben und an eine Linde hängen soll. Man kann den Bäumen seine Wünsche natürlich auch direkt zuflüstern. Was nicht heißt, dass sie dann in Erfüllung gehen. Aber diese Gewissheit hätte man bei Yoko Ono auch nicht.

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