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Zeichnungen der Goethe-Zeit: Was sie sehen, was sie fühlen

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Von: Judith von Sternburg

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J. H. W. Tischbein: Goethe am Fenster seiner Wohnung am Corso in Rom. Credit: Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum
J. H. W. Tischbein: Goethe am Fenster seiner Wohnung am Corso in Rom. © Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum

Zum Geburtstag des Dichters eröffnet das Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt die erste große Sonderausstellung: „Zeichnen im Zeitalter Goethes“.

Der 25-jährige Goethe, akut verliebt in Lili Schönemann, genialisch dichtend im Sturm und Drang, zugleich suboptimal festsitzend im Frankfurter Elternhaus, schreibt einen seitenlangen Brief, mit dem er seine Lage zu vergegenwärtigen versucht. Als es ihm zu umständlich wird oder als er einfach Lust dazu hat, zeichnet er auf einer unteren Blatthälfte ad hoc sein Zimmer mit Staffelei und Blättern an der Wand. Eine Künstlerwerkstatt, vom Künstler selbst dargeboten, der die (Schreib-)Feder vehement und sicher führt. Hinwerfen kann man das nur, wenn man es gelernt hat, und vermutlich hat Goethe es auch nicht hingeworfen, sondern an dieser Stelle durchaus Zeit investiert. Wer Ehrgeiz hat, schickt auch nicht das erstbeste Selfie ab. Selbststilisierung will wirken, aber nicht bemüht. „Gesegnet der gute Trieb“, liest die Brieffreundin, „der mir eingab statt allen weitern Schreibens, Ihnen meine Stube, wie sie da vor mir steht zu zeichnen.“

Das Zeichnen als Fortsetzung des Schreibens mit anderen Mitteln: beides scheint sich (durch die Fotografie) dermaßen weit voneinander entfernt zu haben, dass aus dem Blick geraten ist, wie es doch jeweils um das Ziehen von Linien auf Papier geht. Und während es inzwischen gilt, um den Erhalt der Schreibschrift zu bangen – nicht aus nostalgischen Gründen, sondern wegen des leichtfertigen Verzichts auf eine nützliche Kulturtechnik –, geht die Ausstellung „Zeichnen im Zeitalter Goethes“ sozusagen noch einen Schritt zurück und zugleich nach vorne. Erinnert wird an die Allgegenwart der Zeichnung im Alltag der gebildeten Stände um 1800, vergleichbar der weitgehend verloren gegangenen aktiven Hausmusik. Ermuntert wird, den Umgang mit den eigenen Fingerfertigkeiten zu reflektieren. Ermuntert wird sogar dazu, es selbst auszuprobieren. Gespitzte Markenbleistifte liegen bereit. Aber, nun, man muss nicht gleich bis zum Äußersten gehen.

Die Schau mit dem unverzierten Titel ist die erste große Wechselausstellung, die das junge, knapp einjährige Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt zeigt. Der Max-Ernst-von-Grunelius-Saal im Untergeschoss wird damit auch zum ersten Mal bespielt, dem Thema angemessen in Nischen unterteilt, und der Grundton der Wände so matt, dass die Zeichnungen strahlen. Die Temperatur hier unten wäre den Besuch bereits wert, aber es wird auch so viel geboten. Berühmtes und Entdecktes, in einem wohlüberlegten Schlängelgang präsentiert.

Berühmtes und Entdecktes: Einerseits namhafte Prunkstücke wie Tischbeins Blick auf Goethe am Fenster seiner römischen Wohnung (von hinten noch ein schlanker Jüngling, der tatsächlich Ende 30 ist, damals ein Alter, aber nicht für Goethe) oder Goethes Farbenkreis von 1809. Andererseits tauchte etwa ein Konvolut mit kostbaren Zeichnungen von Johann Christian Reinhart auf. Reinharts Baumstudien sind Schulen des Zeichnens und Sehens, den Zeichner Goethe weisen sie – wie viele andere hier – in seine Schranken.

Die Fundstücke verdanken sich einer vor drei Jahren gestarteten systematischen Sichtung der Handzeichnungen in den Sammlungen des Freien Deutschen Hochstifts. Die traditionell thematische Sortierung verhinderte die Übersicht. Neela Struck, die die Schau zusammen mit Mareike Hennig kuratierte, hat bisher etwa 3000 Blätter geborgen. Zu sehen ist eine Auswahl von 130.

Der wohlüberlegte Schlängelgang: Am Anfang die Namen, denen Goethe seit frühester Jugend im Haus am Hirschgraben begegnete, wobei sich der Vater wie bei den Gemälden als Sammler von Zeitgenossen erweist. Immer wieder vergisst man, dass das, was klassisch wirkt, einmal Gegenwart war. Johann Ludwig Ernst Morgenstern, Christian Georg Schütz d.Ä. oder Adam Friedrich Oeser sind vertreten, von letzterem unter anderem ein müder Krieger („Männlicher Kopf mit Stirnbinde“). Oeser zeichnet hier – gekonnt und mit großer Sorgfalt – eine Skulptur ab, seine Zeichnung ist es, die wiederum seine Schüler kopieren sollen. Faszinierend, wie zum Greifen, Haarwuscheln und Streicheln echt der Kopf wirkt, der sich von der Natur doch durch bereits zwei Techniken entfernt hat und durch die Schüler noch weiter entfernen wird. Oeser war ein Lehrer, der Goethe entflammte und überzeugte, lernen wir von den Kuratorinnen. Und auch, dass Goethe es zeitlebens auf diesem Feld versuchte, lernwillig, ehrgeizig, sich seiner Defizite bewusst.

Sehnsuchtstiftende Italienbilder dokumentieren die Funktion der Zeichnung als Postkarten, und wie diese – wie Fotografie überhaupt – erzählen sie mindestens so viel über die Person, die das Bild hergestellt hat, wie über den Ort. Über die Ähnlichkeiten zu Bildern in Zeiten ihrer raschen Reproduzierbarkeit sollte man nicht vergessen, dass es sich hier ausschließlich um Unikate handelt, „Berührungsreliquien“, sagt Mareike Hennig. Das wirklich zutiefst Persönliche daran braucht keine Religion, aber die Freude daran, über sich und andere nachzudenken, Freundschaften zu pflegen, zu kommunizieren.

Die Zeichnung als Kulturtechnik zeigt sich in Freundschaftsporträts, Stamm- und Notizbüchern. Heutzutage kann man sie in eine Vitrine legen, und mit einem QR-Code lässt sich jedes aufschlagen und durchblättern.

Die Zeichnung als Arbeitsinstrument zeigt sich in Entwürfen Bettine von Arnims zu „Der gute König“, ein gigantomanisches Projekt nach Art etwa von Dürers „Triumphzug Kaiser Maximilians I.“. Manchmal ist es schöner, wenn nichts draus wird. Die Romantiker und Romantikerinnen des Museums sind auch in der Sonderschau selbstverständlich vertreten, Goethe wird sich an diese Nähe, die überhaupt nicht deplatziert erscheint, immer besser gewöhnen.

Die Zeichnung als perfekte Wiedergabe biologischer und naturwissenschaftlicher Arbeit zeigt sich in Christian Koecks vorzüglichen Augenbildern, mit denen er die Arbeiten von Samuel Thomas Soemmerring illustrierte. Auch dies gehört zu den unbekannteren Sammlungsfunden und ist auf dem Katalog und auf dem Plakat zu sehen. Koeck war wohl der Beste seiner Zeit und erinnert daran, dass die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sich ändern, die Zeichenkunst aber Bestand hat. Zum Abschluss geht es um Illustrationen, nicht nur zu Goethe-Werken. Da wird man sich wieder gut auskennen. Und kann unter anderem sehen, wie bunt und großformatig Zeichnungen sein können.

Ein eigenes kleines Kapitel: Die Pläne für ein Frankfurter Goethe-Denkmal, das schon zu Lebzeiten des Dichters projektiert wurde. Darunter der Entwurf eines Riesenbaus von Friedrich Rumpf, der den Dom klein aussehen lässt. Selbst Goethe, das wird deutlich, war das ein paar Nummern zu viel. Dabei liebte er es, sich feiern zu lassen. Am Sonntag ist es wieder so weit, zum 273. Geburtstag.

Romantikmuseum, Frankfurt: bis 6. November. Der reichhaltige Katalog ist im Hirmer-Verlag erschienen und kostet im Museum 34 Euro. romantikmuseum.de

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