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Yayoi Kusama. Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner
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Yayoi Kusama.

Gropius-Bau Berlin

Yayoi Kusama: Von der Sehnsucht nach Unendlichkeit

  • vonIngeborg Ruthe
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Aus der Psychiatrie in die Weltkunst: Die Japanerin Yayoi Kusama verwandelt den Berliner Gropius-Bau in ihren „punktisierten“ Kosmos.

Punkte sind ein Weg in die Unendlichkeit. Wenn wir die Natur und unsere Körper durch Punkte auslöschen, werden wir Teil der Einheit unserer Umwelt. Ich werde Teil des Ewigen, und wir löschen uns selbst in Liebe aus.“ So spricht die 92-jährige Yayoi Kusama über ihre Kunst. Und diese Kunst ist ein Ereignis.

Kein Wunder, dass die Ausstellungsmacher im Berliner Gropius Bau für solche Bilder, Objekte, ja ganze Punkt-Räume auch ein üppiges Kinderprogramm aufgelegt haben. „Polka dots“ nennt Kusama ihre tanzenden Farb-Rundungen, die blinkenden Lichter, gerasterten Kürbisse und Spiegel. Unwiderstehlich ziehen sie einen hinein in den befreienden Kosmos der Fantasie, des Staunens und Lachens. Bitter nötig haben wir das auch nach dem schier endlosen Jahr Pandemie-Lockdown.

Was Kusama noch dazu sagt, dürfte Erdenkindern allen Alters gefallen: „Der Mond ist ein Polka-dot, die Sonne ist ein Polka-dot, und die Erde, auf der wir leben, ist genauso ein Polka-Punkt. Und man findet sie in gewisser Form sogar im ewigen geheimnisvollen Kosmos. Durch sie versuche ich, die Philosophie des Lebens zu ergründen.“

Ein bisschen von Yayoi Kusamas fröhlichem Punktetanz war schon einmal in diesem Hause zu erleben, als an Corona noch keiner dachte. Wir schlurften 2019 beseelt auf Filzpantoffeln durch ihre selbst den Fußboden einbeziehende Paraphrase auf Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ und alle waren fasziniert, dass derart junge Kunst von einer schon so alten Japanerin stammt.

Jetzt sind delirierenden Dots der alten Dame zurück, als erste Europa-Retrospektive mit dem vielsagenden Untertitel „A Bouquet of Love. Saw in the Universe“. Ihr Lebenswerk überzieht 3000 Quadratmeter des Ausstellungshauses der Berliner Festspiele. Der historische Lichthof versinkt schier in einem Meer aus riesigen punkte-leuchtenden Tentakeln. Die Welt ist sozusagen punktisiert zu Gleichheit und Einheit, tanzend, trudelnd, wirbelnd im lustigen Chaos, das Kusama auf ihre Art zu ordnen sucht. Für sie sind es „Erfahrungsräume“. Der nicht zu bremsende Drang dieser Frau mit der brandroten Perücke, alles in ihrer Umgebung mit Punkten und Lichtreflexen zu füllen, kommt aus der obsessiven Sehnsucht nach Unendlichkeit. Das führt zu einem wundersamen Universum an repetitiven Mustern, wir Betrachter erleben psychedelische Fantasiewelten.

300 Werke aus 80 Jahren breitet die Berliner Schau (kuratiert von Stephanie Rosenthal, Yilmaz Dziewior und Beatrix Ruf) aus. Kusamas markanteste Ausstellungen sind in der Raumfolge um den Lichthof herum rekonstruiert – mit den Gemälden, Gouachen, den gepunkteten Skulpturen, Happenings und Mode-Arbeiten. Und es gibt sogar einen neuen „Infinity Mirror Room“, so wie einst in New York, in dem die junge Japanerin provokant in einem rot gepunkteten Ganzkörperdress posiert. Überhaupt dominiert diese kontinuierliche Selbstinszenierung.

Die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Körper und Umgebung sind verwischt, so als ob Kusama damit eine Zeit reflektierte, in der Leben und Kunst zu verschwimmen begannen. Sie machte ihren Körper sozusagen zum Platzhalter, eine Vorreiterin der heutigen Selfie-Kultur. Jedoch ging ihr Streben nach Verschmelzung mit ihren Arbeiten immer auch mit der Auflösung des Selbst im „Unendlichen“ einher.

Geboren wurde Kusama in Matsumoto, Präfektur Nagano. Kindheit und Jugend im Elternhaus waren von Strenge, Autorität, auch Gewalt geprägt. Japan war zu dieser Zeit ein faschistoider Militärstaat. Mit Zwölf, mitten im Zweiten Weltkrieg, musste sie in einer Fallschirmfabrik arbeiten. Die traditionsstrenge und zugleich etwas sadistische Mutter, der ständig mit anderen Frauen schlafende Vater machten das Kind unglücklich. Die starren Traditionen, Enge, Ablehnung und Entfremdung lösten psychische Probleme aus. Kusama halluzinierte, hatte Punkt- und Netzmuster vor Augen und fürchtete, sich darin aufzulösen. „Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke, als ich aufblickte, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum. Ich begann mich selbst aufzulösen...“

1958 ging sie nach New York, eine Art Flucht. Bis 1977 lebte sie in der Weltstadt der Avantgarde-Künstler, war mit Georgia O’Keeffe und Donald Judd befreundet. Ihre heute berühmtesten Objekte und Installationen, die Punkte-Tänze, Happenings und Körperaktionen entstanden in dieser Zeit. Nur hatte sie damit kaum Erfolg auf dem Kunstmarkt.

Zwar gehörte sie – als bunter Vogel – zur damaligen Szene, aber die war dominiert erst vom machohaften Action Painting, dann von der ebenso männerdominierten Pop Art. Wie hätte der Kunstmarkt auch ahnen können, dass diese eigentümliche Japanerin einst als Greisin in der Kunst des frühen 21. Jahrhunderts so ein Hype werden würde. Weil ihre verspielten Punkte und blinkenden Lichter die heutige Medienkunst so entwaffnend schön vorwegnahmen? Weil sie, ohne es zu ahnen, die Pixel der modernen Mediensprache in tanzende Punkte verwandelte?

Sie kam damit wohl viel zu früh. Damals in New York hat man nichts von ihr begriffen, sie wurde depressiv, zumal war ihre große – platonische -Liebe, der surrealistische Bildhauer Joseph Cornell, plötzlich gestorben. Zurück in Japan, ging sie freiwillig in eine psychiatrische Klinik, wo sie bis heute lebt. „Es hat mir ermöglicht, weiterhin jeden Tag Kunst zu machen, das hat mir mein Leben gerettet“, sagt sie heute, wo man sich weltweit um ihre Kunst reißt, ihre „kanalisierten Visionen und Dämonen“, wie sie ihre Werke bezeichnet, „an grandiosen Orten“ zeigen kann. So kürzlich erst im Botanischen Garten von New York, wo man sie samt ihrer „Kürbisse“ als Pop-Exotik feierte.

Kusama ist heute eine der bedeutendsten japanischen Künstlerinnen der Nachkriegszeit, vom Kaiser geehrt mit dem Praemium Imperiale, auch „Nobelpreis der Künste“ genannt. Mit einer Schar ergebener Assistenten. In Europa allerdings war sie kaum ein Begriff. Jetzt wird zügig nachgeholt, ähnlich wie das auch bei der greisen feministischen Künstlerin Louise Bourgeois aus New York nach 1990 der Fall war. Auch sie bezog ihre große Kunst aus einem Kindheitstrauma .

Es ist nicht bekannt, ob Kusama der bürgerliche oder ihr Künstlername ist. Wenn ja, dann trägt sie ihn als Metapher: Der Begriff ist Alt-Japanisch. So heißen Kanarienvögel, die Bergleute ganz früher in Kohlegruben nutzten, um giftige Gase aufzuspüren, was Katstrophen verhinderte. Die bunte Vogelspezies jedenfalls hat Einzug gehalten in Yayoi Kusamas Werk. Und in dem strebt sie – gerade als Feministin – nach Gleichheit in einer Welt voller Ungleichheit.

Gropius-Bau, Berlin: bis 15. August. Derzeit Besuch mit Zeitfensterticket und Negativtest. Oder Online-Rundgang. www.gropiusbau.de. Später geht die Schau ins Museum Ludwig Köln und in die Baseler Fondation Beyeler.

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