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Arlington, 1967: Antikriegsdemonstranten versuchen, Blumen in Gewehre zu stecken.
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Arlington, 1967: Antikriegsdemonstranten versuchen, Blumen in Gewehre zu stecken.

Flower power in London

Wollt Ihr echt eine Revolution?

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Barack Obama hoffte einst, das „Psychodrama der Babyboomer“ sei vorbei. Weit gefehlt. Londons Victoria&Albert-Museum lädt in der Ausstellung „You say you want a revolution?“ zur Anbetung der sechziger Jahre ein.

Die neue Gala-Ausstellung des Victoria&Albert-Museums (V&A) trägt als Titel ein Beatles-Zitat: „You say you want a revolution?“ beschreibt in sechs Abschnitten die Umwälzungen in Musik, Design, Gesellschaft und Technik während der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, als die Pilzköpfe aus Liverpool ein brillantes Studioalbum nach dem anderen produzierten.

Man solle sich auf ein „Bombardement für die Sinne“ gefasst machen, hatte am Morgen der „Guardian“ geschrieben. Ein Blick in die vollgestopften Ausstellungsräume bestätigt das: Psychedelische Musik, grelle Farben, wenig Platz zur Besinnung. Wir verzichten lieber auf das angebotene audiovisuelle Eintaucherlebnis (neudeutsch: total immersion), wenn die Pressedame auch mahnt: „Der Ausstellungsgenuss wird erheblich vergrößert, wenn Sie die Kopfhörer benutzen.“ Aber ist nicht in der Werbung für die Multimedia-Schau von „Rebellen“ die Rede?

Vor drei Jahren elektrisierten die V&A-Kuratoren die Londoner Musik- und Designwelt mit „David Bowie Is“. Der damals noch lebende Trendsetter wurde als Pop-Ikone vorgestellt, und die Besucher strömten in Massen herbei. Noch immer tourt die Schau um die Welt und hat längst Nachahmer gefunden, darunter Sumpfblüten wie die im Frühjahr eröffnete und demnächst nach New York umziehende Rolling-Stones-Show „Exhibitionismus“.

Erkennbar haben die Museumsmacher unter dem scheidenden deutschen Direktor Martin Roth an die Bowie-Ausstellung angeknüpft. Gefeiert wird die 50 Jahre zurückliegende Befreiung jener Generation, von der man erwarten durfte, sie ziehe sich langsam aufs Altenteil zurück.

Aber von wegen: Die US-Präsidentschaftswahl bestreiten im Herbst eine 68-Jährige und ein 70-Jähriger. Das „Psychodrama der Babyboomer“, dessen Ende der damals 47-jährige Barack Obama bei Amtsantritt 2008 herbeiflehte, bleibt hochaktuell.

Viele großartige Details sind zu sehen. Dazu gehören die Uniformen, die John Lennon und George Harrison auf dem Cover des wohl berühmtesten Beatles-Album „Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ trugen. Rührend die Seite aus Harrisons Tagebuch für den 1. April 1967, in die der 24-Jährige stolz ein Telegramm (ein Telegramm!) eingeklebt hatte, das von der Aufnahmesitzung eines seiner Songs handelte. Wer hätte geahnt, dass hinter den Barrikaden von Paris 1968 nicht nur die Weltrevolution geplant, sondern auch eine Einkaufsliste geschrieben wurde?

In London tagte unterdessen die „antiuniversity“. Zu deren Dozenten zählte einem Werbeplakat zufolge auch „H.M. Emzemberger“. Entweder war Hans Magnus Enzensberger also unbekannt – oder die Antistudierenden hielten Rechtschreibung für ein Relikt reaktionärer Kleinbürgerlichkeit.

Auch Cineasten kommen auf ihre Kosten. Gezeigt werden Ausschnitte aus der knapp zehnminütigen Kamerafahrt entlang eines langen Autostaus, mit der Jean-Luc Godard 1967 die Filmwelt aufwühlte. Schließlich in einem Raum mit Kunstrasen, Hippiekissen und dem Schlagzeug der Band The Who ein Zusammenschnitt des berühmten Films über das Festival von Woodstock. Und natürlich kreischen die Riffs von Jimi Hendrix’ Version der US-Hymne dazu, jenes „wahrscheinlich größten Moments der Sechziger“, wie Al Aronowitz schrieb. Ein Jahr später war Hendrix tot, als Folge seines Alkohol- und Drogenmissbrauchs.

„Wie haben die vollendeten und unvollendeten Revolutionen der späten 1960er Jahre unser heutiges Leben und unser Nachdenken über die Zukunft beeinflusst?“ Die selbstgestellte Frage beantworten die Macher uneingeschränkt positiv. Die Ausstellung will „den Idealismus der späten 60er Jahre“ widerspiegeln und in ihrem Geist zu „einfallsreichem Optimismus“ aufrufen.

„Nostalgie ohne Erinnerung“

„Nostalgie ohne Erinnerung“, nennt der Beatles-Biograph Philip Norman das Phänomen der nachgeborenen Anbeter. Der 73-Jährige schwelgt in einem langen „Observer“-Essay selbst in den glamourösen Aspekten jener Zeit, weist aber auch auf die dunklen Seiten hin. Großbritannien fiel von einer Finanzkrise in die andere, die USA wurden erschüttert von den politischen Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy, durch Prag rollten die Panzer des Warschauer Paktes.

Die Entkolonalisierung ging vielerorts mit blutigen Bürgerkriegen einher. Und über der Welt hing die Dauerbedrohung nuklearer Auslöschung im Ost-West-Konflikt. Kurzum: eine blutige und unruhige Zeit.

Flower power reimt sich natürlich herrlich, aber auch damals herrschten eher Bomben als Blumen. Das gerät im audiovisuellen Anbetungswirbel in Vergessenheit.

Victoria&Albert-Museum, London: bis 26. Februar 2017. vam.ac.uk

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