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Wolfgang Joop feiert seinen 75. Geburtstag. 

Modemacher

Wolfgang Joop: Der Junge vom Gut

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Wolfgang Joop wird 75 und erzählt in seiner Autobiografie vom Rausch, Grenzen in beide Richtungen zu übertreten.

Eigentlich hatte er ja schon alles erzählt. Vor sechs Jahren in einem Buchinterview zu seinem Leben mit der Journalistin Rebecca Casati. „Undressed“ war der Titel. Aber neben allem Beruflichen, Privaten und Illustrierten-Tauglichen, das Wolfgang Joop seit 2013 erlebt hat, gibt es für ihn vor allem eine Sache, die ein weiteres Buch, diesmal aus seiner eigenen Feder, offenbar notwendig gemacht hat. Und das ist der Einzug mit seinem Partner Edwin Lemberg in das Krongut Bornstedt in Potsdam im vergangenen Jahr.

Und zwar nicht als reicher Wessi, der sich – nachdem er schon eine Villa am Heiligen See bewohnt hatte – in preußische Geschichte einkauft. Sondern als Junge, der mit 73 Jahren in das Haus seiner Kindheit zurückkehrte, in ein Haus, das für ihn lebenslanger Ankerpunkt war. Seine Ex-Frau Karin Joop-Metz und seine Tochter Florentine mit Familie lebten ja auch schon da. Jetzt kam der ewige Sohn als Familienoberhaupt dazu, jetzt war die Sache für ihn komplett. „Die einzig mögliche Zeit“ heißt diese Autobiografie, die nun vorm 75. Geburtstag am 18. November erscheint.

Nichts natürlich ist wirklich und ganz komplett im Leben: Auch die Entzweiung mit seiner älteren Tochter Jette Joop spielt im Buch eine Rolle, eine gewisse Fremdheit von Geburt des Kindes an wird suggeriert, wobei auch die Geschichte eines von zu jungen Eltern zu früh zu viel allein gelassenen Mädchens durchscheint.

Vor allem aber geht es mit vielen Details aus dem real existierenden Sozialismus darum, wie dieser Weltstar der Modebranche, der immer auch Maler und Autor war, dem Potsdamer Anwesen, das er als Neunjähriger verlassen musste, weil seine Eltern nach Braunschweig zogen, ein Leben lang die Treue gehalten, wie er sich für die Anreise anfangs hat schikanieren lassen und sich für mögliche Reiseerleichterungen später willig ins behördliche Absurdistan diverser Kooperationsversuche begeben hat (etwa als Designer von Meißener Porzellan). Und wie das Bewahren und Neubeleben ja auch künstlerisch immer das Konzept von Wolfgang Joop gewesen ist.

Schon als Schüler im Westen lebte er modische Distinktion aus, indem er abgelegte Sachen seines Potsdamer Opas trug, Cordhosen und Rippenshirts, und mit den geflickten Socken aus Wolle „von unseren Schafen“ eine Aura aus der „Welt der Gutsbesitzer, Pferde und Ländereien“ in die „gesichts- und geschichtslose Armee modisch manipulierter Jugendlicher“ transportierte. Als seltsam oder exzentrisch zu gelten, hat Joop nie gestört.

Die Bindung an das an Sanssouci grenzende Anwesen (das seine Großeltern und eine Tante weiter bewohnten und das im Laufe der DDR-Jahre enteignet, dann aber wieder in Privatbesitz zurückgegeben wurde) war sein Kompass in der Welt der Kunst und Mode. Seine Versicherungspolice, nirgendwo dazugehören zu müssen, weil er ja schon verwurzelt und auf abstrakte Weise sowieso höheren Standes war.

Das wird wohl auch das Geheimnis seiner ewig jugendlichen Ausstrahlung sein: Noch als Großvater ist er der Junge vom Gut. Das von Frauen aufgezogene Einzelkind übrigens auch, das sich nichts sehnlicher wünschte, als seine unzufriedene Mutter glücklich zu machen. Sein Vater kam spät aus der Kriegsgefangenschaft zurück und verzieh ihm die Jahre, die er mit der Mutter allein gehabt hat, wohl nie. Auch das Künstlertum nicht. Er selbst war Redakteur bei „Westermanns Monatsheften“.

Wie in einem Album blättert Wolfgang Joop für dieses Buch in seinem Leben herum. Wobei sich ihm vor allem die schmerzhaften, skurrilen oder auch unverständlichen Momente eingeprägt zu haben scheinen. Es ist keine Idylle, die er, zeitlich vor- und zurückspringend, schlaglichtartig schildert. Eher ein emotionales, gesellschaftliches und auch politisches Durcheinander, durch das er halb geschoben wird, halb traumwandlerisch navigiert, eng gebunden an seine Frau Karin, die in Braunschweig ein Nachbarsmädchen war und die er als seine Muse und Lehrerin bezeichnet.

Er beginnt ein Studium der Kunstpädagogik, gewinnt mit Karin einen Schnittwettbewerb der Zeitschrift „Constanze“, gerät in die Modewelt, wird Vater, zieht nach Hamburg, lässt sich treiben, abgestoßen von allem ästhetisch oder politisch Funktionalen: „Karins und meine Haltung galt als frivol, untauglich auf das aktuelle Geschehen ringsherum in unserer Welt. Wir fühlten uns nostalgisch, sexuell ambivalent, romantisch und vor allem selbstbefreit von dem Zwang, sich der Moderne anzuschließen.“

Wie genau sich der Aufstieg vollzog, interessiert ihn nicht zu erzählen, Anekdoten von Karl Lagerfelds Assistenten oder rätselhafte Begegnungen wie die mit dem niederländischen Künstler und Camel-Model, der ihn mit nur einem Blick und einem Satz vom Pariser Flughafen nach Tunesien lockte und ihn die Schwelle in die gleichgeschlechtliche Erotik übertreten ließ, stehen für den Glamour in seinem Leben, den er gleichzeitig wie zufällig abtut.

Ob es wahr ist, wissen die, die ihn kennen, aber im Buch stellt sich Wolfgang Joop als durchlässig und für die Widersprüche der Gesellschaft immer erreichbar dar. Und Bemerkungen wie die über die New Yorker Fashion-Week 2018, wo er die geradezu streberhafte Diversität der Models im Gegensatz zur „Uniformität derer, die sie betrachten“ konstatiert, stehen dafür.

Wolfgang Joop, ein JOOP! mit Ausrufezeichen und buchstäbliches Wunderkind der Branche, der den Pelz als Futter und außen Camouflage tragen ließ, als Tierschutz bereits ein Gedanke, aber noch keine Konsequenz war, stellt sich, führerscheinlos und hypersensibel, als einen dar, dem in der großen Welt Dinge passieren, auf die er dann einfach irgendwie reagiert. Wirklich berührbar und korrumpierbar sieht er sich im Rückblick nur in allem, was seinen Status in der DDR, seinem Zugang zu Gut Bornstedt anbelangt. „Es war dieser leichte Rausch, wenn ich ungehindert die Grenzen in beide Richtungen passieren konnte. Es gab mir das Gefühl, dass ich in meiner Position, mit meinem Background, meiner Persönlichkeit, der Einzige für sie sei. Das hofierte, privilegierte Einzelkind, das dem Menschen im Osten das Parfüm des Westens und der Freiheit mitbrachte.“

Joop, Celebrity und modisches Genie der Brüche und Übertreibungen, im Herzen ein treuer Sohn nicht nur Bornstedts, sondern auch der DDR? Das geht am Ende durchaus zusammen, ebenso wie die Behauptung, diese Sammlung von teils nur gestrichelten, teils bissigen, teils sentimentalen, auch in der Prätention und Eitelkeit ehrlich wirkenden Erinnerungen sei ein Buch. Es ist ein Stück DDR-Geschichte aus ungewohntem Blickwinkel und (gerade vom Modemann!) eine Inspira*tion, sich zu trauen, anderen fremd zu sein, aber auch an Träumen festzuhalten – und vor allem: nie zu klein zu denken.

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