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Jeder muss sich bei Keren Cytter seine Verbindungslinien selbst suchen.
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Jeder muss sich bei Keren Cytter seine Verbindungslinien selbst suchen.

Münchner Kunstverein

Aus dem Wohnzimmer

Sie hat im atemberaubenden Tempo die internationale Kunstszene durchquert: Die in Berlin lebende israelische Künstlerin Keren Cytter. Der Münchner Kunstverein zeigt aktuell verstörend fesselnde und auch absurde Videoarbeiten, in denen Cytter unsere Sehgewohnheiten reflektiert.

Von K. Erik Franzen

Blut in einem durchsichtigen Auto-Kanister, einer Art Frankfurter Kranz, der ebenso in Flammen aufgeht wie ein Christbaum und ein Schallplattenspieler. Dazu Nivea Lotion, ein nackter Mann, eine Frau und ganz viel Schnee: brauchbare Zutaten für einen bunten Abend zuhause. Oder für ein zwölfminütiges Farb-Video. Die junge israelische Künstlerin Keren Cytter vergisst in ihrer Arbeit „Four Seasons“ auch nicht die gute Flasche Bordeaux als Requisit ihrer kitschig-beängstigenden Dramaturgie.

Staunend und fassungslos muss der Betrachter mit ansehen, wie sich die gegenläufigen Geschichten zweier Menschen ineinander verkeilen. So verstörend, fesselnd und absurd hat man selten Zweie gesehen, die beim Aneinander-Vorbeireden irgendwie miteinander reden: Kein altes Ehepaar agiert hier wie bei Loriot, sondern zwei junge Vereinzelte, die völlig außer sich stehen, sich selbst beobachten und dabei hilflos Sätze wiederholen, die ihnen geblieben sind. Klaustrophobischer Schauplatz der 2009 entstandenen Arbeit ist eine Wohnung, vielleicht die der Künstlerin selbst, die immer wieder die eigenen vier Wände als Präsentationsort nimmt.

Ein Spiel auch mit der eigenen Identität? Das bleibt im Dunkeln, wie so vieles bei der in Berlin lebenden Keren Cytter, die in atemberaubendem Tempo die internationale Kunstszene durchquert hat: Parallel zu Einzelausstellungen nahm sie in den vergangenen sechs Jahren an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, 2009 auch an der Biennale in Venedig. Sie filmt nicht nur, sondern schreibt auch, zeichnet und entwickelt Theaterperformances.

Kaum stringente Geschichten

Randständigen Shootingstars öffnet der Münchner Kunstverein gerne die Glastür seiner Räume im Hofgarten. Der seit 2010 amtierende Direktor Bart van der Heide entwickelt konsequent das ambitionierte, experimentierfreudige Programm seiner Vorgänger weiter. In den acht nun gezeigten Videoarbeiten wird schon bei der ersten Annäherung klar, welchen Herausforderungen sich Cytter mit ihren Filmen stellt. Sie repräsentiert nicht nur, sondern reflektiert auch existierende visuelle Erfahrungen aus Filmklassikern, Soap-Operas und Videoplattformen im Internet.

Cytter erzählt kaum stringent Geschichten, sondern hinterfragt eher, wie Geschichten zustande kommen. Das zentrale filmische Mittel ihrer Versuchsanordnungen dabei ist der Loop in ihren Werken. Viele Arbeiten haben mehrfache Anfänge und mehrere Enden: Cytter setzt immer wieder neu an, jedes Mal ein bisschen anders, bis sich die Wiederholungen zu etwas Unbekanntem fügen – oder sich in Altem verhaken. In den oft rohen, ruhig-unruhigen Low-Fi-Bildern mit zahlreichen Textbrocken flackert ein zentrales Thema der künstlerischen Arbeit Cytters auf: der schleichende Zerfall unserer alltäglichen sozialen Erfahrungen im 21. Jahrhundert.

Für die Ausstellung „The Hottest Day of the Year“ wurden Arbeiten zusammengestellt, die Cytters künstlerische Bandbreite sichtbar machen: Neben vorherrschende Wohnzimmer-Produktionen treten komplexere Szenarien und (Pseudo-)Plots. In dem der Ausstellung den Titel gebenden Video aus 2010 verbindet sie diese Erfahrungen mit Kolonialismuskritik und erweitert ihre Darstellung auch erzählerisch. Im ersten Teil – im Stil einer ironischen Fake-Documentary – wird die Geschichte einer französischen Anthroplogin erzählt, die nach Südafrika und Mosambik reist, um nach zwei Stämmen zu forschen. Sie stirbt dort an Malaria.

Zerhäkselte Kommunikation

In direktem Anschluss wird im zweiten Teil ein komplett neuer Handlungsstrang erzeugt. Eine junge Frau im Alter der Filmemacherin wird am heißesten Tag des Jahres in einem Büro des israelischen Militärs vorstellig, um ihre Arbeit zu beginnen. Cytter erzählt hier sehr ruhig, mit einer neuen Tiefe. Sie überlässt die Zeichnung der Verbindungslinien fast ausschließlich dem Zuschauer.

Wenn man im Sog von einer Projektion zur nächsten wandert und eine der vielen Schleifen berührt, die Keren Cytter in ihren Videos anbietet, wird eine Leitperspektive der in Tel Aviv geborenen Künstlerin klarer. Bemerkt man ihr Changieren zwischen den Sprachen und Übersetzungen (Deutsch, Französisch, Englisch, Holländisch, Spanisch, Italienisch, Hebräisch) und ihr geschicktes Spiel mit den Erzählpositionen, die oft bewusst Verwirrung stiften, offenbart sich das Bestreben, sich nicht fangen, nicht einschätzen oder einordnen zu lassen: als Resultat ihrer persönlichen Erfahrung als Migrantin, als Fremde in Zeiten digital zerhäkselter sozialer Mikro-Kommunikation.

Münchner Kunstverein: bis 27. März.

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