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Nach vielen Kontroversen eröffnete die 26. Leipziger Jahresausstellung nun doch.

Kunst

„Wir hätten ihn aushalten sollen“

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Ein Besuch der Leipzigs Jahresausstellung, in der die Debatte über den AfD-nahen Maler Axel Krause nicht abreißt.

Leipzig, Werkhalle 12. Spinnereistraße. Das Tor steht weit offen. Der Nervenkrieg wegen der kurz zuvor noch verkündeten Absage soll vergessen sein. Am Eingang links eine leere weiße Wand, darauf die Lettern: „Freiheit der Kunst – Kunst der Freiheit“. Es gibt Zettel und Stifte. Das Publikum soll seine Meinung aufschreiben, die wird dann an die Wand gepinnt. Eine Konzeptkunst-Installation basisdemokratischer Meinungsfreiheit soll es werden. Das Gegenteil von dem also, was gerade so gründlich schieflief.

Aus der nun doch noch eröffneten 26. Jahresausstellung im Kunstareal der einstigen Baumwollspinnerei, die zunächst abgesagt worden war, wurde der Maler Axels Krause ausgeschlossen. Krause hat eine AfD-nahe Position zur Flüchtlingspolitik, die er auf Facebook unverblümt postet und in rechtsgerichteten Medien vertritt. Künstlerkollegen hielten seine Teilnahme für unerträglich. Man habe ihn „undemokratisch ausgegrenzt“, klagte der betroffene Krause, Jahrgang 1959, daraufhin. Er postete auf Facebook, nun sei er ein „entarteter Künstler“, sein Fall werde „in seiner Konsequenz vielleicht der AfD einen halben Prozentpunkt bei den Landtagswahlen“ bringen.

Der Fall Krause wurde zum Eklat, dadurch bekam die Schau auf einmal eine Aufmerksamkeit, die ihr in 25 Jahren nie zuteil wurde. Und das liegt an einem einzigen Provokateur, mit dessen solide-durchschnittlichen Gemälden das alles nichts zu tun hat.

An den Wänden der Ausstellung sieht man viel Malerei: Landschaften, Pflanzen, Paar-, Familien-, Freundes-Szenen, zumeist figürlich, gegenständlich, auch experimentell abstrakt. Alles handwerklich souverän, die Motive auf Probleme der Gegenwart gerichtet: Zusammenleben, Existenzielles wie Kriege, Krisen, Klimakatastrophe.

Starke weibliche Positionen fallen ins Auge. Laura Eckert hat einen aus Eichenparkett-Latten gefügten Körper mit Beinstümpfen auf den Hallenboden gesetzt, nennt die torsohafte Gestalt „Somnambulist“, die lässt aber auch an den von den Göttern gehäuteten Marsyas denken. Metaphorik war für Leipzigs Kunst schon immer typisch. Das besagen auch Nelly Schmückings existenzielle Tierskulpturen aus montierten Teilen, Natur- und Plastikmaterial.

Zu sehen ist, was im letzten Jahr in Leipzigs Ateliers entstand. Eine Leistungsschau, die seit 26 Jahren bereits 700 Leipziger Künstler bekannt machte, eine auch ökonomisch sehr wichtige Schau in der inzwischen von Gentrifizierung und Atelier-Miettreiberei bedrohten Szene der Stadt. Das betont Katrin Haucke vom Verein Jahresausstellung e.V. Sie ist dessen langjährige Ausstellungs-Assistentin und gehört zu denen, die es „tolerant-distanziert“ ertragen hätten, wenn Krause ebenfalls ausgestellt hätte. Kunst soll schließlich zu Debatten – und damit zu Positionierung – anregen.

Nun sagen viele, dass es falsch war, Krause auszuschließen. So sehr seine politische Meinung polarisiert und der ihren widerspricht. Aber die Gruppendynamik sei enorm gewesen. Katrin Hauke erklärt: „Unser Verein arbeitet basisdemokratisch. Das ist anstrengend, zäh, zeitaufwendig. Wir haben die Wucht der Polemik unterschätzt.“

Eine für den 11. Juni anberaumte öffentliche Debatte im Kunstmuseum – wo „die Stadtgesellschaft“ den Vorfall „demokratisch“ debattieren wollte – ließ Axel Krause kurzfristig platzen. Seine Absage kam via Facebook. Krause reiste ins Ausland, ihm hat der Streit genützt, obwohl sein Leipziger Galerist Kleindienst ihn schon vor Monaten von der Künstlerliste strich. Die AfD, die im Kunstbeirat des Bundestages sitzt, sorgte für einen Ankauf in für die Staats-Sammlung.

Der ehrenamtliche Jahresausstellungs-Vereinsvorsitzende Rainer Schade, emeritierter Grafik-Professor, stand vor der Vernissage in der Werkhalle und sagte, der Streit habe alle wie eine Welle überrollt. Die Diskussion um die Schau, insbesondere in den sozialen Medien, der teils aggressive Stil der Sprache sei ein erschreckendes „Spiegelbild der Gesellschaft“. Das habe „generell überrascht“. Auch überfordert. Man war überhaupt nicht darauf vorbereitet, der Shitstorm habe am Ende zu der Absage der Schau und zu dem fatalen Zickzackkurs geführt, die Ausstellung ohne Krauses Bilder doch noch zu machen. Jetzt legt man das dem Verein als Feigheit aus.

„Wir hätten Krause in unserer Ausstellung aushalten sollen“, so der junge Künstler Felix Leffrank. Er hat deshalb eine völlig neue Arbeit geschaffen, die sich explizit auf Krauses – nun wegen der falschen Entscheidung nicht ausgestellte Gemälde – bezieht: Leffrank baute eine Box auf Tapeziertischbeinen, darin beleuchtete Lorbeerpflänzchen und vorn ein Monitor. Ein Video läuft. Titel „Schlechte Gesellschaft“. Man sieht einen Maler und seinen „bösen Zwilling“. Beide schließen sich ein und malen, schichtweise, alles Motive aus dem Unterbewussten. Den Kontakt zur Außenwelt halten sie übers Internet. „Wie eine Pflanze in einer dunklen Kiste sich zum Licht hin streckt, entstehen auch Kunstwerke in der Einsamkeit des Ateliers …“, sagt Leffrank zu seiner gleichnishaften, aufs AfD-Gedankengut Krauses hin gemünzten Installation.

Leipziger Baumwollspinnerei: bis 30. Juni www.leipziger-jahresausstellung.de

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