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Jean Dubuffet: „Coucou Bazar“ (1972/73), Installationsansicht.
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Jean Dubuffet: „Coucou Bazar“ (1972/73), Installationsansicht.

Jean Dubuffet

Im Wind der Geschichte

Landschaften und Nicht-Orte: Eine große Retrospektive in der Fondation Beyeler bei Basel widmet sich dem Werk des Franzosen Jean Dubuffet.

Von Peter Iden

Das Ereignis im Museum der Fondation Beyeler ist derzeit ein wohl an die zwanzig Meter breites, stellenweise mannshohes, nach hinten tief gestaffeltes, in den Farbtönen weiß, schwarz und rot gehaltenes Gewimmel aus vielen kleinen, jeweils sehr unterschiedlich formatierten Elementen, die bisweilen sich zusammenfügen zur Erkennbarkeit kostümierter menschlicher Gestalten. „Coucou Bazar“, eigenwillige Wortschöpfung, hat Jean Dubuffet dieses in den Jahren 1972/73 entstandene Werk genannt, komponiert als eine Art von multimedialem Bühnenstück, in dem Malerei und Skulptur sich verbinden sollten mit Theater, Tanz und Musik.

Von den wenigen Aufführungen des „animierten Gemäldes“ (Dubuffet), zuletzt 1978 in Turin, wird berichtet, Schauspieler hätten sich den Skulpturen anverwandelt und vor der bunten Malerei wie vor Kulissen miteinander agiert. Schwer, sich die originale Wirkung heute vorzustellen. Aus konservatorischen Gründen kann nur etwa die Hälfte der ursprünglichen Kostüm-Skulpturen und Kulissenteile noch ausgestellt werden, der Eindruck bleibt jetzt beschränkt auf die Monumentalität des Entwurfs und das Phantastische an der Idee.

Mit „Coucou Bazar“, für den Künstler Ausdruck des „undifferenzierten Kontinuums der Welt“, schließt der Zyklus „Hourloupe“, an dem Dubuffet zwischen 1962 und 1974 gearbeitet hat. Seine Gemälde sind zu dieser Zeit bestimmt durch eine unruhige Kleinteiligkeit beliebig hingekritzelter, dabei aber gegeneinander deutlich abgegrenzter, amöbenhafter Formen. Sie überschwemmen (besonders gut zu sehen in „Paysage du Pas-de-Calais“ aus dem Jahr 1963) die Leinwände ohne ersichtliche Ordnung. Noch im gleichen Jahrzehnt überträgt Dubuffet das Prinzip ins Skulpturale: Polyester und Epoxidharz werden zu plastischen Farbträgern, wobei die Farben sich auf schwarz und weiß reduzieren. Daraus entwickelt sich dann die theatralische Groß-Collage von „Coucou Bazar“.

Als dieses Hauptstück der etwa einhundert Werke umfassenden Retrospektive „Jean Dubuffet. Metamorphosen der Landschaft“ entsteht, die von der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel jetzt eingerichtet wurde, arbeitet der Künstler bereits seit bald drei Jahrzehnten an der Verwirklichung unterschiedlichster Bildideen. Der in Le Havre geborene Sohn eines Weinhändlers war vierzig, als er sich nach mehreren aufgegebenen Versuchen, sich ganz der Kunst zu widmen, um 1942 entschloss, das väterliche Weingeschäft zu verkaufen und eine Existenz als Maler zu wagen. Er war da, aufgrund vorausgegangener Kunst-Studien schon als junger Mann, durchaus kein Amateur mit spätem Berufswechsel, verfügte vielmehr über beste Kontakte zu Protagonisten der Pariser Szene sowohl unter den Künstlern (wie Paul Eluard, Jean Fautrier, Henri Michaux) als auch zu Händlern wie René Drouin und bald auch dem einflussreichen New Yorker Galeristen Pierre Matisse, der ihn ab 1947 in den USA bekannt machte.

Die erste Einzelausstellung bei Drouin in Paris findet statt, als der Zweite Weltkrieg noch nicht beendet ist. Die frühen Bilder erregen Aufsehen durch den Versuch, figürliche Darstellungen vor allem menschlicher Köpfe in Verbindung zu bringen mit dem damals die Avantgarde dominierenden Zeitstil des Informel.

Aus Grundflächen, die dicht belegt sind von einer Fülle wirrer, kaum entzifferbarer, abstrakter Zeichen, treten die Umrisse grotesk verformter Köpfe und Körper hervor. Nach Art der Strichmännchen in naiven Kinderzeichnungen – zugleich aber im Ausdruck der Gesichter bedrohlich geprägt durch namenloses, abgründiges Entsetzen. Nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnen sie ein Menschenbild, das anders als beschädigt und fragmentiert nicht mehr möglich scheint.

So ist in Dubuffets Bildern der vierziger und fünfziger Jahre der Wind der Geschichte zu spüren. Es verändert sich ja auch, folgenreich bis heute, die Vorstellung von dem, was als „schön“ gelten kann. Wichtiger als das Schöne wird das insistierende Drängen auf Wahrheit. Dubuffet sucht sie auch in der Malerei von geistig Behinderten, er reist zur Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg, die sich auf solche Arbeiten konzentriert, erfindet für das Unverbildete, Direkte, Rohe daran den Begriff „Art Brut“. Zur Zeit dokumentiert eine Ausstellung in den Räumen der Sammlung den Besuch.

Verlangt wird – in der Literatur, im Theater, in der Musik, auch in der bildenden Kunst – nach einer tieferen Gründung. Die jungen Maler des Informel in Europa und den USA suchen sie in der Wendung nach innen, in der äußersten Subjektivität, die sich ausschreibt in ihren abstrakten Bildern, ein Rekurs auf das Individuum auch als Antwort auf die fatalen Massenbewegungen der vorausgegangenen Epoche. Dubuffet findet seinerseits bis in die achtziger Jahre Halt in einem Verständnis von „Landschaft“ (paysage) als zentralem Motiv seiner Bilder, das in letzter Konsequenz das Weltbild seiner Kunst bezieht auf die Natur.

Als Landschaften wahrzunehmen sind schon die Hintergründe, aus denen die fratzenhaften Gesichter des Frühwerks erwachsen, auch die aufgeblähten Frauenleiber der sich anschließenden Phase. Im nächsten Abschnitt des Oeuvres überziehen Strukturen des erdigen Bodens die Bildflächen, dunkel gestimmt sind diese Bilder, Zeugnisse einer neuen Ausprägung des alten Genres der Landschaftsmalerei. Und Dubuffet geht dann noch weiter, indem er Natur direkt zitiert als Material, als Werkstoff von Collagen, die er aus Schmetterlingen zusammenfügt.

So wird ihm schließlich alles zu Landschaft. In den sechziger Jahren, etwa in dem aus New York ausgeliehenen Hauptwerk „Le Commerce prospère“ (1961), nimmt Dubuffet auch das dynamisch bewegte Leben der Großstädte wahr als gleichsam urbane Version natürlicher Landschaft. Ebenso lassen sich die mehr und mehr zur Skulptur tendierenden Arbeiten der langen „Hourloupe“-Periode wie das multimediale Großprojekt „Coucou Bazar“ wiederum verstehen als, so denn auch der Untertitel der Ausstellung, „Metamorphosen von Landschaft“.

Bis zu seinem Tod 1985 ist Dubuffet ein Experimentierender geblieben. Immer wieder hat er tradierte Regeln übertreten. Die Nachwirkungen seiner stupenden Kreativität reichen bis zu Anselm Kiefer und Georg Baselitz, Basquiat und Keith Haring. Das Spätwerk, nicht frei von Skepsis gegenüber der künstlerischen Lebensleistung, zitiert aus der eigenen Vergangenheit und gibt, „Le Circulus II (Non-Lieu)“ von 1984, zugunsten von Linien in Blau, Rot, Gelb und Weiß, die über eine schwarze Grundfläche gezogen sind, jede Beziehung zur figürlichen Darstellungen auf. Der Plural von „Non lieu“ (Nicht-Ort) hat im Französischen die juristische Bedeutung „Einstellung des Verfahrens“.

Die Retrospektive, von Raphael Bouvier faszinierend präsentiert, begleitet von einem Katalog, der belegt, mit welchem Gewinn an Einsichten die Kunstwissenschaft sich Jean Dubuffet an die Fersen geheftet hat, ist posthum nicht zuletzt ein Verdienst des Gründers des Museums der Fondation in Riehen: Ernst Beyeler hatte früh den Kontakt zu Dubuffet gesucht und als Galerist und Händler, aber auch als Sammler produktiv gemacht, Hauptwerke aus seinem Besitz, zusätzlich gestützt durch Leihgaben aus prominenten öffentlichen und privaten Kollektionen, bilden jetzt den Kernbestand des Rückblicks auf ein Oeuvre, das impulsiv Kunde gibt von den Veränderungen, mit denen wir es zu tun haben. In der Kunst wie im richtigen Leben.

Fondation Beyeler, Riehen/Basel: bis 8. Mai.www.fondationbeyeler.ch

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