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Pierre Verger, Rues, Paramaribo, Suriname (1948). Foto: Pierre Verger Foundation
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Pierre Verger, Rues, Paramaribo, Suriname (1948).

Frankfurt

Willem de Rooij im Portikus: Die unrühmliche Geschichte mitdenken

  • vonSandra Danicke
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Willem de Rooij zeigt im Frankfurter Portikus Fotografien des Ethnologen Pierre Verger.

Ein Künstler, der die Fotografien eines anderen als Projektionen zeigt – das klingt zunächst nicht sonderlich ambitioniert. Im Ausstellungsraum sind nichts weiter als das Display und eine Bank. Es handelt sich um Fotos, die in den späten vierziger Jahren in Suriname aufgenommen wurden; sie zeigen Alltägliches. Im ersten Moment mag die Ausstellung, die Willem de Rooij derzeit im Frankfurter Portikus präsentiert, ein wenig dürftig erscheinen. Auch der Titel „Pierre Verger in Suriname“ wirkt ziemlich nüchtern. Dann setzt man sich hin, betrachtet die Fotografien, die in der Regel Menschen in ihrer Umgebung zeigen – und gerät in einen Sog. Es sind Momentaufnahmen aus einer Welt, die uns nah und fern zugleich vorkommt.

257 Bilder sind es, die der französische Fotograf und Ethnologe Pierre Verger (1902-1996) 1948 während einer achttägigen Reise aufnahm. Der Fotoreporter, der immer wieder die Welt bereiste und sich Ende der vierziger Jahre in Salvador da Bahia niederließ, interessierte sich für die Beziehung zwischen den Kulturen der afrikanischen Diaspora und Westafrikas, die er miteinander verglich. Nach Suriname reiste er mit seinem Freund, dem Schweizer Ethnographen Alfred Métraux, der hier bereits Kontakte geknüpft hatte. Sie besuchten die Hauptstadt Paramaribo, die noch heute einen bemerkenswerten Bevölkerungsmix aus Indern, Indonesiern, Kreolen, Chinesen, Javanern, Libanesen und der indigenen Bevölkerung aufweist, und Verger hielt drauf.

Wir sehen die Vorbereitung zu einem Fest auf der Straße, den alltäglichen Handel auf einem Markt, die kolonial geprägte Architektur. Wir sehen Menschen bei der Arbeit, beim Einkaufen, wie sie riesige Gefäße auf ihren Köpfen transportieren und ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Die Reihenfolge der Fotos ist jene, die Pierre Verger selbst bestimmt hat. Willem de Rooij fand sie genau so vor.

Nachdem sie Paramaribo besucht hatten, verbrachten Verger und Métraux einige Tage in Wanhatti, einem kleinen Dorf im Nordosten des Landes. Die dort lebenden Ndyuka sind eine Maroon-Gemeinschaft, die von Westafrikanern abstammt. Es handelt sich um ehemalige Sklaven, die im 18. Jahrhundert von holländischen Plantagen geflohen waren. Hier fotografierte Verger vor allem die Ausübung religiöser Riten und ein Leben, das von großer Einfachheit geprägt ist, Menschen, die oftmals nicht mehr als einen Lendenschurz tragen, flechten Körbe, waschen sich, backen Brot, hacken Holz, fahren mit ihren Kanus zum Fischen raus, tanzen.

Eine Aufnahme zeigt einen jungen Mann, der lachend ein Foto betrachtet, das eine Frau zeigt, die ein Kind auf der Hüfte trägt. Eine Gruppe von Menschen steht um ihn herum, Hände greifen danach. Es ist ein schönes Bild, und es zeigt, dass die Menschen in Wanhatti durchaus wussten, was der Mann mit der Kamera vorhatte. Dass sie es guthießen, zeigen auch diverse Porträts, auf denen die Porträtierten stolz oder fröhlich in die Kamera blicken.

Es sind historische Ansichten aus einer Kultur, die mit der unseren nicht allzu viel gemeinsam hat. Trotzdem fühlen wir uns denen, deren Alltag hier vor uns abläuft, auf seltsame Weise verbunden. Das liegt vor allem daran, dass Verger den Menschen nahekam. Dass er sie interessiert und empathisch, aber nicht distanziert beobachtete und selbst jene Aufnahmen, die eindeutig inszeniert wurden, nicht steif, sondern sehr natürlich wirken. Verger war fasziniert von fremden Kulturen, seit 1932 hat er die Welt bereist. „Ich wollte ein anderes Leben leben“, schrieb er später in seinen Memoiren. „Ich ging weg, um mich von der westlichen Zivilisation zu distanzieren.“ Seine Fotos sind ethnologisch-historische Dokumente. Sie halten nicht nur den Alltag der Dorfbewohner fest, sondern auch ihre Architektur, Frisuren, Schnitzmuster, Arbeitsweisen. Sie zeigen eine Welt, die inzwischen weitgehend zerstört wurde.

Aber natürlich – und das ist entscheidend – zeigt Willem de Rooij die Bilder von Pierre Verger nicht einfach nur so. Der niederländische Künstler, der an der Städelschule lehrt, beschäftigt sich in seinem Werk mit der Genealogie und Rezeption von Bildern. Seine Arbeiten kreisen um Fragen nach Repräsentation und Bedeutung, wobei er oftmals Bezug auf Werke anderer Künstler oder Artefakte aus historischen und anthropologischen Sammlungen nimmt. Zur Ausstellung gehört ein umfangreicher Katalog, der nicht nur sämtliche Fotografien, sondern auch eine Reihe von Texten enthält, die deren Entstehung historisch einordnet.

Dadurch, dass die Projektionsfläche im Portikus verspiegelt ist und zwischen zwei Bildern immer eine kleine Pause entsteht, sehen wir uns selbst. Schauen uns dabei zu, wie wir diese Menschen und ihr Leben heute betrachten. Entwickeln ein Bewusstsein für den Filter, der bereits durch die Auswahl des Fotografen entstand und der nun heute im Bewusstsein des postkolonialen Denkens ein rein neugieriges Betrachten nicht mehr möglich macht. Wir sehen uns, wie wir die unrühmliche Geschichte mitdenken. Wie wir nicht umhinkommen, dem Fotografen einen wohlwollenden Paternalismus zu unterstellen. Und wie wir trotzdem zu dem Schluss kommen, dass diese Bilder einen Wert haben. Dass man den, der sie aufgenommen hat, nicht verurteilen kann, weil er uns eine Welt zeigt, die zeigenswert ist und die es so nicht mehr gibt. Weil sein Blick eine kulturelle Offenheit demonstriert, die nichts mit schnödem Kulturtourismus zu tun hat, sondern mit tiefer Anteilnahme und Empathie.

Portikus, Frankfurt: bis 18. Juli. www.portikus.de

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