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Berlin

Wie aus einer Haut: Tony Cragg zeigt Skulpturen in Berlin

  • VonIngeborg Ruthe
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Erfinder neuer Formen: Der in Wuppertal arbeitende Brite und Turner-Preisträger Tony Cragg zeigt seine jüngsten Skulpturen in der Berliner Buchmann Galerie.

Ganz wörtlich sollten wir die Titel seiner Skulpturen keinesfalls nehmen. Hinter ihnen verbirgt sich eine ausgesprochen sinnliche, in Stein, Schichtholz und Bronze materialisierte Variante des berühmten britischen Humors. Trocken abgründig, ein wenig absurd und mit viel Understatement. Bei Tony Cragg, 72, Sohn eines Liverpooler Piloten und Flugzeugkonstrukteurs und einer der kühnsten, innovativsten Bildhauer unserer Tage, heißt das auch vor allem: eine aus Biomorphem, Tektonischem und Technoidem gemischte Metaphorik. Was er soeben wieder in die Ausstellungshalle der sein Werk seit 1983 begleitenden Buchmann-Galerie in Berlin gestellt hat, ist, wie nicht anders zu erwarten, ambivalent und es triggert unsere Fantasie.

„Masks“, geformt aus dem dunklen Holz eines Mooreichen-Stammes, erinnert an unsere Gesichter im Corona-Lockdown. Aber dieser Kopf trägt nicht den mummenschanzartig spitzen FFP-2-Mund-Nase-Schutz, auch nicht die uniformen hellblauen Medizin-Dinger. Das hier ist hochartifizielle Jahresringe-Kunst, in raffinierter Schicht-Technik, die den Eindruck erweckt, das Material bestehe aus lauter kostbar gewebten Bändern. Es ist gemacht aus einem fast Jahrtausende alten Baum. So verbindet der in Wuppertal lebende Brite das Alter mit kaum beschreibbar edler Schönheit: Auf dem Sockel steht eine Symbiose aus Naturschöpfung und menschlichem Formvermögen. Zeitlos ewig.

Ein paar Schritte weiter weg lastet auf weißem Podest der hölzerne Torso einer hellen, im Licht ins Roséfarbene changierenden abstrakten Doppelfigur aus schwellenden Formen. Die Jahresringe und Wurzelaugen entfalten eine geradezu magische Poesie. Alles wirkt wie aus einer Haut geformt bei diesem biomorphen Gebilde von subtiler Sinnlichkeit. Man möchte es anfassen, die Oberfläche streicheln wie ein Baby, was sich bei Kunstwerken natürlich verbietet.

Der haptische Impuls ist freilich schwer zu unterdrücken bei all den sanft gebogenen und geschichteten, den fliehenden und zurückkehrenden Formungen der Bronzen und des Holzes. Dessen malerische, wie von Pinselstrichen überzogene oder mit feinen Rillen versehene Oberflächen verlocken geradezu. Eine der Bronzen gibt den Anschein, sie sei aus grünlich grau marmoriertem Halbedelstein gemacht. Cragg taufte sie „Quadroped“ und gibt die Geschichte dazu preis: Wenn er mit dem Auto von seinem Haus oben am Hang hinunter nach Wuppertal will, fährt er bergab auf ein Kraftwerk zu, förmlich hinein in die Dampf- und Dunstwolken. Dieses Dampfen und Quellen aus vier beinartigen Schloten formte er zum originellen und zugleich zwiespältigen Homunkulus fossiler Energiegewinnung.

Alles wechselt zwischen Schwere und einer der Gravitation entfliehenden Leichtigkeit, zwischen Strenge und Opulenz. Mal hüllen alle diese Formungen ein Geheimnis dramatisch ein, mal dreht sich alles dynamisch wie von innen nach außen, so dass wir an Urformen des Lebens denken.

Solche Bildhauerkunst, in der sich Konzeptuelles mit Emotion, Poesie, ja Philosophie und Zeitkritik verbindet, verschafft Cragg eine solitäre Position in der Kunstwelt. Er beherrscht das Doppelspiel aus abstrahierender Naturanschauung und ästhetischer Innovation. Und er zeigt auch die beunruhigenden Kräfte der Natur wie die bedrohlichen des technischen Fortschritts. Die Dinge sind also nicht das, als was sie erscheinen. Craggs Skulpturen sind als Kraftfelder erlebbar. Als Transmissionen. So kann unsere alltäglich strapazierte Nutzwelt in neuem Licht erscheinen. Als Hoffnung.

Surreal und beklemmend wirkt die goldbraune Bronze „Manipulations“; sie besteht aus zwei großen kräftigen Händen mit tief eingekerbten Lebenslinien, aus deren Fingern wiederum viele greifende Hände wachsen. Eine Baum-Metapher für exponenzielles Wachstum, im guten wie im bedrohlichen Sinne, dann, wenn die Menschen immer mehr Reservate der Natur greifen und sich untertan machen.

2006 erwarb der mit dem britischen Turner-Preis und dem japanischen Praemium Imperiale geehrte Cragg, bis 2013 amtierende Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, in Wuppertal ein verwildertes Gelände. Dort errichtete der Documenta- und Venedig-Biennale-Künstler seinen unvergleichlichen Skulpturenpark namens Waldfrieden. In diesem Natur-Kunstrefugium und in seinem Studio mit mehr als 20 fest angestellten Handwerkern, Technikern und Gestaltern entstehen seine Ideen. Gebilde von Rhythmus, Schwung, Faltung und Schichtung. All das ist wahrnehmbar als Transformationen von Materie zu Energie und umgekehrt. Tony Craggs Gebilde führen vor, dass jeder Körper energetische, spielerische und bedenkliche Kräfte birgt.

Buchmann Galerie, Berlin: bis 22. Mai. Derzeit nur mit Anmeldung über info@buchmanngalerie.com

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