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Gerard van Honthorst: Kohlenblasendes Mädchen mit Liebhaber.

Caravaggio im Frankfurter Städel

Wettkampf der Erregung

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"Caravaggio in Holland" - in dieser Ausstellung gibt es Bilder, von denen der Laie sich nicht vorstellen kann, dass sie 400 Jahre alt sein sollen, so viel Moderne steckt in ihnen. Von Arno Widmann

Caravaggio führt das Licht so, dass der Bizeps des Dornen gekrönten Jesus plastisch hervortritt. Das Wort ward Fleisch, heißt es im Johannesevangelium. Bei Caravaggio ward es Muskel. Die Welt ein Fitness-Studio, in der trainierte Männerkörper in bester Beleuchtung mit einander um die Aufmerksamkeit der Betrachter konkurrieren.

Mit Caravaggios Dornenkrönung Christi von 1603 aus dem Kunsthistorischen Museum Wien beginnt die Ausstellung. Eines der großen Werke der abendländischen Malerei, auch in dem Sinne, dass es sich um spezifisch europäische Malkunst handelt. Die lebensgroßen, fast auf Arm-Entfernung herangezoomten Gestalten müssen gewirkt haben wie die ersten Großaufnahmen im neuen Medium Film. Ihre massive, den Betrachter bedrängende Körperlichkeit, hatte es so vielleicht in der Malerei noch nie gegeben.

Die Schau im Städel zeigt nicht diesen Urknall ins Barock, sondern sie zeigt einige der Druckwellen dieser Explosion: die Utrechter Caravaggisten. Also vor allem Arbeiten von Dirck van Baburen (1595-1624), Gerard van Honthorst (1592-1656) und Hendrick Terbrugghen (1588-1629).

Nach dem ersten Raum, in dem Caravaggios Dornenkrönung Christi neben den sich an sie anlehnenden Arbeiten von Bartolomeo Manfredi und Dirck van Baburen hängt, folgen vier Säle, in denen die Lust am Spiel von Licht und Muskel sich ganz und gar weltlich austoben kann. Es sind Bordell-Szenen, bei denen weitgehend entblößte junge Damen höchst anzüglich zum Tanz aufspielen oder den Betrachter so keck betrachten, wie das einer anständigen Utrechter reformierten Christin nie verziehen worden wäre.

Caravaggio war vorgeworfen worden, die Modelle für seine Apostel und Heiligen sich vom römischen Straßenstrich besorgt zu haben. Bei der Mehrzahl der hier ausgestellten Bilder gibt es keine heilsgeschichtliche Absicherung des gierigen Blicks mehr. Die Hure ist keine Heilige Magdalena mehr. Sie ist eine Hure. Der Sex wird nicht mehr durch die Religion verbrämt und erhöht. Die Kunst selbst hat deren Rolle übernommen.

Der Kurator der Ausstellung, Professor Jochen Sander, stellvertretender Städel-Chef, brachte das bei der Präsentation der Ausstellung auf den Punkt: Einige Wissenschaftler, so sagte er, verträten die Auffassung, bei einigen der dargestellten Damen handele es sich um reale Prostituierte, also gewissermaßen um Reklameschilder eines Bordells. Das stimme wahrscheinlich nicht, meinte Sander, dazu seien die Bilder einfach zu gut. Das Ästhetische killt also das Pornografische.

Das mag bei dem einen oder anderen so sein. Aber war es in den 1620er Jahren in Utrecht so? Vielleicht hat es auch damals neben den Schmuddel- die edlen Softpornos gegeben, neben Linda Lovelace Laura Antonelli? So sehr die wuchernden und überwuchernden Dekolletees der abgebildeten Damen die Sinnlichkeit des Betrachters ansprechen, so wäre das doch nichts, wenn das Fleisch nicht so atmend weich dargestellt wäre.

Die Hand des Betrachters kann - ganz unabhängig von seinem Kopf - gar nicht anders, als sich dorthin sehnen, wo der junge Mann auf Gerard van Honthorsts Bild "Kohlenblasendes Mädchen mit Liebhaber" die seine schon hat. Es ist eine merkwürdige Welt, in der man die sexuelle Erregung heraushalten muss, um sie zeigen zu können. Wer die Bilder betrachtet, wird sich dem Eindruck kaum entziehen können, dass sie genau gegen diese Vorstellung gemalt wurden. Sie erregten und sie sollten erregen. Es fand ein Wettkampf statt auch darum, wie besser zu erregen sei.

Die ästhetischen Mittel wie Komposition und Lichtführung standen im Dienste dieses Interesses. Es ging ganz wesentlich dabei um das Gefühl, mit den Dingen, den Körpern selbst und nicht ihren Abbildern konfrontiert zu sein. Es ging um Überwältigung, nicht um Betrachtung. Das war nicht nur eine ästhetische Strategie. Es war der Versuch, sich die Welt anzueignen, sich nicht mit den vorgeschriebenen Blicken auf sie zufriedenzugeben. Man spürt diese Lust am Leben und die Lust an der Lust in vielen dieser Bilder.

Das ist kein Zustand, der sich perpetuieren lässt. Erregung flaut ab. Sie wird dann noch eine Weile imitiert. Täuschend gut imitiert, aber der Betrachter merkt, wie sich die Kunstfertigkeit der Effekte annimmt. Man betrachte Dirck van Baburens "Musizierende Gesellschaft". Der Kopf des Lautenspielers. Die Bravour, mit der die rote Nase als plastischer Körper sich vom Gesicht abhebt, erinnert an die Autos des amerikanischen Fotorealisten Ralph Going. Wie einen die Augenbrauen von Caravaggios Lautenspieler an Picassos Porträts seiner klassizistischen Periode erinnern.

Der Urknall Caravaggios lässt sich bis in die Gegenwart hören. Es gibt in dieser Ausstellung auch Bilder, bei denen der Laie sich nicht vorstellen kann, dass sie 400 Jahre alt sein sollen. So viel Moderne steckt in ihnen. Ist die Plastizität und leichte Überdimensionierung vor allem des rechten Armes des eine Frucht schälenden Knaben wirklich die Tat Caravaggios oder ist da nicht doch des Klassizismus der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hindurchgegangen? Es ist schade, dass der Katalog außer "Privatsammlung" nichts über die Herkunft des Bildes vermerkt. Wäre es schon vor 1900 belegt, wäre der Laienblick widerlegt.

Wie der Reiz der Sinnlichkeit und die Lust am Sehen und Fassen den Sherlock Holmes in uns weckt. Wie leicht wir uns dem Spiel der Ähnlichkeiten, der Assoziationen hingeben. Welchen Spaß es uns macht - bewaffnet mit den Augen der Bilder - am Main entlanggehend die Körper der uns Entgegenkommenden zu taxieren. Der aus der Ausstellung ins Büro Zurückkehrende dankt den eben gesehenen Bildern. Er genießt, was er sieht. Dass er dabei selbst zu einer komischen Figur wird, zu einem drolligen Alten, der seine Umgebung mit riesigen Pupillen anschaut, schadet da nichts. Es steigert den Genuss noch. Die Kunst, das zeigen die Caravaggisten, ist unverschämt, ist schamlos. Sie feiert das Leben. Sie ist ein Fest. Nicht nur für die Augen.

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