Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Faszination für den Sozialismus: Schönebecks Majakowski-Porträt von 1965.
+
Faszination für den Sozialismus: Schönebecks Majakowski-Porträt von 1965.

Schirn Frankfurt

Werke eines Wütenden

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
    schließen

Eugen Schönebeck malte nur zehn Jahre lang – Anfang der sechziger Jahre, interessierte sich freilich kein Mensch für einen ungeschönten malerischen Realismus, Informel und Tachismus waren in. Doch Schönebeck wollte nicht verdrängen: Eine Retrospektive in der Frankfurter Schirn

Eugen Schönebeck malte nur zehn Jahre lang – Anfang der sechziger Jahre, interessierte sich freilich kein Mensch für einen ungeschönten malerischen Realismus, Informel und Tachismus waren in. Doch Schönebeck wollte nicht verdrängen: Eine Retrospektive in der Frankfurter Schirn

Ein halbes Jahrhundert später erzählte Eugen Schönebeck der Kuratorin Pamela Kort am Telefon, worum es ihm letztlich gegangen sei. Dass er versucht habe, „in solchen Gemälden einen gewissen Tenor an die Oberfläche kommen zu lassen – ein Bewusstsein der Krise, einer alles durchdringenden Traurigkeit, Grausamkeit und sogar Perversität –, das ich im Werk meiner Kollegen vergeblich suchte“. Noch heute stehen wir schaudernd vor diesen Gefolterten, deren malträtierte, Abscheu erregende Leiber letztlich beredsamer sind als Worte. Fleischklumpen, die Unaussprechlichem Form geben, aufwühlende Zeugnisse dessen, was Menschen einander antun.

In der Entstehungszeit dieser Gemälde, Anfang der sechziger Jahre, interessierte sich freilich kein Mensch für einen malerischen Realismus, der die Dinge ungeschönt auf den Punkt brachte. Mit der als modern geltenden Formensprache von Informel und Tachismus suchte man der Vergangenheit und dem figurativen Formenrepertoire, das man darin verhaftet glaubte, doch gerade zu entkommen. Eugen Schönebeck wollte nicht verdrängen.

Geboren 1936 in Heidenau bei Dresden, hat der Künstler die Folgen des Krieges als Kind erlebt. Er sah die Zwangsarbeiter an seinem Wohnhaus vorbei marschieren, durchlebte Bombenangriffe im Keller, sah die Leichen deutscher Soldaten auf der Straßen liegen. Einmal kam er an einem ausgebombten Bauernhof vorbei, sah Möbel und Spielzeug zwischen zerfetzten Tierkadavern. Ein Bild, das sich dem Künstler eingebrannt hat.

Weggefährte Baselitz

Dass Eugen Schönebeck heute allenfalls Kennern ein Begriff ist, liegt vor allem daran, dass sich der Künstler, konsequent wie nur wenige, aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen hat. Nach 1967 malte er kein Bild mehr, falls doch, hat er es keinem gezeigt. Viele der bis dahin entstandenen Gemälde zerstörte der einstige Weggefährte und enge Freund von Georg Baselitz, so dass heute neben einer Reihe von Tuschezeichnungen nur noch 35 Gemälde übrig sind, alle entstanden zwischen 1957 und 1967.

Gezeigt werden sie jetzt in der Schirn Kunsthalle Frankfurt in der bisher einzigen umfangreichen Eugen-Schönebeck-Retrospektive zu dessen 75. Geburtstag, und die Kunstwelt scharrt aufgeregt mit den Füßen. Zum einen, weil die Szene stets Respekt davor hat, wenn einer, zumal ein Begabter, auf sie pfeift. Zum anderen, weil das Werk tatsächlich zu den ungewöhnlicheren seiner Zeit gezählt werden muss.

1955 begann der Ostdeutsche Schönebeck ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Westberlin, wo er zwei Jahre später Georg Baselitz kennenlernte, mit dem er zwei „Pandämonische Manifeste“ verfasste, die damals jedoch kaum jemanden interessierten.

Majakowski, Lenin, Trotzki

Zum bis heute andauernden Bruch der beiden Künstlergefährten kam es übrigens 1962 durch eine unwichtige Ausstellung in den Hilton-Kolonnaden, für die Schönebeck sich alleine beworben und mit der er einen Eid gebrochen hatte, nur mit Baselitz gemeinsam auszustellen. Die Schau wurde kein Erfolg, die Kritiken waren vernichtend.

In die nur zehn Jahre währende Periode seines Schaffens fallen zwei große stilistische Zäsuren: Zunächst probierte Schönebeck es wie seine Zeitgenossen mit Abstraktion. Seit 1961 fand er jedoch (in enger Symbiose mit Baselitz) zu einer gestischen Figuration, um fortan seine makabren Motive mehr und mehr zu konkretisieren. Es entstanden wütende Werke, die sich an Individualisten wie Francis Bacon und Wols orientierten und 1963/64 in einer Serie merkwürdiger Kreuzigungsmotive gipfelten.

1964 schließlich läutete Schönebeck mit „Der wahre Mensch“ eine Reihe von Porträts ein, die mit ihrer deutlich flächigeren Bildsprache die Ästhetik des Sozialistischen Realismus zitieren und mit Schönebecks wachsender Begeisterung für den Kommunismus zusammenhängen. Es handelt sich, so scheint es zumindest, eher um Entwürfe für monumentale Wandgemälde als um gängige Staffelmalerei. Die interessierte ihn ohnehin immer weniger, doch in Westdeutschland hatte niemand Verwendung für linke Propaganda. Schönebecks Porträts von Majakowski, Lenin, Trotzki lösten Befremden aus.

Als am 8. Januar 1965 der Stern einen Artikel über Mao Tse-tung brachte, dazu ein Foto, das den Diktator Zigarette rauchend neben einer Tasse Tee zeigt, nutzte Schönebeck das Bild als Vorlage für ein gewaltiges Porträt. Die Zigarette ersetzte der Maler durch eine Rose. Drei Jahre später sollte Gerhard Richter es ihm gleich tun, vier weitere Jahre dauerte es, bis Sigmar Polke und Andy Warhol den Pop-Appeal des Chinesen erkannten und Mao zu einer Ikone machten.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 15.Mai. www.schirn.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare