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Im Pompidou: „Le Langage des Fleurs et des choses muettes“ (1995-2015).

Anselm Kiefer

Wenn ein Stern explodiert

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Die Franzosen feiern ihren deutschen Lieblingskünstler Anselm Kiefer mit einer Werkschau im Centre Pompidou in Paris. Für ihn ist es zunächst die Zerstörung, aus der etwas Neues hervorgeht.

Ein paar Wochen ist es erst her. Der aus Donaueschingen stammende Wahlfranzose Anselm Kiefer steht in seinem Atelier, in der Linken eine Zigarre, in der Rechten eine Machete. Halb lässig, halb kraftvoll holt er aus, bohrt die Klinge in eines seiner Werke. Brocken lösen sich vom Leinwandgrund, fallen zu Boden. Ist es Lehm, Gips, Blei, Asche?

Darauf kommt es dem Künstler nicht an. Was für ihn zählt, ist das Gesetz des Werdens und Vergehens. Wobei er die Reihenfolge umkehrt: Erst ist da für ihn die Zerstörung, dann erst geht aus dem Zerstörtem Neues hervor. „Wenn ein Stern explodiert, bleibt alle Materie im Kosmos, sie setzt sich nur irgendwann neu zusammen“, sagt Anselm Kiefer.

Die Szene aus dem Atelier, die Worte des 70-Jährigen, sie erweisen sich nun als vortreffliche Einstimmung auf die ihm im Centre Pompidou gewidmete Retrospektive. Genau darum geht es doch auch hier über den Dächern von Paris. In zehn Ausstellungssälen künden mehr als 150 Bilder, Vitrinen und Installationen von Tod und Wiederauferstehung, von vernichtendem wie reinigendem Feuer, von verbrannter Erde, aus der eines Tages neues Grün sprießen mag, von Phoenix, der sich aus der Asche erhebt – das Ganze in gigantischem, geradezu kosmischem Maßstab. Wobei Kiefer, dessen Werk die Widersprüchlichkeit zelebriert, das Kosmische dann auch wieder entschlossen herunterbricht: auf Deutschland, auf das Deutschtum, auf die deutsche Geschichte, die deutsche Kultur, die deutsche Romantik und vor allem auf die Nazis, die sich all dessen bemächtigt, es entstellt oder verstümmelt haben.

Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren, Kiefers kreativster Schaffensphase, steht die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ganz obenan. Sie liefert die Triebkraft, ins Monumentale auszugreifen. Dass Zerstörung Neues hervorgehen mag, klingt in diesen Werken kaum an. Unbändigem Zorn scheinen sie ihre Entstehung zu verdanken. Zorn zunächst auf die Barbaren. Zorn aber auch auf diejenigen, die in Deutschland die nationalsozialistische Barbarei dem Vergessen zu überantworten suchen, anstatt unter Schmerzen Trauerarbeit zu verrichten, wie der Künstler selbst dies tut.

Was in diesem Spannungsfeld entstanden ist, rührt an, lässt schaudern, sei es das verbrannte Pommernland, der zur Ruine verkommene Prunksaal der von Albert Speer konzipierten Reichskanzlei in Berlin oder auch das Selbstbildnis des Malers, die Wehrmachtsuniform des Vaters am Leib, den Arm zum Hitlergruß erhoben. Dass Kiefer immer wieder die Vergangenheit eingearbeitet hat, Dichtern der Romantik seine Reverenz erweist, den Mythos Wald beschwört, der Nibelungensage huldigt oder den Brüdern Grimm, eröffnet keine Fluchtgelegenheiten und spendet auch keinen Trost. Denn der Künstler hat es ja nur getan, um die Anklage auszuweiten. Die Nazis haben sich all dessen ebenfalls bemächtigt, lautet die Botschaft der Bilder.

Aber was heißt Bilder. Gesamtkunstwerke sind es, virtuos komponierte Collagen aus Leinwand, Holz, Fotografien, Asche, Blei, Öl, Acryl, Pflanzen. Nicht zu vergessen die Dichtung. Zumal Worte Paul Celans und Ingeborg Bachmanns arbeitet der Künstler ein. Er selbst, hat Kiefer einmal gesagt, hätte auch Dichter werden können, wäre er nicht durch Zufall Maler geworden.

Jean-Michel Bouhours, der durch die Ausstellung führende Kurator, setzt Romantik, Waldesliebe und Nibelungensage wie selbstverständlich in eins mit deutscher Kultur. Das mag befremden und seinerseits rückwärts gewandt (und romantisch) wirken, lehrreich sind Bouhours Worte dennoch. Sie erinnern daran, dass die bestehende Vielfalt – im Guten wie im Bösen – im Ausland nicht überall wahrgenommen wird, dass dort vielerorts als deutsche Kultur gilt, was Kiefer aufgreift, woran er sich reibt, was ihn Anfang der neunziger Jahre „ins französische Exil“ getrieben hat, wie er sagt.

Feststeht, dass Kiefer in Frankreich nicht nur zu den angesehensten deutschen Künstlern der Gegenwart zählt. Er ist dort der angesehenste schlechthin. Keinem der Kollegen ist so viel Ehre zuteil geworden wie ihm. Im Grand Palais hat er 2007 den Zyklus der Monumenta eröffnet, zwei Jahre später in der Opera de la Bastille „Am Anfang“ aufgeführt, ein Gesamtkunstwerk, zu dem Kiefer Text und Bühnenbild beisteuerte und der Komponist Jörg Widmann die Musik. Und nun kommt der Maler und Bildhauer auch noch im bedeutendsten französischen Museum für zeitgenössische Kunst zu Ehren.

Mitte der achtziger Jahre weitet sich Kiefers Blick. Nach Reisen in den Nahen Osten, gerät er in den Bann des Judentums, seiner Mythen und altägyptischer Symbolik. Das Gemälde „Die Orden der Nacht“ zeugt davon. Ein Selbstbildnis des Autors ist es. Wie tot ruht er unter gigantischen schwarzen Sonnenblumen. Für Sterne stehen sie, die auf der Erde ihr Leuchten verloren haben.

Später betritt er auch noch das Neuland der Farbe. Auf Ruinenfeldern sprießen nun Blumen. So sehr sich dies in Kiefers Theorie fügt, wonach zerstörte Materie Neues hervorbringt, die Umsetzung überzeugt weniger. Die pastellfarbenen Tupfer, die der Maler aufgetragen hat, sind keine Bereicherung. Sie berauben die Bilder der Zerstörung nur ihrer Kraft.

Und auch die eigens für die Retrospektive erschaffene, die Werkschau beschließende Installation „Über Deutschland“ beeindruckt mehr durch den vom Schöpfer betriebenen intellektuellen Aufwand als durch das, was sich dem Auge darbietet. Der Künstler scheint zu den Anfängen seines Schaffens zurückgekehrt. Da ist er wieder, der dunkle Tannenwald. Und auch die deutsche Geistesgeschichte à la Kiefer ist wieder da. Ein Stammbaum weist Heinrich von Kleist aus, Friedrich Hölderlin, Johann Gottlieb Fichte oder auch die Brüder Grimm. An einem Seitenast prangt der Name der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Zwischen Wald und Stammbaum sprießen Riesenpilze aus dem Sand, der den Saalboden bedeckt. Auch sie tragen Namen.

Verheißt die Installation Erkenntnisgewinn? Verbreitet sie emotionalen Nebel? Ist das Ganze womöglich ein Tiefsinnsversprechen, das Kiefer nicht einzulösen vermag? Ist es banal? Oder genial? Fragen sind das, die sich schon vor ein paar Wochen stellten, als Kiefer in seinem Atelier vom ewigen Werden und Vergehen sprach.

Centre Pompidou, Paris: bis 18. April. www.centrepompidou.fr

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