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Die  Ausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ zeigt die Bilderwelt des hochklassischen Athen und erzählt den Gründungsmythos der Stadt.
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Die Ausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ zeigt die Bilderwelt des hochklassischen Athen und erzählt den Gründungsmythos der Stadt.

Liebieghaus

Wenn der Mythos erzählt

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Eine exquisite Athen-Ausstellung ist aktuell im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Die Besucher begeben sich auf eine über zwölf Stationen dauernde Zeitreise.

Es gab unermesslich viel zu erzählen, und die Geschichten konnten nicht ausschweifend genug sein. Kamen sie auch noch so ungeheuerlich daher, dann, vor allem, war es gut. Denn unglaubhaft war das Ungeheuerliche ja keineswegs.

Enorm viel zu erzählen hatten Vase oder Fries, Skulptur und Architektur. Dabei wurde das Unglaubliche, wie es jetzt in Frankfurts Liebieghaus vor Augen geführt wird, nicht daran gemessen, ob es unglaublich war, sondern unvergesslich. Mit dem Ausstellungsparcours schickt Vinzenz Brinkmann den Besucher auf eine Zeitreise über zwölf Stationen, denn gemäß der zwölf Monate des attischen Kalenders hat der Kurator seine Schau eingerichtet, und wenn ein jedes Kabinett stark szenographisch bearbeitet wurde, macht das anschaulich, wie stark attisches Jahr und Athens Alltag szenisch durchrhythmisiert waren. Geprägt von Riten und Zeremonien floss, wie auf Vasen oder Schalen zu sehen, viel Blut. Es war nicht nur Opfertierblut; gegründet waren Athens Anfänge auch auf Menschenopferblut.

Historisch führt die Zeitreise ein in das goldene Zeitalter des Perikles, einer überwältigenden Wiederaufbauleistung. Athen, um 480 v. Chr. zweimal niedergemacht von den Persern, entwickelte sich aus dem „Perserschutt“ heraus in rund fünf Jahrzehnten zur Modellstadt. Dem Liebieghausbesucher wird wahrhaftig demonstriert, wie unter der Perikles-Herrschaft und der „Regie des kongenialen Künstlers Phidias ein gigantischer Verbund von Heiligtümern und ein raffiniertes Netzwerk der Bilder“ (Brinkmann) entstand.

Denn so sehr die Ausstellung im hochklassischen Athen historisch verortet ist – trotz des radikalen Neubeginns erzählt Brinkmann mit seiner Schau, unterstützt durch Leihgaben aus dem Louvre oder dem British Museum, aus dem Vatikan, aus München, Berlin, Wien oder Neapel, zugleich vom Gründungsmythos der Stadt.

Rotbraun zeigt ein Weingefäß die Geburt der Athena, ihre Kopfgeburt aus dem Haupt des Zeus. Rostbraun präsentiert eine Bronze-Statuette die Schirmherrin über die Stadt. Und die berühmte Athena des Myron aus Städelbesitz gibt sich salzweiß an der Seite einer römischen Wiederholung eines Originals, das die Griechin mit makellosen Attributen einer Madonna versah. Mythen sind eigenwillig, denn das ist das Recht des Mythos, dass sich seine Legenden verselbstständigen.

Um 440/430 v. Chr. huldigten die Künstler dem Leben mittels frappanter Lebensähnlichkeit. Plastisch ist die Erotik einer tanzenden Mänade – wie auch anders in der unmittelbaren Umgebung des Dionysos. Plastisch offenbart sich der Kult, bei dem eine nackte Frau einen ganzen Phallus durch die Szene trägt, der größer ist als die ganze nackte Frau. Plastisch tritt auf der sogenannten Würzburger „Theaterscherbe“ die Perspektive vor Augen, um nicht zu sagen erregend präzise.

Zur prallen Lebensähnlichkeit gehörte, dass die legendäre Athena sich der Zudringlichkeiten des Schmiedegottes Hephaistos zu erwehren hatte. Es blieb nicht nur beim festen Willen, und der Wille ebenso wenig wie der Mythos, wurde nicht daran gemessen, ob er gut oder schlecht war. Allein dass er erregend war, zählte – so dass das Sperma, das der geile Gott auf seinem Oberschenkel fand, mit Wolle abwischte und zu Boden warf, wo der Samen die Erdgöttin Gaia befruchtete, die neun Monate später einen Knaben gebar, Erechtheus.

In einem Wickeltuch, zeigen die Darstellungen, nahm die jungfräulich gebliebene Athena ihren Sohn entgegen. Großgezogen von seiner Ziehmutter, wächst Erechtheus heran, wächst er hinein in die Rolle des Herrschers über Athen, die jedoch angefochten wird. Und hier kommt erneut Poseidon ins Spiel, bekannt als Gott des Meeres, der zuvor bereits mit Athena im Wettstreit lag. Unvergessen, dass er ihr unterlag, was den Meeresgott vor Wut wahrhaftig schäumen ließ. Wissen muss man allerdings auch noch, dass er, um Rache zu nehmen, seinen Sohn Eumolpos mit einem Heer gegen das Athen des Erechtheus ziehen ließ.

Aggressor und mythischer König Athens: Zwei Meter messen die Bronzeskulpturen, die berühmten „Krieger von Riace“, benannt nach ihrem Fundort, 1972, auf dem Meeresgrund vor der Stadt an der Küste Kalabriens. Die beiden Rekonstruktionen, zwei nackte, bronzefarbene Heroen, treten dem Liebieghausbesucher nicht etwa auf Augenhöhe entgegen, sondern leicht überlebensgroß, der König mit attischem Helm, der Rivale mit der Fuchsfellkappe der Thraker.

Damit wird, wie schon vor drei Jahren in der Vorgängerausstellung über das klassische Athen angedeutet, jetzt eine sensationelle Entdeckung nahegelegt: dass die beiden Bronzestatuen auf der Akropolis vor dem Tempel der Athena aufgestellt waren, bewaffnet, muskelbepackt, mit blitzenden Augen. Athens Fürst mit vorgewölbten Lippen und gebleckten Zähnen. Der Widersacher, der Sänger aus Thrakien, mit summenden Lippen, wie auch die Replik es darstellt.

Herrlich ist der Reichtum der Vasen und Büsten, der Gefäße und Statuen, die im Liebieghaus in Szene gesetzt werden. Heroisch war das Bildprogramm des Parthenons, des Tempels auf der Akropolis. Denn allein 160 Meter maß der Fries, der, im Gebälk des Tempels, die Sagen summen ließ. Auf jeder der zwölf Liebieg-Stationen veranschaulicht ein Friesfragment den Gang einer dramatischen Handlung, immer wieder blutiger Rituale – darunter die grauenvolle Reaktion des Herrschers auf seine verzweifelte Lage. Dem Orakel des Apoll folgend, opferte der Fürst, um die Niederlage seiner Stadt abzuwenden, die Erstgeborene seiner sechs Töchter. Von Opferriten auf Vasen wird ein marmorner Opferaltar in die Mitte genommen. Auch er ein Liebieghausschatz.

Chthonia ist das personifizierte Menschenopfer, über das der Vater in der Tragödie des Euripides das Urteil spricht: „Ich liebe meine Kinder, doch mehr liebe ich meine Vaterstadt.“ Abwägend setzt sich die Liebe als Grauen durch.

Wenn die Ausstellung neben bewegtem Bild oder Fotografie auch auf das Dionysos-Theater hinweist, so ist das ein Fingerzeig darauf, dass das Stück, von dem ein Fragment erst 1960 gesichert werden konnte, wohl um 422 v. Chr. aufgeführt wurde, in der aus Ruinen aufgestiegenen Stadt.

Zur Mannigfaltigkeit des Erechtheus-Mythos gehört, dass er, der erdgeborene Heros, für seinen tödlichen Triumph über den Göttersohn Eumolpos mit dem Tode bestraft wird. Es trifft ihn der Blitz des Zeus, es rammt ihn der Dreizack des Poseidon in die Erde. Was wäre der Mythos, wenn nicht eine weniger seriöse als vielmehr effektsichere Erzählung.

Der achte Monat des attischen Kalenders feierte den Rausch, die elfte Liebieghausstation bebildert die Reinigung. Zum Ritual der Katharsis gehörte die Steinigung von zwei Sündenböcken. Auch an dieser Tatsache, wie das vernunftorientierte Athen nicht abließ von archaischen Gepflogenheiten, geht die Ausstellung überhaupt nicht flüchtig vorbei.

Die Legende von Erechtheus hat sich Athen nicht anders als konziliant vorstellen können – als ein weiteres Fest, als Versöhnungsfest. Strahlendes Athen. In dessen Bannkreis findet sich der Besucher auch in einem letzten Raum ein, in einem 13., wie zum Epilog, mit Gipsabdrücken aus den berühmten Göttinger Beständen, einem schönen Akropolismodell unter Glas. Mit der weltberühmten Marmorherme des Perikles aus den Vatikanischen Museen. Mit dem Portrait des Phidias – wirklich des Phidias? Auf jeden Fall eine Weltberühmtheit aus Kopenhagen. In dem monochromen Kosmos sticht umso mehr ein ionisches Kapitell in lebhafter Farbigkeit ab.

An der Wand auch ein Plan Athens, bewusst ein wenig unbeholfen gehalten, wie einem eifrig geführten Schulheft entnommen. Was die Karte vor Augen führt, ist so etwas wie ein Masterplan für das klassische Athen. Oder, nicht weniger zeitgenössisch ausgedrückt: ein Themenpark für eine spektakuläre Stadt, die man sich allerdings nicht makellos weiß, sondern, deswegen dieses eine farbige Kapitell, bunt bemalt vorstellen muss. Die weiße Antike – eine Legende, halt ein klassischer Mythos. Zu seiner Erzählweise gehört, dass er sich nicht mit jeder Kleinigkeit aufgehalten hat.

Liebieghaus, Frankfurt: bis zum 4. September. Zur Ausstellung ist ein reichhaltiger Katalog im Michel Imhof Verlag erschienen (206 S., 29,90 Euro).

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