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Federn eines Armrings aus Brasilien.
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Federn eines Armrings aus Brasilien. Wolfgang Günzel

Kunst

Weltkulturen: Manchmal ist der Himmel grün

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Das Weltkulturenmuseum Frankfurt zeigt, wie Farben die Welt und das Leben ordnen

Manchmal scheinen Dinge in Unordnung zu geraten. Ein grüner Himmel und blaues Gras? Eine ungewöhnliche Kombination. Aber so einfach ist es nicht. Farbe ist ein kulturelles Phänomen. Während alle Menschen in der Regel das gleiche sehen, können Bedeutungen, Interpretationen und Assoziationen voneinander abweichen – je nach kulturellem Kontext. So ist in der japanischen Dichtung vom „grünen Himmel“ und „blauen Gras“ die Rede, weil es in Japan lange keine klare Unterscheidung zwischen diesen Farbtönen gab.

Was für europäische Augen Unordnung ist, ist tatsächlich eine andere Farbwelt. Das Zusammenspiel dieser Welten steht im Mittelpunkt einer neuen Ausstellung des Frankfurter Weltkulturenmuseums. Unter „Grüner Himmel, blaues Gras. Farben ordnen Welten.“ beleuchtet das Museum das Phänomen Farbe aus verschiedenen Perspektiven.

Auf zwei Stockwerken treffen die naturwissenschaftlichen und historischen Grundlagen der Wahrnehmung auf Objekte aus Neuguinea, Polynesien, Tibet, Java, Zentral- und Westafrika sowie dem Amazonasgebiet. Das Ziel: Farben und kulturelle Zusammenhänge in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Der Blick durch die Brille der westlichen Farbtafel verdecke oft das Wesentliche, sagte der Kurator Matthias Claudius Hofmann am Mittwoch zur publikumslosen Ausstellungseröffnung. „Das wollen wir aufbrechen.“

Dabei folgt das Museum einem pädagogischen Konzept: erst die theoretischen Grundlagen, dann die Fallbeispiele. Also erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Nein, denn das Museumspublikum wird eingebunden, es darf experimentieren: Wie fällt Licht in einen Glaskörper, was passiert, wenn man es durch ein dreiseitiges Prisma lenkt? Spiele mit Licht und Dunkelheit, mit dem Mischen und Überlagern der Spektralfarben. Das also sind sie, die physikalischen Grundlagen des Lichts, aber wie wird es benannt?

Intellektuell und sinnlich

Abstrakte Farbwörter wie Grün und Blau greifen oft ins Leere, weil ihre ursprünglichen Bedeutungen uns nicht mehr bewusst sind. Grün etwa kommt vom germanischen groa, ein Verb: wachsen, keimen, sprießen. Etwas wächst, etwas grünt - die Verbindung zur Pflanze liegt nahe. In anderen Sprachen wird der Bezug oft noch deutlicher - Schokoladenbraun (Cokelat) im Indonesischen, Karottenfarben (Stapilosperi) im Georgischen.

Schon zu Beginn des Rundgangs wächst der Eindruck, dass das Farbsystem des US-amerikanischen Malers und Kunstlehrers Albert Henry Munsell der komplexen Beziehung zwischen Sprache und Farbe nicht gerecht wird. Es ordnet Farben nach Farbton, Helligkeit und Sättigung auf einer Skala. Mathematisch präzise, aber mit Leerstellen: Soziale und kulturelle Aspekte einer Farbe und ihrer Bezeichnung werden ebenso ignoriert wie die oft enge Verbindung einer Farbe an ihre Materialität. Gold ist eine Farbe und ein Stoff, zu seinem visuellen Eindruck kommen materielle Eigenschaften und kulturelle Zusammenhänge.

Die Ausstellung fordert intellektuell heraus, ist aber auch sinnlich: Rasseln aus Seeschnecken, Armringe aus Elfenbein, Pfeifenköpfe aus Catlinit, eindrucksvolle Porträts indigener Menschen, ihre Skulpturen und Schattenspielfiguren, Initiationsriten und Trauerbräuche - alles bunt, schillernd, dann wieder schwarz und weiß.

Großen Raum nehmen die „Farben der Avim“ ein. Ein Höhepunkt der Ausstellung. 1961 hatte der deutsche Ethnologe Eike Haberland im Dorf Avim in Papua-Neuguinea Malereien der indigenen Bevölkerung gesammelt und eine bemalte Wandverkleidung erworben, die dann in den Besitz des Welterbemuseums überging.

Knapp 58 Jahre später reiste der Ethnologe Tomi Bartole erneut in das Dorf. Dort waren die Menschen inzwischen Christen und trugen Shirts mit den Logos US-amerikanischer Sportmannschaften. Ihre Mythen aber hatte sich die Bevölkerung trotz westlicher Einflüsse bewahrt - und erweckte sie in neuen Malereien wieder zum Leben. Die Bilder von damals und heute treffen im Frankfurter Welterbemuseum nun aufeinander. Sie zeigen eine Bildsprache mit zwei visuellen Buchstaben: Auf eine rote Grundfläche, gewissermaßen ein Bildschirm, werden entweder mit weißer oder schwarzer Farbe spiralförmige Muster gemalt. Sie erzählen vom Leben am Fluss und den Bergen, vom Entstehen der Welt, erzählen die Geschichte der Geister und sind selbst Geister.

Auch die Pandemie bricht mehrfach in die Ausstellung hinein. Im vergangenen Jahr war das Team um Kurator Hofmann mit dem Coronavirus konfrontiert. Man entschloss sich, es in der Ausstellung zu verarbeiten, einen Anlass gab es: Plötzlich wurden Masken getragen. „Und der Verlust des Gesichtes wurde ausgeglichen mit Farben, Mustern und Logos auf den Masken“, erklärt Hofmann. Auch Corona hat eine Farbe. Auf die neuerliche Schließung der Museen hätte man am Frankfurter Museumsufer allerdings verzichten können.

Weltkulturenmuseum Frankfurt: bis 30. Januar 2022. Online-Führungen am 8. und 22. April. weltkulturenmuseum.de

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